Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
So alt wie die Rolling Stones: Fachbereich Jazz / Rock / Pop der Dresdner Musikhochschule wird 50

So alt wie die Rolling Stones: Fachbereich Jazz / Rock / Pop der Dresdner Musikhochschule wird 50

Die Rolling Stones waren gerade im Entstehen begriffen, Ornette Colemans ein Jahr zuvor erschienene Platte "Free Jazz" wurde gerade heftig und kontrovers diskutiert, Ennio Morricone, Trompeter und avantgardistischer Komponist, hatte einige Monate zuvor seinen ersten Schritt in Richtung Populärmusik getan und seine erste Filmmusik komponiert ("Il federale" - "Zwei in einem Stiefel") - da passierte an der Dresdner Hochschule für Musik etwas Ungewöhnliches.

Vor 50 Jahren, zum Wintersemester 1962, wurde dort auf Initiative von Frank-Harald Greß die Klasse für Tanz- und Unterhaltungsmusik ("TUM" - heute "Jazz / Rock / Pop") gegründet; sie ist damit die älteste ihrer Art in Deutschland. Die Gründung geschah im Auftrag des damaligen Rektors Professor Karl Laux. Klar, dass sich die Hochschulmusiker um Günter Hörig dieser Pionier-Aufgabe annahmen, schließlich mussten ein Lehrprogramm sowie Unterrichts- und Spielliteratur geschaffen werden. Günter Hörig und seine Tanzsinfoniker gehörten auch zu den Lehrkräften der ersten Stunde in den künstlerischen Hauptfächern.

Schon bald hatte sich die Ausbildung an der "TUM"-Klasse fast europaweit einen guten Ruf erworben; die Absolventen verfügten über einen sehr hohen musikhandwerklichen Standard. "Handwerk hat goldenen Boden" ist der Slogan, der in der Zeit des langjährigen Jazzpiano-Professors Günter Hörig zum Leitspruch geworden war - zur Freude, manchmal aber auch zum Leid der Studenten, die damals gelegentlich ihre Lehrer liebevoll-ironisch als "Swing-ZK" bezeichneten, um anzudeuten, mit welcher Unbeirrbarkeit die unbestechlichen Ohren der Dresdner Jazz-Hochschullehrer auf swingende Perfektion orientiert waren. Wie auch immer: Die Absolventen der "TUM"-Klasse waren namhaft - Günter Baby Sommer, Veronika Fischer, Hans-Jürgen Jäcki Reznicek, Bernd Aust - und prägten entscheidend die DDR-Jazz- und Rockszene.

Ort für den kreativen Nachwuchs

Vergessen wird dabei leicht, dass dieser Studiengang auch nach der Wende viele kreative Jazz- und Popmusiker hervorbrachte. Dazu zählen - es können nur Beispiele genannt werden - der Wundergitarrist Stephan Bormann (Studium 1988-1994), der faszinierende Hallam London (Studium 2000 bis 2004), der kürzlich mit Vertonungen von Shakespeare-Sonetten hervorgetreten ist, der mit seiner Konzertreihe "Featuring" und seinem Ring Trio omnipräsente Drummer Demian Kappenstein (Studium 2004 bis 2009), der ganz zeitgenössisch und zeitgemäß audiovisuell-digital arbeitende Jan F. Kurth (Studium 2003 bis 2008), der deutschlandweit mit seinem Projekt "shortfilmlivemusic" bekannt wurde, oder die rasante Jazzpianistin Olga Nowikowa (2002 bis 2008), deren CDs mit ihrer Band TriOzean bundesweit mehr als nur Achtungserfolge erzielten.

Wer in Deutschland Jazz- oder Popmusiker werden will, kommt mit seinen Studienüberlegungen auch heute an der Dresdner Musikhochschule nicht vorbei. Jährlich bewerben sich zwischen ein- und zweihundert Möchtegern-Musiker für ein Jazz/Rock/Pop-Studium in Dresden. Die Zahl derer, die dann tatsächlich in Dresden dieses Studium beginnen (Erst- und Neueinschreiber) schwankt seit dem Studienjahr 2000/2001 zwischen jährlich 13 und 30 - wobei die Beginnerzahlen in den letzten Jahren trotz durchweg hoher Bewerberzahlen sanken. Ob diese Tendenz daran liegt, dass die jungen Interessenten die Hochschule heute als weniger attraktiv empfinden oder die Zahl der zur Verfügung stehenden Studienplätze heruntergefahren wurde, blieb trotz Nachfrage bei der HfM-Pressestelle ungeklärt. Ulrike Jacob, Koordinatorin für Pressearbeit, wies darauf hin, dass "es 2010 vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst die Auflage gab, die Studentenzahlen herunter zu fahren, was zum Teil dann auch die Abteilung JRP betraf." Andererseits sei es, so Ulrike Jacob, dem Dekan Prof. Manuel Gervink zufolge "sehr schwer, hier einen richtigen triftigen Grund zu nennen".

Wie sehen junge, künstlerisch erfolgreiche Musiker heute rückblickend ihr Jazz/Rock/Pop-Studium in Dresden?

Hallam London studierte in der Klasse Jazz/Rock/Pop Gesang. "Für mich war an der Gesangsausbildung der umfassende Unterricht sehr wichtig. Ich wurde nicht bloß an meinem Instrument, der Stimme, ausgebildet. Mit Schauspiel, Tanz und Sprecherziehung erhielt ich auch das Handwerkszeug für das Auftreten als Frontmann." In Bezug auf die Vorbereitung auf den Beruf des freien Musikers meint er: "Hinsichtlich der handwerklichen und künstlerischen Fertigkeiten war die Vorbereitung sehr gut. Das Geschäftliche allerdings fand kaum statt."

Demian Kappenstein studierte Jazzschlagzeug, freie Improvisation und zeitgenössische Musik bei Günter Baby Sommer und Michael Griener. Für ihn war die enorme stilistische Bandbreite ein großes Plus. "Das gibt es sonst nirgendwo!", hebt er enthusiastisch hervor. Allerdings ist auch er der Meinung, dass dieser Studiengang "mangelhaft" auf die Berufspraxis als freier Musiker vorbereitet.

Jan F. Kurth studierte Jazz-Gesang und Blockflöte. "Ich habe in einer Zeit des Umbruchs an der JRP-Abteilung studiert. Einerseits gab es viel alte Schule, andererseits durften sich junge Dozenten und frischgebackene Professoren dort verwirklichen. So erhielt ich einerseits eine handwerklich fundierte Ausbildung und war gleichzeitig musikalisch-künstlerisch absolut am Jazz-Puls der Zeit." Und weiter: "An manchen Stellen hätte es mehr Vorbereitung auf das Berufsleben geben können, vor allem strukturell. Einfache Dinge wie Rechnung schreiben oder einen Gastspielvertrag aufsetzen oder Marketing für eigene Konzerte und CDs fanden nur am Rande statt. Das wurde erst, zum Teil, nach meinem Abschluss geändert."

Olga Nowikowa studierte Jazzklavier und Improvisation. Sie meint: "Das Positive für mich ist natürlich das Erlernen des Handwerks im Jazzklavier, Improvisation und, für mich sehr wichtig, Komposition. Durch das Studium habe ich wunderbare Mitmusiker gefunden, mit denen ich auch heute zusammen arbeite." Aber: "Während des Studiums lag der Schwerpunkt auf dem Erlernen der Jazztradition. Nach dem Studium wird aber schnell klar, dass der Jazzmusiker in der heutigen Zeit musikalisch sehr flexibel sein muss. Das nötige Wissen über Musikerrecht usw. habe ich in der Praxis erworben."

Sehr viele Dresdner Jazz/Rock/Pop-Studenten unternehmen noch während ihres Studiums erste praktische Schritte in die Berufspraxis im Jazzclub Tonne. Dort finden regelmäßig Jam Sessions und Konzerte unter studentischer Regie und mit Studenten-Musikern statt. Steffen Wilde, Geschäftsführer des Jazzclubs Tonne in Dresden, schätzt ein: "Die musikalischen Ausbildung an der Dresdner Musikhochschule erscheint mir sehr gut. Hinsichtlich der späteren Berufspraxis, zu der neben (oder gar vor) der Musik auch die Organisation des Musikerlebens gehört, müssen die Studenten sicher vieles noch selbst herausfinden und erfahren. Da sind durchaus Unterschiede im Grad des Vorbereitet-Seins auf ein Leben als Musiker zu erkennen."

Der Versuchung widerstehen, ein Museum zu werden

Resümierend stellt Günter Baby Sommer, nach der Wende für viele Jahre selbst Professor in der Jazz/Rock/Pop-Abteilung, in seinem Jubiläumsbeitrag für das Hochschuljahrbuch fest: "Die Jazzabteilung ist heute fester Bestandteil unserer Hochschule. Das sollte ihr aber nicht genügen, denn sie sollte trotz respektabler 50 Jahre der Versuchung widerstehen, ein Museum zu werden. 50 Jahre sind auch Verpflichtung und Herausforderung, zeitgenössischen Spielformen nicht nur hinterher zu laufen, sondern solche auch zu kreieren."

Ergo: Zwar so alt wie die Rolling Stones, aber bitte ein klein wenig moderner. Mathias Bäumel

Dozentenkonzert anlässlich des 50. Jubiläums der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop und im Rahmen der Jazztage Dresden morgen, 19.30 Uhr, im Konzertsaal der Hochschule. Ausverkauft!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr