Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 2 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Skulpturen in Ton in der Dresdner Galerie Hieronymus

Skulpturen in Ton in der Dresdner Galerie Hieronymus

Dies ist eine Ausstellung, um die man nicht viel Worte machen muss, denn sie hat eine eigene Magie, die wohl am stärksten wirkt, wenn man in ihr allein ist.

Allein mit den Figuren, die auf unterschiedliche Weise zum Betrachter sprechen und dabei doch die uralte Erkenntnis vermitteln, dass die Wirklichkeit des Gegenüber in der Kunst eine Kraft ist, die wir im sogenannten wirklichen Leben nicht erfahren. Seit der Mensch begann, plastisch zu gestalten, hat er sich diese Gegenüber geschaffen, um etwas von sich selbst besser zu verstehen, um Bedrohungen zu bannen, um Fetische zu erzeugen, der Einsamkeit zu entgehen, eine Idee von Schönheit zu verwirklichen oder, häufig in der jüngsten Kunstgeschichte, eine Identität des Humanen zu bewahren, die, kaum gewonnen, immer aufs Neue verraten wird.

Robert Metzkes lässt eine Stimme in dem fiktiven Gespräch, das er einem seiner Kataloge voranstellt, sagen: "Wenn das Bildwerk keine Aufgabe mehr außer einer ästhetischen Aufgabe hat, ist Kunst nur noch Wandern in Ruinen." Es ist ja richtig, Kunst ist Wandern in Ruinen. Figürliche Plastik weist immer auf Vergangenheit und evoziert ein Nachdenken über Vergänglichkeit, weil sie etwas festhält, was im Moment der Entstehung schon vergangen ist. Auch darin liegt ein Grund der Magie, die von ihr ausgeht, wenn man sich das Sensorium für eine solche Begegnungstiefe erhalten hat.

Ich denke, dass vor allem hier die Gemeinsamkeit der drei Bildhauer liegt, außer der, dass sie dasselbe Material verwenden und sich einer der ältesten Kulturtechniken der Menschheit bedienen. Terrakotta ist ein Material, das zugleich sehr dauerhaft wie auch fragil ist, eine Eigenschaft, die wir uns vielleicht im Angesicht der Werke gar nicht bewusst machen, die aber unser Empfinden beim Betrachten ganz wesentlich mit beeinflusst. Ebenso wie die unglasierten, warmen oder auch engobierten Oberflächen, deren haptische Eigenschaften wir auch dann realisieren, wenn wir sie gar nicht berühren dürfen.

Neben dem bereits Gesagten und der Tatsache, dass sie alle als Künstler im Gestus der reflektierten Bescheidenheit oder besser Gelassenheit arbeiten, sind Sylvia Hagen, Peter Makolies und Robert Metzkes doch recht unterschiedliche künstlerische Temperamente. Sylvia Hagen baut ihre Figuren aus tönernen Platten, deren Umrisse in den Figuren irgendwie nachvollziehbar bleiben, auch dann, wenn sie sich zu einem neuen Ganzen formen. Auf diese Weise bleibt der Vorgang des Entstehens nicht nur als materieller, sondern auch als geistiger Prozess im Werk anwesend. Die Figur ist immer der Kern der Arbeit, deren äußerliche Erkennbarkeit ist nicht das Ziel, vielmehr sind Naturvorbild und abstrahierte Figuridee zu einem Ausgleich gebracht, der eine ganz neue Qualität außerhalb des Abbildhaften erschafft. Man könnte das vielleicht als expressive Verletzlichkeit beschreiben, ein Wort, das nur auf den ersten Blick paradox zu sein scheint.

Robert Metzkes geht anders vor. Dem, was bei oberflächlicher Betrachtung wie eine Idealisierung des Menschenbildes erscheint, liegt in Wahrheit wohl eine Konstruktion von Ganzheitlichkeit zugrunde, deren Zeitgenossenschaft in der zerrissenen Gegenwart vor allem in der Behauptung des Auratischen liegt. Mir ist das klargeworden, als ich vor ein paar Jahren erstmals seine ganzfigurigen Plastiken im Eingangsraum des wunderbaren Leipziger Grassi-Museum sah und in diesem Kontext verstand, dass hier gewissermaßen programmatisch Welt und Kunstgeschichte seit den archaischen Koren in einem Moment der Gegenwart gleichsam hinein modelliert sind. Denn die vermeintliche Wirklichkeit dieser oftmals en face nach dem Modell geschaffenen Arbeiten ist im doppelten Sinne aufgehoben in eine Kunst-Wirklichkeit, die zuweilen realer erscheint als das, was uns umgibt.

Auch Peter Makolies hat als Bildhauer die Figur nie verlassen. Er hat sie aus verschiedenen Perspektiven untersucht, im frühen Werk aus der Archaik, später kamen andere Momente hinzu, auch konzeptuelle, solche der Schönlinigkeit, erotisch auch und in der langen Reihe der Köpfe aus Feldstein, die Sie sicher im Leonhardi-Museum gesehen haben, vor allem das Moment der Vanitas, von dem ja schon die Rede war. Peter Makolies hat so ziemlich in allen Materialien gearbeitet, aus denen man Skulpturen oder Plastiken machen kann. Natürlich auch in Terrakotta, ein Hauptweg war das nie. Jedoch zieht sich die Faszination der ostasiatischen Bildhauerei durch sein ganzes Werk. Die gespannten, klaren Formen, auch die Schmuckdetails, die abwesend-eindringlichen Gesichter und bemalten Augen - alles das taucht immer wieder auf. In den ganz sparsam engobierten, an Buddhas erinnernden Terrakotten, die schon in den 1980-er Jahren entstanden sind, hat er dieses Vokabular gleichsam spielerisch zu großer Ruhe verdichtet.

Ich möchte am Ende ein besonders schönes Wort in Erinnerung rufen, dessen sich Robert Metzkes in dem erwähnten Gespräch bedient und das man heute in Texten über Skulptur kaum noch findet: Es lautet Bildwerk.

bis 24. Januar; Galerie Hieronymus, Friedrich-Wieck-Str. 11, geöffnet Mi & Fr 13-18, Do 14-19, Sa 11-14 Uhr

www.galerie-hieronymus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.01.2015

Matthias Flügge

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr