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"Songs for Bulgakow" als Musik-Spektakel im Dresdner Industriegelände

"Songs for Bulgakow" als Musik-Spektakel im Dresdner Industriegelände

Auf der Bühne stehen zwei schwarze Quader. Alles, was in den nächsten 80 Minuten geschieht, entspinnt sich scheinbar nur aus ihnen und verschwindet auch wieder darin.

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Das ist das Russland Bulgakows - atheistisch, brachial und dennoch voller Liebe.

Quelle: Jean Sebastian Nass

Es sind kurze, lustige, absurde, kunstvolle oder dramatische Szenen, die Michail Bulgakow bestimmt gefallen hätten, weil sie mit allen Mitteln versuchen zu zeigen, was Leben sein kann, auch wenn die Umstände nicht die besten sind. Bulgakow war ukrainisch-russischer Arzt und Schriftsteller, dreimal verheiratet, ständig knapp bei Kasse und wohl ganz gern in seinem eigenen Medizinschrank unterwegs. Sein satirisch-fantastisches Hauptwerk "Der Meister und Margarita" wurde erst 26 Jahre nach seinem Tod und stark zensiert veröffentlicht. Bulgakow wurde 1891 im Kiew des Russischen Kaiserreichs geboren und starb 1940 im sowjetischen Moskau. Heute klingen schon diese Fakten nach Satire.

Dieser spannenden wie dramatischen Person versucht sich die Compagnie Freaks & Fremde, gemeinsam mit der Juwie Dance Company, dem tschechischen Gastmusiker Vladimir Vaclavek und dem Dresdner Musiker Frieder Zimmermann in 12 "Liedern" zu nähern. Das Ergebnis nennen sie "Songs for Bulgakow". Es geht um viel. Um Liebe und Gemeinschaft, um Ausweglosigkeit und Unterwerfung. So wie einst Molière vom Sonnenkönig Ludwig XIV. das Recht zum Schreiben erhält, ist Michail Bulgakow vom Wohlwollen Stalins abhängig. Auf der Bühne wird die sich windende Molière-Puppe zum Sonnenkönig und fällt kurz darauf zurück in sich selbst. Es geht um den Kampf von Fortschritt und Tradition, um den Zwiespalt zwischen dem, wofür man Geld bekommt, und dem, wofür man lebt. Es geht um Schönheit, Freiheit, Menschlichkeit.

Das Spektakel - und als solches muss diese Mischung aus Slapstick, Tanz, Figurentheater und Spiel wohl gelten - beginnt mit einem aus dem Off gesprochenen Monolog von Heiki Ikkola. Es sind Worte von Wladimir Kaminer, der anlässlich des 70. Todestages von Bulgakow einen Vergleich mit ihm und den Honigbienen anstellt. "Ich glaube, dass unsere menschliche Zivilisation ähnlich wie die der Bienen organisiert ist, dass auch hier etwas gesammelt und regelmäßig abgepumpt wird." Der menschliche Honig, unser Lebenswerk, das seien unsere Geschichten. Vermutlich gibt es noch weitere Momente, die nicht direkt auf den Schriftsteller oder "Meister und Margarita" zurückzuführen sind. Der offensichtlichste ist der Song "Sympathy for the Devil", den hier nicht Mick Jagger, sondern der Teufel singt. Also, mit ein bisschen Vorstellungskraft. In Wirklichkeit röhrt ihn Sabine Köhler ins Mikro, Ikkola mit der Hand in der kleinen Teufelspuppe und die drei Tänzerinnen Jule Oeft, Wiebcke Bickhardt und Yamile Anaid Navarro Luna als Background-Sängerinnen.

Zu diesem Zeitpunkt hat man längst aufgegeben, nach dem roten Faden zu suchen, der die einzelnen Episoden zu einer Geschichte zusammenbindet. Jedes Mal, wenn sich eine neue Episode aus den schwarzen Quadern entwickelt, hat sie eine andere Stimmung, wird anders von den beiden Musikern am Rand begleitet. Zimmermanns Repertoire wechselt hauptsächlich zwischen E-Gitarre und elektronischem Geknister, er nimmt aber auch mal Geige oder Melodica zur Hand. Vaclavek spielt Gitarre und singt manchmal melancholische, tschechische Lieder.

"Songs for Bulgakow" erinnert tatsächlich mehr an ein Musikalbum, wo zwischen den einzelnen Liedern vor allem Spannung und Abwechslung herrschen soll. So betrachtet, befreit es von der Anstrengung, alle Szenen irgendwo einordnen zu müssen, und legt den Fokus wieder auf die Fantasie. Denn vielleicht stehen hier auch Bulgakow-Kenner ab und zu im Dunkeln. Vielleicht ist es alles nur "a little piece of your imagination", wie es im Stück heißt, alles nur ein Stück Einbildung.

Dass das Stück in einer sehr großen, unfertigen Halle im Industriegelände Premiere hat, die man herausgeputzt hat, passt zur aufgesetzten Schönheit einer Gesellschaft, in der die Oberfläche mehr zählt als die Substanz. In einer der stärksten Szenen wird eine riesige rote Fahne über den Versuch des Fortschritts geschwenkt, ein Fortschritt, der vor allem auf Stahl und Rüstungsmacht setzt, der brachial und düster daherkommt.

"Songs for Bulgakow" bleibt als Rausch in Erinnerung, ein Rausch aus Farben, Tönen und russischem Wodka.

Nächste Vorstellungen: 10. und 11.4., dann im Societaetstheater.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.03.2015

Juliane Hanka

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