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Sonderbarer Pop: Hans Unstern in der Dresdner Nikkifaktur

Sonderbarer Pop: Hans Unstern in der Dresdner Nikkifaktur

Die Nikkifaktur sitzt in einer großen Halle im hinteren Teil des Drewag-Geländes in der Lößnitzstraße. Dort werden normalerweise vor allem T-Shirts bedruckt, deshalb der Name.

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Handgemacht: Hans Unstern an der selbstgebauten Harfe.

Quelle: PR

Manchmal wird der große Raum aber auch zur Konzerthalle umfunktioniert. Heute zum Beispiel. Da spielt dort der in Berlin lebende Hans Unstern, ein Musiker, der schon in der Scheune und im Societaetstheater auftrat und damit mit der Ortswahl das konzeptionelle Verwirrspiel seiner Musik auch auf den Auftritt ausweitet. Seine beiden Alben, die früheren Konzerte und seine gelegentlichen Theaterausflüge versprechen eine vorweihnachtliche Reise ins Wunderland der deutschen Sprache. Auf einem selbst gebauten Schlitten versteht sich.

Nun kennt diesen Mann vermutlich kaum jemand. Der Künstler mit den langen Zöpfen, den buschigen Augenbrauen, dem dichten Bart und den mit Glitzer überzogenen Lidern trat zuerst noch auf der Straße auf. Mit seiner Gitarre war er unterwegs in verschiedenen Ländern, was sich auf seiner viel später erscheinenden ersten Platte "Kratz dich raus" (2010, Nein, Gelassenheit/Staatsakt) in titelgebenden Ortsnamen widerspiegeln wird. So erklärt er zumindest Lieder wie "Paris", "San Simon" oder "Anglet" in einem früheren Interview, einer sprachlichen Konservierungsform, die er mittlerweile fast abgeschafft hat.

Schon damals, in einem kleinen Berliner Café, merkte man ihm an, dass er seine Kunst nur furchtbar ungern erklärt. Hört man seine Lieder, kann man sich im Prinzip auch alles zusammenbasteln, was man vom Interpreten eben glauben will. Seine oft endlosen Zeilen wimmeln nur so vor Selbstreferenzen und Ich-Aussagen. Doch das alles sind falsche Fährten zu einem Ich, das konstruiert wurde aus vielen anderen Ichs, die bestimmt trotzdem auch ein Teil von ihm selber sind. Was Unstern definitiv ist: belesen, versponnen und verliebt in eine Sprache, die der deutschen sehr ähnlich, aber logisch so leicht zu durchsteigen ist wie die Bilder von M.C. Escher.

"Identitäten aufweichen ist sein Hobby, Schwindeln sein Beruf", steht im Pressetext. "Er spielt mit den Geschlechtern, mit seiner Herkunft sowieso und lässt zu Presseterminen jemand anderen als Hans Unstern auftreten." Was anfangs vermutlich mehr Überforderung war - das plötzliche Medieninteresse an seiner Person - wurde für die zweite Platte "The Great Hans Unstern Swindle" (2013) als Strategie genutzt, die er mittlerweile philosophisch unterfüttert hat. "Ich bin so was wie ein großes Pop-Asyl. Ich bin mehr als eine Person", konkretisiert er in einem späteren Interview. Von der Autorin Sibylle Berg oder dem Theaterregisseur René Polesch redet er da und nennt sich selber "Stoffwechselmedium". Dass er Heim für mehr als ihn selbst bietet, dafür finden sich reichlich Beweise in seinen Texten, weniger in seiner Musik. Normalerweise ist ja das musikalische Zitat die Grundlage eines Popsongs, der - hübsch aufbereitet und auf einer eingängigen Melodie - der breiteren Masse zugänglich macht, was vorher ein Nischenleben führte.

Doch der Pop des Hans Unstern leuchtet von selbst, ist mehr Stern als Unstern, weil er trotz Referenzen seine sehr eigene Bahn zieht. Das Wort "eingängig" ist definitiv nicht unter den ersten Begriffen, die einem zu Liedern wie "Endlos, endlos", "Ich schäme mich", "Hülle" oder "Unbenannte Datei" einfallen. Eher sonderbar, verspult, ein poetisches Verwirrspiel. Am Ende bleibt aber eine ungefähre Vorstellung davon, wie viel es noch zu sagen gibt, das eben noch nie in Liedern gesagt wurde.

Nach seinen zwei Alben zu behaupten, Hans Unstern singt gern über die Liebe und das Leben, wäre, als fasste man den Duden zusammen, indem man sagt: "Es geht um Wörter." Natürlich geht es um Liebe und Leben, weil zwischen diesen beiden Ls eigentlich fast alles verhandelt werden kann. Doch Unstern definiert und erfindet dafür neue Sätze und Wörter, und er schwindelt sich die Grammatik zusammen, wie er eben findet, dass sie mal gedacht werden sollte. "Ich seh dich in die See pissen / Mein Horizont im Hochwasser / Beim Nachtreten, beim Hinterherkotzen /Fische prügeln sich um dein Erbrochenes / Seh' dich ihnen einen Tränentrunk servier'n / Seh' wie sie sich um dich reißen" (aus "Ergiebig und erschwinglich").

So sperrig geht das eigentlich durch beide Alben, doch schafft es die Musik, das ganze irgendwie einzufangen und mit Tuba, Harmonium, einer selbstgebastelten Harfe, einem Klavierimitat und einem klingenden Stuhl auf der Bühne bis zum Ende in einen minutenlangen, rhythmischen Vielklang auszuwalzen, der musikalisch trotz aller Liebe zur Analogie oft näher an elektronischer Klubmusik dran ist.

Hans Unstern ist einer der spannendsten Singer/Songwriter des Landes und das hält ihn offensichtlich nicht davon ab, auch komplexe Musik zu erschaffen. Und obwohl er sich in seiner Kunst aufzulösen versucht, ist nicht nur auf beiden Alben-Covern Hans Unstern drauf. Auch auf der Bühne steht er im Zentrum und sitzt nicht etwa hinter einer Leinwand oder Maske wie seine unsichtbaren Kollege PeterLicht und Cro. Wenn man genau hinschaut, erkennt man sogar seinen Presse-Avatar unter den Bandmitgliedern. Ein Riesenschwindel ist das alles. Wer den bis zum Ende aushält, der fühlt sich selbst ein bisschen aufgelöst, herausgelöst aus der eigenen kleinen Welt, die sich gerade so merkwürdig wütend zu Wort meldet, indem sie schweigt.

Hans Unstern und Band, heute, 21 Uhr, Nikkifaktur, Lößnitzstraße 14.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2014

Juliane Hanka

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