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Sonderausstellung zum Dresdner Porzellan öffnet im Stadtmuseum

Sonderausstellung zum Dresdner Porzellan öffnet im Stadtmuseum

Wenn ein Bauer eine Dame bedrängt, könnte das ein Zug (ein recht feiner sogar) beim Schach sein. Dort gehört es zum Spiel, dass Türme bedroht werden, Springer Läufer aus dem Feld schlagen, Damen geopfert werden.

.. Schachspiele zuhauf sind auch in der Sonderausstellung "Dresdner Porzellan: Mythos - Repräsentation - Inspiration" im Stadtmuseum zu sehen.

Nicht nur in Meißen wird Porzellan gemacht, sondern auch in Freital-Potschappel, dort seit 1872. Die wichtigste französische Manufaktur von Sèvres, die einst angetreten war, die "Tyrannie de Meissen" zu brechen, hat nur als Museum überlebt, der Betrieb in Freital läuft noch, auch weil es dem Unternehmen gelang, sich neue Käuferschichten zu erschließen.

Mochte man seit 1871 in einem Kaiserreich leben, so waren die Zeiten doch bürgerlicher geworden war, das Porzellan alles andere als ein exklusives Accessoire des Adels. Deshalb erweiterte sich sowohl der Kundenkreis der Manufakturen und Fabriken als auch der Einsatzbereich des Porzellans: Aus dem exklusiven Luxusgut wurde allmählich eine erschwingliche Ware. Die Besserverdiener erwarben Porzellane aus den großen Manufakturen der Welt, die weniger gut betuchten (klein-)bürgerlichen Haushalte griffen auf nicht ganz so teure Marken zurück, zu denen auch die 1872 als "Manufaktur für Zier- und Kunstporzellan" von dem Porzellanmaler Carl Thieme gegründete Firma in Potschappel zählte, die ihren Geschäftsbetrieb ausweiten konnte, als allerorten Porzellan in den gängigen "Neo-Stilen" verlangt und entsprechend hergestellt wurde. Porzellan aus Potschappel wurde in einem Ladengeschäft an der Prager Straße angeboten, bekanntlich auch ohne Galerien und Malls einst die Einkaufsmeile Dresdens. Um 1890 verfügte die Fabrik bereits über eine Niederlassung in Paris und war auf der Leipziger Messe vertreten. Ein Blickfang der Schau: eine Riesenvase mit Deckel von 1912, gemeinhin als "Vatikanvase" bezeichnet. Der dreiteilige Korpus ist reich mit Blattranken und "indianischen" Blütendekoren in blauer und eisenroter Aufglasurmalerei verziert, vorn zentral lenkt das Wappen der Medici den Blick auf sich.

Über alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Höhen und Tiefen hinweg hat sich eine kleine Schar Porzelliner die kunsthandwerklichen Fähigkeiten bewahrt. So können nach den alten Mustern auch heute noch die traditionellen Stücke in fast unerschöpflicher Vielfalt gestaltet und bemalt werden. Das geht nur in reiner Handarbeit. Und dass es eine solche ist, wird mit dem 1901/02 amtlich registrierten Markenzeichen - den ineinander verschlungenen Initialen "S" und "P" über dem Schriftzug "Dresden" - verbürgt.

In der in Kooperation mit dem Ver- ein und der Manufaktur erarbeiteten Sonderschau werden zeitgenössische Kunstwerke mit prachtvollen Objekten aus der traditionellen Palette der Manufaktur konfrontiert. "Wir wollten, dass es zu einer Begegnung von Geschichte und moderner Kunst kommt, interessiert hat mich nicht zuletzt, inwieweit sich Veränderungen der Gesellschaft in den Änderungen der Produkte widerspiegeln", erläutert Holger Starke, Mitarbeiter des Stadtmuseums und Kurator der Ausstellung, das Konzept. Die bislang einzigartige Zusammenstellung stellt die Grundfrage, die in jedem Museum diskutiert wird: die Frage nach dem Woher und dem Wohin.

Das Geschäft der Porzellanmanufaktur Meißen unter den Linden in Berlin heißt ja mittlerweile Flagship Store, was der globalen Kundschaft, allen voran den Russen, entgegenkommen dürfte. Auch sonst ändert sich viel, gerade auch in der Produktpalette ("Sushischälchen statt Stiftschalen" lautet das Gebot der Stunde), denn der Porzellanindustrie geht es nicht gut, auch nicht der Manufaktur Meissen. Vorbei die Zeiten, als es genügte, Kulturgut zu sein, mit dem Zwiebelmuster das (einst) erfolgreichste Dekor auf den Markt gebracht zu haben. Wenn der Privatmann zu Feierlichkeiten in ein Restaurant geht und zu Hause nicht mehr das Zwölfteilige eindeckt, fehlt die Nachfrage.

Seit zehn Jahren sind die Mitglieder des Vereins "Dresdner Porzellankunst" bemüht, dem Material eine neue Perspektive zu geben. Freie Künstler haben Stücke entworfen, die durch moderne Auffassung und Kunstfertigkeit in der Ausführung bestechen, die aber laut Starke auch bestimmte historische Traditionen aufgreifen, etwa in punkto Plastizität und Motiv". Typisch für Dresdner Porzellan: üppige Blumen, ein Markenzeichen nicht zuletzt des Blumenmodelleurs Karl August Kuntzsch, der nach dem Tod von Thieme sich als weitblickender Unternehmer erwies, der die Manufaktur erfolgreich weiterführte.

Die Figuren eines Schachspiels sind neu, aber die Formen von Springer oder Turm beruhen auf Vorbildern aus Arabien, die gut 1000 Jahre alt sind. Die Herstellung erfolgte dann in der Sächsischen Porzellan-Manu- faktur Dresden, in der das Neue selbst Fuß gefasst hat. Was den Chefs in Meißen vorschwebt, nämlich die Manufaktur Meissen zu einem Mekka der zeitgenössischen Kunst zu entwickeln, das ist auch in Freital offenkundig eine Option. Angelehnt an alte Vorlagen Kaendlers sind auch Plastiken einer Angora-Katze und eines Elefanten, die 1913 bzw. 1910 in der Sächsischen Porzallen-Manufaktur gefertigt wurden. Sie sind unbemalt, gleißend hell wie eine Schlittschuhbahn - und gerade dadurch erhöht sich der Effekt zu zeitloser Expressivität. Nicht minder "lebendig" das heulende Wolfsrudel, das Olaf Stoy 2008 schuf und in dem sächsischen Traditionsunternehmen brennen ließ.

Wie edle Tassen und Teller mal ausschauen, wenn sie in angeblich Glück bringende Scherben zerfallen sind, zeigt ein Kunstwerk der Künstlerin Else Gold: Hunderte von Scherben liegen am Boden, deutlich geordneter als bei einem Polterabend allerdings. Sie bezeugen: "Weiß ist nicht gleich Weiß". Der Farbton chargiert von gelblich bis leicht bräunlich. Ein richtiger Scherbenhaufen der Geschichte.

Bis 14. Oktober, Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-19 Uhr

21.8., 10 bis 12 Uhr: Familienführung (Voranmeldung Tel. 0351/4 88 73 32

1.9., 15 Uhr: Museumspädagoge Lutz Reike gibt Geschichte(n) rund ums weiße Gold zum Besten

27.9., 11 Uhr: Vorstellung der Medaillenedition "Jetzt nach X", die als Schenkung an das Stadtmuseum geht.

27.9., 19 Uhr: In einer Gesprächsrunde stellen sich der Porzellankünstler Olaf Stoy und der Medaillensammler Eberhard Friedrich, beide Mitautoren des Buches "Plaketten und Medaillen aus Dresdner Porzellan" (2008), dem Publikum.

6.10., 15 bis 18 Uhr: Experten bestimmen Porzellane aus Dresdner Haushalten, außerdem besteht die Möglichkeit, Wissenswertes aus der Porzellangeschichte der Stadt Dresden zu erfahren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2012

Christian Ruf

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