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Solide, nicht knisternd: "Einer flog übers Kuckucksnest" am Theater Chemnitz

Solide, nicht knisternd: "Einer flog übers Kuckucksnest" am Theater Chemnitz

Der Indianer hat sein Schuldigkeit getan. Der Indianer kann gehen. Er schreitet langsam in die ungewisse Zukunft nach draußen, oft euphemistisch Freiheit genannt.

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Lange wehrt sich Doktor Spivey (Wolfgang Adam, M.), seinen neuen Lieblingspatienten McMurphy (Philipp Otto, l.) elektrisch zu behandeln. Doch der neigt zur Übertreibung, während sein neuer Freund, Häuptling Bromden (Ulrich Lenk), mitleidet.

Quelle: Dieter Wuschanski

Zuvor hat Häuptling Bromden, der aus einem Abstecher seines riesigen Vaters in die (und der) Stadt resultiert und somit eigentlich eine Rotweißhaut ist, pflichtbewusst seinen ersten und einzigen Freund erlöst, die Elektroschockmaschine in Matthias-Steiner-Manier aus der Wand gerissen und damit das ganze Alarmsystem lahmgelegt - und dem Rest der einsitzenden Patientenbande gezeigt, was freier Wille und konzentrierte Konsequenz ermöglichen.

Ein starker Schluss.

Dem vorausgegangen war ein Störeinfall in der Psychiatrie: Randle P. McMurphy (Philipp Otto), ein großmäuliger Kleinganove, hatte keine Lust mehr auf Knast und Arbeitslager und spielt hinreichend Psychopath, um hier eingeliefert zu werden, was ihm in der Klinik unter echten Kunden keiner glaubt. Selbst Chefarzt Dr. Spivey (Wolfgang Adam), der seine "therapeutische Gemeinschaft" als demokratische Keimzelle preisen und in Gottesdienstart feiern lässt, ahnt das wahre Ziel, behält ihn aber zur eigenen Unterhaltung.

Die Geschichte von "Einer flog übers Kuckucksnest" - die Dale Wasserman nach dem gleichnamigen Roman von Ken Kesey 1963 für den Broadway dramatisierte - spielt in einer doppelt fernen Welt: Der Mikrokosmos - den Milos Forman einst in einen Filmklassiker goss, dessen Popularität bis heute strahlt - liegt in Amerika vor fünfzig Jahren und in der Abteilung einer Psychiatrieklinik, die sich selbst einliefernde Patienten vor der Außenwelt schützt. Die deutsche Tradition kennt das eher umgekehrt. Und in einer ordentlichen Anstalt, so die Vermutung, herrschte in jener Zeit mehr Härte, vor allem für aufmüpfige Straftäter.

Bei der Chemnitzer Neuauflage, die mit langem und herzlichem Premierenapplaus gefeiert wurde, liegt das Dilemma der Unergriffenheit neben der Ferne des Sujets auch an der Konfiguration der Hauptgegenspieler: Philipp Otto ist ein zu fahriger Ganove McMurphy, als dass man ihm die angedichtete Schläue und Überlegenheit abnimmt. Dafür stirbt er sehr eindrucksvoll. Bei Maria Schubert als eiskalter Schwesterengel erkennt man gar kein menschliches Motiv für ihr Handeln, sie funktioniert - stets glasig in die Ferne über den Zuschauern blickend - wie eine Roboterin und treibt damit das Geschehen wohl eher unbewusst in die Katastrophe. Dafür gibt Ulrich Lenk seinen anfangs taubstummen, später brummigen Häuptling Bromden als eine würdige Lichtgestalt und zeigt, dass wahre Helden kaum Worte brauchen.

Gern schaut man auch der liebenswürdig-lustigen Patientencrew zu: Harding, Scanlon, Cheswick und Martini - gespielt von Marko Bullack, Christian Ruth, Philipp von Schön-Angerer und Stefan Migge - sind eine coole Meisengang, an denen sowohl Pflegermissgunst als auch McMurphys Gewinnlust weitestgehend abperlt. Fabian Jung spielt den stotternden Billy Bibbit sensibel bis zerbrechlich, Musiker Gregor Kuhn trabt als stummes Wrack namens Ruckly immer gleich absurd guckend durchs Bild, auch Komponist Steffan Claußner spielt neben Klavier noch einen Insassen, für die Ricarda Knödler schöne Anzüge und noch schönere Nachthemden entwarf. Bühnenbildner Frank Heublein baute eine weißgraue, sich nach hinten verjüngende Wellblechanstalt mit Galerie und Wachraum, in der des Indianers nächtliche Zwiesprach-Vatergebete eigentlich nicht unbemerkt bleiben können.

Dass die Idee mit dem Partyeinbruch zwecks McMurphy-Ausbruch schief geht, kostet zwei Menschenleben, Schauspieldirektor Carsten Knödler erspart als Regisseur dem Publikum in einer weitgehend gewaltfreien Auffüh-rung den blutigen Selbstmord vom frisch entjungferten Billy per Kehlenschnitt, den die herzenskalte Schwester Ratched mit der Erinnerung an die Reaktion seiner Mutter auslöst, zeigt aber das dramatische Ende mit ganzer Konsequenz. Das ist gut so - doch zuvor läuft ein solider, aber kein knisternder Theaterabend.

Dazu ist alles zu weit weg. Denn der Mythos des Stoffes hierzulande stammt aus seligen Zonenzeiten, als fast jeder Theatertext mit Zeitbezug kräftig metapherte, da war die Geschichte häufig mit Analogie überfrachtet, doch heute verblasst die Botschaft angesichts des akuten Überangebots verrückterer Anstalten. Viele der kleinen Abnormitäten gelten mittlerweile - zum Glück - als tolerabel bis chic und sind gelebte Alltagsbestandteile, nicht nur am Theater oder im öffentlichen Dienst. Und auch Größere führen nicht zwangsläufig in die Klinik - ein McMurphy wäre kein Rebell, sondern bliebe schlicht im Knast und bekäme in einer Doppelzelle vielleicht seinen starken Halbblutfreund eingeliefert. Doch diese Geschichte würde anders enden.

nächste Vorstellungen: 16. & 26. April, 3. & 31. Mai (jeweils 19.30 Uhr)

www.theater-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.04.2014

Andreas Herrmann

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