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Soundtrackeines Theaterlebens: die Philharmonie im Schauspielhaus

Soundtrackeines Theaterlebens: die Philharmonie im Schauspielhaus

Gute Freunde, das wusste schon Kaiser Franz, kann niemand trennen, und sie sind nie allein. Gute Freunde besuchen einander auch zum Geburtstag. Zur Feier der 100. Spielzeit im Staatsschauspiel dürfen außer der unmittelbaren Verwandtschaft deshalb auch die engsten 100 Freunde anrücken - in diesem Fall die Musiker der Dresdner Philharmonie, die im Rahmen des "Weber, Weill & Waits" betitelten Konzerts am Sonntag eine Art 90 Minuten dauerndes "Happy Birthday" darboten, zu dem glücklicherweise musikalische Schwergewichte wie die im Titel Genannten Kuchen und Kerzen beisteuern durften.

Intendant Wilfried Schulz entbot zum Auftakt des musikalischen Streifzugs ein kurzes Grußwort an das gut gefüllte Auditorium im Schauspielhaus und versprach einen rein musikalischen Abend, ohne Conférence. Ganz ohne begleitenden Text mochte er dann aber Dirigent Max Renne und dessen Musikern wohl doch nicht den Hort des Dichterworts überlassen, denn im Hintergrund wurde der Querschnitt durch 100 Jahre Dresdner (Musik-)Theatergeschichte durch die Projektion von Archivbildern und erläuterndem Geschichtskommentar begleitet. Der weihevolle Dia-Abend dokumentierte manche Kuriosität aus dem Probenraum und provozierte vor allem nach der Pause, als sich der historische Schwerpunkt in Richtung DDR und jüngerer Vergangenheit verschoben hatte, ein ums andere Mal ein (an)erkennendes Raunen aus dem Zuschauerraum, so etwa beim Wiedersehen mit Lokalmatadoren wie Peter Herden. Nicht im Programm: die Holk-Freytag-Jahre. Kann ja nicht jeder mitfeiern.

Kein Ertrinken im Eigenlob

Die philharmonische Geschichtsstunde schlug einen Bogen von Carl Maria von Webers Jubel-Ouvertüre, die - ursprünglich dem König von Sachsen gewidmet - bereits zum Festakt im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Hauses anno 1913 erklungen war, bis in die unmittelbare Gegenwart - Tom Quaas, Sonja Beißwenger und Studenten des Schauspielstudios boten zwei Songs aus der jüngsten Premiere im Haus, der "Dreigroschenoper" (DNN-Bericht vom 17.9.). Wie bei jedem Best-of-Abend wurde zwar eher mit dem Pinsel getupft als dicht Farbe aufgetragen, und bedauerte man gerade bei prägnanten Miniaturen wie Hans Werner Henzes Largo aus dem "Jungen Lord" oder Richard Strauss' "Träumerei am Kamin", dass die musikalische Wundertüte nur kurz geöffnet und schon zur nächsten Epoche geeilt wurde, als sich gerade Atmosphäre einzuschleichen versprach. Andererseits verklang so auch der vergleichsweise dumpfe, dem Zeitgeist geschuldete Militarismus von Donizettis "La Fille du Régiment" recht schnell, und ließ sich der beinah Musical-hafte Schwulst, der sich im orchestralen Arrangement um das "Liebeslied" von Brecht/Weill schmiegt, ertragen. Als Begleitmusik zur Geburtstagshommage war das allemal tauglich, durften doch im Hintergrund die Dresdner Expressionisten kurz auferstehen, Erich Ponto als Nathan Weisheit verströmen, und vergessene Kuriositäten wie Otto Ludwigs "Die Torgauer Heide" (!) zu einer Nennung kommen. Neben Erinnerungen an legendäre Aufführungen im Haus stimmten auch Bilder vom zerstörten Dresden und vom Wiederaufbau zu Mendelssohns "Sommernachtstraum" oder Beethovens "Fidelio"-Ouvertüre andächtig. So lief dieser Abend seinem erzieherischen Auftrag nicht davon und ertrank dankenswerterweise auch nicht im Eigenlob. Im Geschichtspanoptikum zwischen Hindenburg, Goebbels und Wendeherbst gewann selbst das laue Operetten-Lüftchen von Offenbachs "Schöner Helena" gespenstische Untertöne, und gerieten Brechts zarte Liebesverse ("Und gibt's auch kein Schriftstück vom Standesamt / Und keine Blume auf dem Altar") zum bissigen Kommentar auf den Geist der DDR-Jahre.

Den endgültigen Exorzismus der staatlich verordneten Weihestimmung mit Nelke im Knopfloch, die sich anlässlich solcher Jubiläen ja gern der Feiernden bemächtigt, durfte dann ein Stück aus Tom Waits' "Woyzeck"-Partitur besorgen: "Everything goes to Hell", alles geht zum Teufel. Das Dresdner Staatsschauspiel, soviel dürfte klar sein, mit Sicherheit noch nicht!

Wieland Schwanebeck

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.09.2012

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