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Sofia Gubaidulinas Oratorium „Über Liebe und Hass“ in Dresden erstaufgeführt

In der Semperoper Sofia Gubaidulinas Oratorium „Über Liebe und Hass“ in Dresden erstaufgeführt

Sofia Gubaidulina ist auch in der Spielzeit 2016/17 Capell-Compositrice der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Im 3. Sinfoniekonzert der Kapelle erlebte ketzt in der Semperoper Gubaidulinas Oratorium „Über Liebe und Hass“ seine deutsche Erstaufführung, die Uraufführung fand am 14. Oktober in Tallinn statt.

Komponistin Sofia Gubaidulina, Dirigent Omer Meir-Wellber, Solisten und die Staatskapelle nach der Aufführung in der Semperoper

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Die enge Verbundenheit der russischen, seit 1991 in Deutschland lebenden Komponistin Sofia Gubaidulina zur Sächsischen Staatskapelle Dresden, ihre Ankündigung, die 2015 uraufgeführte Kantate „O komm, Heiliger Geist“ zu einem großen Oratorium auszuweiten, und natürlich ihr 85. Geburtstag vor einigen Tagen waren Grund genug, sie erneut zur Capell-Compositrice zu ernennen. Im 3. Sinfoniekonzert der Staatskapelle erlebte in der Semperoper Gubaidulinas Oratorium „Über Liebe und Hass“ seine deutsche Erstaufführung, die Uraufführung fand am 14. Oktober in Tallinn statt.

Dem rund 50-minütigen Opus Summum ging eine Konzerthälfte voraus, die für sich stand und keinerlei beabsichtigte Verbindung dazu aufwies. Richard Strauss’ Serenade Es-Dur für 13 Bläser war 1882 gut geeignet, die Bande zu den Dresdnern zu knüpfen, und das trug bekannte Früchte, blieb aber im Konzert folgenlos und damit ein heiter-belangloser Einstieg. Omer Meir-Wellber am Dirigentenpult hätte sich gar noch eine Pause gönnen können, denn diese den Kapellisten bestens bekannte Kammermusik bekommen die Bläser auch glänzend alleine hin.

Mit Joseph Haydn folgte ein großer Kontrast, und vielleicht doch ein erster Hinweis auf Gubaidulina: Besondere Aussage erfordert in der Musik auch besondere Maßnahmen – wer anders als Haydn hat uns dieses Gebot in stets überraschend einleuchtender Weise vorgemacht? Und so folgen in der 49. Sinfonie „La Passione“ einem melancholisch brütenden Adagio drei schnelle Sätze, ist der Ausdrucksgehalt gespannt und in der über das ganze Werk gelegten Tonart f-Moll auf seltsame Weise zwingend. Im Stehen musiziert, lehnte sich die Aufführung an alte Tradition an, der süffige, nur im Finale pointiert zupackende Ensembleklang war jedoch im 20. Jahrhundert verortet, und Wellbers Dirigat gab dem Ganzen manchmal einen zu theatralischen, aber dennoch körperlich-agilen Touch.

Nach der Pause öffnete sich der Schmuckvorhang auf der Bühne, denn das Oratorium von Gubaidulina erfordert große orchestrale und vokale Kräfte. Auch in den Proszeniumslogen wurde gesungen, und blaues und rotes Licht sollte wohl Stimmungen befördern, letzteres war aber kaum notwendig. Denn Sofia Gubaidulinas neues, geistliches Werk hat eine derartige Wucht der Aussage, dass man mit den Ohren allein genug Aufgaben erhielt.

Sorgfältig hat die Komponistin beobachtet, reflektiert und gesammelt, was unsere Zeit bestimmt; sie dringt zu tiefen Schichten des Bewusstseins vor und lässt uns an ihrer intensiven Art zu glauben und zu hoffen in einem Kunstwerk teilhaben, das nicht weniger als ein nicht vorgefertigtes, abgelesenes, sondern selbst formuliertes, gelebtes Glaubensbekenntnis ist. Diese Auseinandersetzung zu führen ist existenziell, sie muss existenziell sein. Nein, wir erhalten hier keine Antworten – es ist eher eine Reise ins Innere, die mitunter beschwerlich ist, aber stets den sprachlichen Dialog, damit Spiegel, Verstehen und Verständnis zwischen Redner und Zuhörer zum Thema nimmt. Vom Angesicht der Kreuzigung über Gebete der Hoffnung und des Trostes bis hin zu dem in alttestamentlichen Psalmen wie in neuzeitlichem Alltag sich ausbreitenden Hass, dem Gubaidulina Liebe und inneres Vertrauen entgegensetzt, geht dieser Parcours: Kann ein Oratorium aktueller formuliert sein? Trotz der eindeutig christlichen, aus vielen, vielsagenden Quellen gespeisten Aussage fühlte man sich beim Zuhören nicht eingeengt.

Die Aufführung geriet vor allem deswegen innerlich aufwühlend, weil Gubaidulina für die Gefühlszustände und menschliche Regungen ebenso einfache wie eindringliche Klangbilder findet: Markant ist das immer wieder in neuen Variationen Anrennende, Anbetende, Sehnsuchtsvolle in ihrer Musik von sich nach oben schraubenden Tonfolgen und Motiven. Gegen Gubaidulinas gerichtsartigen, seltsam übermächtig-geordnet komponierten Gotteszorn sehen manche Zeigefinger-„Dies Irae“ der Musikgeschichte reichlich plump aus, und eruptives Herausbrechen von Gewalt bestimmt das Werk ebenso wie Kontemplation etwa im Hohelied-Duett oder im „Einfachen Gebet“, wenn Klang und Melodie wirklich eine Liebesverbindung eingehen, wie sie schöner selten komponiert wurde. D

iese Erstaufführung gelang vor allem deswegen so eindringlich, weil sie von Sängern und Orchester durchweg in Höchstspannung getragen wurde. Das Sängerquartett mit Camilla Nylund, Michael König, Thomas E. Bauer und Franz-Josef Selig gestaltete seine Partien herausragend und bis zum Äußersten auch in der stimmlichen Geste gehend. Vielseitige Aufgaben nahm der MDR Rundfunkchor (Einstudierung Nicolas Fink) wahr, wobei hier der A-cappella-Chor „Liebe zu Gott“ nach Foucauld sowie die gefestigten „O komm“-Rufe in der abschließenden Pfingstkantate besonders beeindruckten. Omer Meir Wellber hatte die Fäden gut in der Hand und sorgte für dynamische Ausbalancierung, damit Vokales und Orchestrales gemeinsame Wege gehen konnte.

Von „Über Liebe und Hass“ kann an dieser Stelle keinesfalls Abschließendes berichtet werden – der große Applaus für Sofia Gubaidulina und die Ensembles am Ende glich einer Verbeugung vor einem Werk, das zunächst einmal viele Gedanken freisetzt, Konfrontation schafft und zu Haltung, auch zu Taten zwingt. Mehr muss Musik nicht leisten.

noch einmal am 1.11., 20 Uhr in der Semperoper

Von Alexander Keuk

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