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„Skeleton Tree“, das 16. Studioalbum von Nick Cave & The Bad Seeds, ist besonders

Tragische Umstände „Skeleton Tree“, das 16. Studioalbum von Nick Cave & The Bad Seeds, ist besonders

Das neue Album des bald 59-jährigen Australiers Nick Cave und seinen Bad Seeds ist seit Freitag abholbereit. An „Skeleton Tree“ haben Cave und die Band schon im Herbst 2014 gearbeitet. Ihr 16. Studioalbum ist aufgrund tragischer Umstände ein besonderes.

Nick Cave

Quelle: Kobalt Label Services_Picturehouse

Dresden. Ein Mensch geht. Ein naher Mensch stirbt, ein sehr junger noch dazu. Trauerarbeit heißt nicht ohne Grund Trauer. Völlig ohne weiche Note ist dieses Wort, sperrig wie so vieles in der deutschen Sprache, doch im tiefsten Grunde wahr. Trauer – ein Weg ohne klares Ziel. Einer mit Gabelungen, Sackgassen, mit fahlem Licht an Tunnelenden oder zähflüssigem Schwarz an diesem Punkt. Keine rechte Tinktur gibt es für unterwegs, keinen ultimativen Schluck. Dafür sehr viele Ratgeber zumeist. Zu viele schlechte. Wenn man nur die Kraft, die man für sie aufwendet, für anderes zur Verfügung hätte!

Tote leben im Herzen weiter, sagt man zu Trauernden. „Er ist in meinem Herzen, aber er lebt da nicht. Er lebt nicht mehr.“ Das sagt Nick Cave. Er und seine Frau Susie Bick haben als Eltern im Juli vergangenen Jahres einen nahen Menschen verloren: Arthur, ihren damals 15-jährigen Sohn. Earl als dessen Bruder ist jetzt ohne seinen Zwilling. Es war ein Unfalltod am Meer nahe Brighton. Ein Sturz. Eine Katastrophe. Die Umstände gehen nur die Caves etwas an. Es wird keine gemeinsame Pizza mehr geben, so wie im launigen, Fiktion und Realität, Fantasie und Fakt schrammenden Kinofilm „20  000 Days On Earth“ von 2014 zu sehen. Nick Cave hat der Schlag getroffen.

Das neue Album des bald 59-jährigen Australiers Cave und seinen Bad Seeds ist seit Freitag abholbereit. An „Skeleton Tree“ haben Cave und die Band schon im Herbst 2014 gearbeitet, der galante Schwung von „Push The Sky Away“ (2013), dieser weiteren, in sich geschlossenen, stimmigen, faszinierenden Platte, war noch spürbar. Dass sie sich dann, nach Schock und Lähmung, gemeinsam neu austarieren konnten, spricht für menschliche Qualitäten.

Vor der Platte kam der Film. Weltweit in 900 Kinos mit je nur einer Vorführung gezeigt, bot „One More Time With Feeling“ am vergangenen Donnerstag die erste Gelegenheit, Material von „Skeleton Tree“ zu hören. Es gab zuvor keine echt rotierende Auskopplung, keine Exemplare der Gesamtedition für die Presse. Auch das ist ein Statement! Ob eine DVD des Films erscheinen wird, ist offen.

„One More Time With Feeling“ als Titel ist aus „Magneto“, einem der neuen Lieder, entnommen. Der australische Regisseur Andrew Dominik, mit dem Cave den Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ gedreht hat, kennt ihn seit 30 Jahren, Freunde sind sie seit zehn, ansonsten wäre diese besondere Nähe in dieser besonderen Zeit nicht möglich gewesen. Dominik sagt, dass Cave „diesen Film nicht machen wollte, sondern einfach wollte, dass es ihn gibt.“ Jetzt ist er indirekt auch eine Reaktion auf die Gebaren der Musikindustrie – neue Platte, neue Tour, neue Promotion, neue Interviews. Diesmal ging es nicht. So nicht!

Dass gerade Nick Cave nie verlegen war, über das Medium Film an die Öffentlichkeit zu gehen, dass er in jeder Phase seiner Karriere offensiv mit dem Fakt der Selbstinszenierung jonglieren konnte, ist bekannt. Film ist für Cave seit Jahrzehnten ein vertrautes Medium. Deshalb darf es keinesfalls verwundern, dass er just beim Drehen auch in diesen harten Zeiten Momente des Humors und der Lakonie gefunden hat. Mit den haltlosen Vorwürfen einer nächsten reinen Selbstinszenierung wird er umzugehen wissen. Dominik: „Nick hatte das Bedürfnis, den Leuten, die seine Musik lieben, den Stand der Dinge verständlich zu machen. Es erschien mir, als sei er gefangen. Er musste etwas tun, irgendetwas, um zumindest den Eindruck von Fortschritt machen zu können.

Da der Tod mitten in die Aufnahmen geplatzt ist, alle Arbeit an „Skeleton Tree“ damit jäh gestoppt wurde und erst in neuem Licht besehen weiterging, will Nick Cave den Schwarzweiß-Film als Statement an die Außenwelt verstanden wissen. Bei der Uraufführung auf den Filmfestspielen Venedig war er nicht dabei. Mutmaßlich wird es auch sehr lange dauern, bis er wieder Konzerte spielt. Spielen will.

Als ruhe- und rastloser Künstler, der permanent am Notieren von Ideen ist, am Schreiben von Texten, Komponieren von Song-Stücken und ganzen Songs hat ihm diese Arbeit Halt gegeben. Nach draußen zu gehen, zu denen, die wirklich etwas von Cave erwarten, die in zu großer Zahl etwas fordern, ist wirklich etwas anderes.

Die Bad Seeds im Jahr 2016, dem 33. Jahr ihres Bestehens, sind Nick Cave (Gesang, Piano, Vibraphone, Synthesizer), Warren Ellis (Synthesizer, Loops, Piano, Wurlitzer, Violine, Bariton- und Tenorgitarre, Gesang), Jim Sclavunos (Vibraphon, Glocken, Percussion, Gesang), George Vjestica (Gitarre, Gesang), Martyn Casey (Bass), Thomas Wydler (Drums). Im Song „Distant Sky“ ist als Gast die dänische Sopranistin Else Torp zu hören. Weder von Text, noch von Musik und Arrangement her weist „Skeleton Tree” als 16. Studioalbum einen offensichtlichen Bruch zu unmittelbar letzten Veröffentlichungen auf. Nicht mal in der wie stets dunklen Klangfarbe, dem Verwitterten, der inneren Spannung, die hinter den Tönen lauern. Und doch muss das Album, allein durch die Umstände, ein besonderes sein.

So wie Cave „I Need You“ singt, mit diesem erschütternden und nie gehörten Vibrato, erklingt eine der wirklich packenden Balladen des Jahres. „Sie haben uns gesagt, unsere Götter und Träume würden uns überleben. Aber sie haben gelogen“, ist eine bittere Zeile aus „Distant Skies“. Es folgen atemlose Abschiede, immer wieder flehende Rufe mit leeren Echos aufs Meer hinaus, die Erde wird nach einem süßen Wind um Jahre älter. Für Eindeutigkeiten ist Nick Cave ein viel zu ambitionierter, grübelnder, glaubender Schreiber. Es liegt gewohnte poetische Kraft in den Zeilen, der Gesang aber ist gedämpft, der Musik fehlt es gänzlich an Eruption, das Klavier klingt wie aus dem Versteck gespielt. Ohne Lamento zu sein, ist „Skeleton Tree“ weit weg vom finalen Strich, roh, weil es für eine Phase steht. Es ist eine zutiefst menschliche Platte, Nick Cave als Figur tritt mit ihr ins zweite Glied.

Ohne Warren Ellis, Caves musikalischem Bad-Seeds-Kollegen, Freund, Inspirator, Korrektiv und – Wissenden würde es „Skeleton Tree“ nicht geben. Oder es wäre nicht hörbar. „Skeleton Tree“ sollte besonders lange sacken, um die rein künstlerische Qualität filtrieren zu können. Nehmen wir das Werk einfach als Zeichen von Leben! Nick Cave: „Was, wenn etwas passiert, das so katastrophal ist, dass du dich schlichtweg veränderst? Du wirst von einer bekannten Person zu einer unbekannten Person. Wenn du in den Spiegel blickst, erkennst du die Person, die du einst warst, aber die Person unter deiner Haut ist eine andere.“

Nick Caves 16

Nick Caves 16. Studioalbum

Quelle: Cover

Nick Cave & The Bad Seeds, „Skeleton Tree“ (Kobalt/Rough Trade)

Von Andreas Körner

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