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So viel Amt muss sein

So viel Amt muss sein

Preisfrage: In welcher deutschen Fernsehsendung wurde der lapidare Satz "War spät gestern" zum Running Gag? Genau, "Late Lounge" ist die richtige Antwort. Der Hessische Rundfunk adelte dieses Stück Subversionsqualität vor Jahren mit der endgültigen Verbannung aus seinem Programm.

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Product Placement? Die regelmäßige Magenbitterzufuhr in und vor deutschen Amtsstuben spielte in "Die Fleppen sind weg" jedenfalls auch eine Rolle.

Quelle: Ralf U. Heinrich

Einer der Charakterköpfe der "Late Lounge" hieß Michael Herl: bulliger Typ, Lederjacke, breites Grinsen. Seine Zwiegespräche mit Moderator Roberto Cappelluti, zu welchem Thema auch immer, waren legendär. Tja, vorbei. Versenkt im Orkus der Fernsehgeschichte. Reanimiert auf YouTube.

Als Herl 2005 vom HR wegen seiner Kritik an der geplanten Einstellung der Sendung gefeuert wurde (merke: als Journalist - und Herl ist ein gelernter - soll man alles und jeden kritisieren, nur den eigenen Brötchengeber nicht), hatte er aber schon seit Jahren Theaterstücke geschrieben und längst das Stalburg Theater in Frankfurt/Main gegründet, wo seine Stücke liefen und er künstlerischer Leiter ist. In Dresden war bereits sein "Wer kocht, schießt nicht" zu erleben. Nun also "Die Fleppen sind weg", eine Adaption von Herls Stück "Brumm Brumm" (2008).

Schauplatz: Führerscheinstelle. Der kleine König hinterm Schreibtisch heißt Martin Müller. Er entscheidet über die Rückgabe der ach so wichtigen Papiere, mithin für einen deutschen Durchschnittsbürger über mehr als nur Leben oder Tod. Als er Platz nimmt, werden gleich zwei falsche Fährten gelegt: Müllers schwarzrotgoldene Hosenträger können keine Anspielung auf Staatlich-Nationales sein, weil das überhaupt keine Rolle spielt im Stück. Und wenn aus dem Radio "Die Gefühle haben Schweigepflicht" schlagert, läuft jedem, dem diese Musikrichtung nicht mit der Muttermilch eingeimpft wurde, zwar ein Schauer über den Rücken - aber der gute Müller wird dadurch nicht charakterisiert. Denn er mag im ersten Moment zwar den typischen Vollmachtsvollstrecker geben. Doch bald zeigt sich: Er ist ein Kümmerer mit Herz und Schnauze.

Die beiden Gestalten in seinem Vorzimmer sind dankbare Abnehmer seiner süffisant und süffig (der höchste Kümmerling-Verbrauch auf deutschen Theaterbühnen???) vorgetragenen Ratschläge. Der eine ist Gerhard "Funz" Funkel, Ossi und Säufer, der seine Fleppen unbedingt braucht, um einen Job als Fischausfahrer zu kriegen. Die andere ist Thea Kögel (in "Brumm Brumm" war das ein Mann, Theodor), Erbin und Betreiberin eines Gasthofes mit gehobener bürgerlicher Küche. Sie muss eigentlich an den dortigen Herd, in dem ein Schwein seinem Ende als Braten entgegenschmort. Aber vor die Rückkehr ins Paradies, also ans Lenkrad, hat der liebe Gott diesen Müller gesetzt...

Ein Dreigestirn auf der Bühne also. Brigitte Wähner (Kögel) und Ulrich Schwarz (Funz) tragen ihre kleinen und größeren Macken vor. Im Zentrum aber steht unangefochten Dietmar Burkhard als Beamter. Wenn er sein "deshalb werden sie ja noch aufgerufen" verkündet, kommt das Gefühl auf, das könnte auch erst am St.-Nimmerleinstag passieren. Doch andererseits hat dieser kühle Pedant, der seiner Frau am Telefon schon mal das Einsparpotenzial von drei- gegenüber zweilagigem Klopapier vorrechnet ("am falschen Platz gespart"), Herz. Das durch beständige Zufuhr von Kümmerlingen immer weicher wird. So nimmt er Funz' Handy und spielt im Gespräch mit dessen Freundin Mandy den Partnerberater. Überhaupt werden sich die beiden Kerle irgendwie sympathisch - nicht zuletzt, weil Funz, natürlich im Suff, auf knallharte Tour den Hamster seiner Freundin entsorgte. Auch Müllers Familie hat einen Hamster, den der gute Beamte nur zu gern einen ähnlichen Weg gehen lassen würde. Auch weil das Beseitigen der hamsterlichen Exkremente den heimischen Klopapierverbrauch in geradezu astronomische Höhen katapultiert.

Schwarz gibt den prolligen Ossi Funz genauso - deftig. Wähners Kögel kontert mit Feingeist und findet bei Genießer Müller durchaus Aufmerksamkeit - zumindest was das Originalrezept für Königsberger Klopse angeht, mit Sardellen nämlich. Funz-Kommentar: "Buletten mit Fisch?"

Vieles auf der Bühne hat Volkstheaterpfiff. Auch wenn die Pointen auf verschiedenen Levels angesiedelt sind. Wenn Funz und Kögel zusammen ein Kreuzworträtsel lösen (deutscher Komponist mit sechs Buchstaben - Bohlen oder Brahms?), hat das was. Wenn Funz platte Witze aus der Zeitung vorliest, verliert die Szene.

Dem Publikum gefällt der zweigeteilte Abend, wie der Applaus zeigt. Zum Schluss sorgt angesichts des zunehmend betrunkenen Beamten schließlich Eigeninitiative dafür, dass wieder gefahren werden darf. Was Müller wohl besser gelassen hätte. Torsten Klaus

nächste Aufführungen: 22. & 30.9.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2011

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