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Skulpturen von Frank Schauseil im Drewag-Treff

Nomaden Skulpturen von Frank Schauseil im Drewag-Treff

„Nomaden sind Grenzgänger zwischen Hightech-Welt und Tradition“, umschreibt der Dresdner Bildhauer Frank Schauseil den gedanklichen Hintergrund seiner Ausstellung. Ihn interessiert, was Nomaden antreibt, aufzubrechen, neue Lebensräume zu erobern und deren Lebensumstände.

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Quelle: Jürgen Matschie

Dresden. „Nomaden sind Grenzgänger zwischen Hightech-Welt und Tradition“, umschreibt der Dresdner Bildhauer Frank Schauseil den gedanklichen Hintergrund seiner Ausstellung. Ihn interessiert, was Nomaden antreibt, aufzubrechen, neue Lebensräume zu erobern und deren Lebensumstände. Was heute nach Nostalgie und Romantik klingt, hat mit harten, bewährten Alltagsstrategien zu tun, illusionslosen Überlebenstaktiken bei Nahrungsmangel, Naturkatastrophen, Krieg, Gewalt und allem, was Menschen auf ihr bloßes Menschsein zurück wirft, unabhängig davon, ob sie und über wieviel entsprechender Hightech sie verfügen oder schon einmal verfügt haben mögen.

Mensch sein – in welcher Situation auch immer! – Diese übergreifende Botschaft spricht sich in Schauseils Arbeiten auf unterschiedliche Art und Weise aus.

Der traditionelle nomadisierende Jäger im Fell- oder Federkleid?

Wie eine Leitfigur steht er eingangs wehrhaft mit Speer, auf einem nicht näher definierten, gering angehäuften Besitz aus bearbeiteten Klötzen. Eigenartig zerbrechlich und schmalbrüstig wirkt er, mit wenig körperlichem Volumen, fast wie ein Vogel, jederzeit fluchtbereit. Eine kleinere Version der getönten Gipsfigur findet sich in Bronze gegossen in der oberen Etage. Mit noch dünneren Beinen und noch flügelähnlicheren Vorderextremitäten, strahlt sie diesen verteidigungsbereiten Besitzanspruch des größeren noch nicht aus. Kommt der uns dadurch näher? Wirkt er dadurch menschlicher?

Schauseil interessiert die Gleichzeitigkeit von Schwäche und Stärke, von fragilen Grundformen und wehrhafter Oberfläche, von Zartheit und Aggressivität. Es sind nicht nur Artgenossen, gegen die sich Nomaden behaupten müssen, es sind auch Naturgewalten, wie die nächste Plastik, die „Welle“ in dramatischer, alles verschlingender Bewegung zeigt. Oder die Phänomene „Strudel“ und „Tornado“ in ihrer charakteristischen, rotierend bewegten Erscheinung als originelle plastische Motive.

Doch die Elemente sind nicht nur Gegenspieler der Nomaden. Vielmals sind sie die Kräfte, die sie sich zu Verbündeten machen, sie mit bewährter, oder immer neuer Technik nutzbar machen. Wasser spielt oft eine tragende Rolle, auch, wenn der Bildhauer es kein weiteres Mal ausformte. Etwas so Unkontrollierbares, in ständiger Bewegung befindliches, mit tausenden Lichtreflexen spielendes künstlerisch festhalten zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen. Doch Boote, Schiffe und Nachen - Sinnbilder für Überfahrten von einem Lebensabschnitt zum nächsten – finden sich zahlreich in Frank Schauseils Werk. Einem Künstler geht es um Metaphern, die konkrete sinnliche Vorstellungen wecken und doch viel mehr meinen können.

So macht der Bildhauer auch die Zeit, die substanziell ebenfalls kaum fassbar ist, spürbar: in den Rümpfen seiner überlangen Boote, deren Material er so archaisch wie möglich aussehen lässt. Neben patiniertem Gips und Bronze besann er sich auf Eisen, das im Guss auch andere Stoffe wie Holz oder Textil zu suggerieren vermag, und welches, mit seinen Korrosionserscheinungen, die normalerweise als gefürchtete Folge des Zahns der Zeit gesehen werden, Alterungsprozesse zu zeigen vermag. Lange schon mag also der „Landgang“ zurückliegen, Fäulnis an den Pfählen des Stegs nagen, Wind die zerschlissenen Segel zausen. Doch von den Seefahrern selbst fehlt jede Spur. Eroberten sie eine unbewohnte Insel, wurden sie Jäger, postierten „Wächter“ und häuften allmählich Besitz an? Oder fielen sie, wie eine wildgewordene, hungrige „Horde“ in Feindesland ein, vertrieben die Bewohner, machten die zu Nomaden oder vermischten sich mit ihnen? Oder gründeten sie ein „Imperium“, mit einem Schiff als Heiligtum? …

Frank Schauseil erzählt diese Geschichten nicht zu Ende. Er tippt sie nur an, öffnet Assoziationsräume für bedeutende und längst vergessene historische Prozesse, von denen die Weltgeschichte kündet oder schweigt, und die sich immer wieder ereignen. Seine Geschöpfe, sowohl die gegenständlichen als auch die figürlichen, sind an der Realität orientierte Abstraktionen. Als eine der schönsten erscheint die bronzene „Paddelbootromantik“, die zwei menschliche Figuren scheibenplatt, einvernehmlich in einem Boot sitzen lässt. Die eine mit einer vom Kopf sich aufspreizenden Punkfrisur, die an indianischen Federschmuck oder stäbchengehaltene ostasiatische Frisierkunst denken lässt, die andere, eher maskulin erscheinende, mit kleinem Sonnenhut und chinesisch anmutendem Sonnenschirm. Das Rund dieses Schirms wiederholt sich außerhalb des Bootsrumpfes, wo man bei anderen Gefährten die Räder wähnt. Der Gedanke an eine rollende Fortbewegung kommt auf, wird jedoch von vier am Boden stehenden Tragestangen negiert. Womit also hat man es zu tun? Mit einem Paar, das sich einen romantischen Nachmittag im Boot gönnt? Mit einem Akt der Völkerverbrüderung nomadisierender und ackerbauender Ethnien? Oder mit dem entwicklungsgeschichtlichen Schritt der Erfindung des Rades, der ja zeitlich erst nach der Nutzung von Booten gelegen haben soll. – Alles Verbalisierte scheint weit hergeholt und doch klingt von all dem etwas an, in dieser, der Form nach so klaren, silhouettenhaften, fast grafisch wirkenden Gruppe. Als träfen sich Schauseils Formerfindungen mit einem kollektiven Mythenschatz, dessen raum- und zeitübergreifender philosophischer Kern einmal mehr erstaunt.

Bis 18.11. DREWAG-Treff Kundenzentrum im World Trade Center, Ecke Freiberger / Ammonstraße, 01067 Dresden. Mo-Fr 9.00 - 19.00 Uhr, Sa 9.00 - 13.00 Uhr.

Von Jördis Lademann

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