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Späte Erstaufführung: "Yvonne, die Burgunderprinzessin" im Chemnitzer Schauspielhaus

Späte Erstaufführung: "Yvonne, die Burgunderprinzessin" im Chemnitzer Schauspielhaus

Die späte Erstaufführung von Witold Gombrowiczs "Yvonne, Prinzessin von Burgund" im Chemnitzer Schauspielhaus gestaltete sich eher unspektakulär, besticht aber durch ihre Ästhetik und konsequente Stilisierung.

Bis ins Detail durchdacht, bleibt sie doch rätselhaft, sucht keine Erklärung für das Unerklärbare, Unformbare, in dem die eigentliche Provokation des Stücks besteht. Die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik, die damit ihr Debüt an einem deutschen Theater gibt, verzichtet bei ihrer Inszenierung dieses Klassikers der Moderne auf jede konkrete Form von Aktualisierung, setzt dafür gemeinsam mit Henrik Ahr (Bühne) und Alan Hranitelj (Kostüme) auf Abstraktion und klare Strukturen, die das der Märchenwelt entlehnte Motiv bedienen und zugleich auf skurril absurde Weise überhöhen. Der Hof erscheint in weißen Uniformen, die ein wenig an K. & K. erinnern, (aber) mit ihrer Eleganz den Figuren eine äußere Würde verleihen, der sie in Wahrheit kaum gerecht werden.

Es geht um den Traum von Glück Gerechtigkeit und Menschlichkeit, um Mythen, die eingeschlossen sind in die Märchen vom Aschenputtel, der klugen Bauerntochter und von strahlend schönen, klugen und warmherzigen Prinzen, von manchmal weisen und toleranten Königen, an denen letztlich alle Intrigen scheitern - anders gesagt um die Verheißung eines für jedermann möglichen Aufstiegs, mit denen die sogenannte gute Gesellschaft zu allen Zeiten das einfache Volk ruhig zu stellen sucht. Bei Gombrowicz allerdings scheitert das Exempel und läuft auf eine Farce hinaus, in der sich in diesem Fall ein Ensemble auf professionelle Weise richtig bösartig ausleben kann, ohne vordergründig den moralischen Zeigefinger zu heben oder politische Statements abzugeben.

Als eine Reisende oder Stellung Suchende steht sie da im geblümten Sommerkleid, unbeholfen und unschlüssig, die rotblode Yvonne (Annett Sawallisch). Wohl ein Mädchen vom Lande, aber ohne Gespür für schweres Wetter, und so wird sie unversehens begraben von einer Flut aus übergroßen Luftballons, die sich dank Beschwerung mit jeweils einer Handvoll Sand wabernd und tückisch auf dem ganzen Bühnenboden ausbreiten. Dickicht der Wälder, Dickicht der Paläste, Irrgarten von Beziehungen, in dem man gelegentlich verschwinden, sich verbergen kann. Aber sobald man sich nicht bewegt, zieht man eine Spur aus leise hüpfenden Ballons, die so manches vermuten lässt.

So oder so, Prinz und Thronfolger Philipp (Sebastian Tessenow) findet sie, nimmt sie wahr als provozierend bunten Fleck in seinem eintönigen Dasein, und aus einer Laune, nicht aus Armut, sondern aus Überfluss interessiert er sich für sie, will sie gar zu seiner Verlobten machen. Seinen Freund Zyrill (Yves Hinrichs), der zwar fast immer pünktlich auf Zuruf herbeieilt, braucht er dazu eigentlich nicht. Der Gefährte ist offenbar überhaupt nur da, weil ein Prinz nicht ohne Begleiter sein kann, und auch sonst hat es den Anschein, als ob die Personen vor allem deshalb auftreten, weil bzw. wenn es die überkommenen Regeln respektive (in alt und neu geschickt gemischten) Vorurteile so verlangen.

König Ignaz (Bernd-Michael Baier) und Königin Margarete, mindestens leicht indigniert, üben sich demnach erstmal in Toleranz oder diplomatischer Abwartehaltung, scheitern aber, trotz Unterstützung des emsig hin- und herwuselnden Kammerherrn (Hartmut Neuber) bereits daran, dem großen groben Kind die einfachsten höfischen Manieren beizubringen. Am Ende verbeugt sich der ganze Hof vor der Begriffsstutzigen, die auch gegenüber Annäherungsversuchen und angebotenen Delikatessen unempfänglich bleibt. Doch Yvonne macht nichts aus dem Kapital, dass ihr da unverhofft zu Füßen liegt. Dass sie ganz überwiegend nicht spricht, könnte sogar von Vorteil sein, aber auch daraus macht sie nichts. Sie steht immer nur herum und bringt durch ihre Nicht-Reaktion das ganze gesellschaftliche Gefüge durcheinander.

Wie sie so unerreichbar dasteht, provoziert sie auf der anderen Seite Bemühen, das keineswegs rein parodistisch, sondern durchaus auch psychologisierend und mit philosophischem Scharfsinn abgespult und reflektiert wird. In der Nähe beinahe echter Verzweiflung muss um so mehr auffallen, dass sich Yvonne wie eine aufgezogene mechanische Puppe bewegt, die die wenigen ihr eingegebenen Sätze meist im falschen Moment und mit unangemessenem Ausdruck hersagt. Was Philipp nicht von der fixen Idee abbringt, sie sei in Liebe zu ihm entbrannt, was vielleicht seinen Stolz erhöht, doch bald schon gesellt sich dazu der Gedanke, sie setze ihn dadurch auf ungewohnte und also unangenehme Weise unter Druck. Dass sie etwas von ihm "in sich trägt", empfindet er zunehmend als Bedrohung. Da ist es vergleichsweise weit komfortabler, sich in eine Hofdame zu verlieben (Caroline Junghans), denn deren nonnenhaft störrische Abwehr ist nur von kurzer Dauer. Die Wende scheint unausweichlich, als klar wird, dass bei Hofe nichts mehr hin den gewohnten Bahnen läuft, die bewährten Kontrollmechanismen versagen und es zwischen König und Königin bzw. König und Kammerherr ans Eingemachte geht, diverse Beziehungs-Leichen aufgedeckt werden.

Wenn Gombrowicz meint, dass der Mensch den Menschen schafft, so gelingt das doch unvollkommen und manchmal besser, indem er ihn abschafft. Will heißen: Yvonne muss weg, und zwar nachhaltig unter Wahrung des schönen Scheins, auf möglichst natürliche Weise. Die entsprechende Intrige mit ihren Ecken und Kanten, die sich doch so leicht unterbinden oder unterlaufen ließe, sie scheitert letztlich, indem sie gelingt, indem nämlich Yvonne auf so überaus klägliche, unschuldig sinnlose Weise an einer Karauschengräte erstickt und das Absurde des ganzen Theaters um sie herum gewissermaßen mit plattem Naturalismus noch überboten wird. Da ruft sogar niemand mehr das obligatorische "Valentin raus!", wenn der ebenso nutzlose wie penetrant neugierige Diener (Guido Schikore) erscheint, aber auch diesmal gibt es für ihn nichts zu holen.

Nichts von alledem, was auf Yvonnes schönen oder hässlichen Körper projiziert wurde, hat Bestand oder erweist sich als wahr. Als sei sie nur vom Himmel gefallen, um die Falschheit und Verlogenheit sowie das törichte Bemühen der gesitteten Menschheit zu entlarven. Tomas Petzold

nächste Vorstellungen: 17. und 23. Februar

www.theater-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.02.2012

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