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Sixtina wird 500. Serie: Werke der Gemäldegalerie. Heute: Rembrandts Selbstbildnis mit Saskia

Sixtina wird 500. Serie: Werke der Gemäldegalerie. Heute: Rembrandts Selbstbildnis mit Saskia

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt.

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt. Heute: Rembrandts Selbstbildnis mit Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Das Selbstbildnis Rembrandts mit seiner ersten Frau, Saskia, wurde 1749 in Paris erworben, also just in den Jahren der stärksten Ankaufstätigkeit des Dresdner Hofes für die Gemäldegalerie. Es gelangte bald nach Dresden und wurde hier zunächst 1754 - in jenem Jahr, als auch Raffaels "Sixtinische Madonna" eintraf - im Gemälde-Inventar, die Personen anonymisierend, verzeichnet: "Ein Officier sitzend, welcher ein Frauenzimmer caressiret, in der Hand ein Glaß mit Bier haltend". Doch letztlich war nahezu immer gegenwärtig, dass es sich bei dieser außergewöhnlichen Komposition um ein Selbstbildnis und das Porträt der Gattin Saskia handelt.

Rembrandt malte dieses Doppelbildnis im Alter von kaum dreißig Jahren. Er hatte sich 1631 in Amsterdam angesiedelt, dem ökonomischen und kulturellen Zentrum der Niederlande, und er erfreute sich großen künstlerischen Ruhmes und eines guten Absatzes seiner Bilder. 1632 war die legendäre "Anatomie des Dr. Tulp" entstanden, eines der charakteristischen Gruppenbilder, das durch Psychologie und Realismus auffällt. In jenen Jahren 1632/33 schuf Rembrandt Dutzende von Bildnissen; die menschlichen Seelen öffneten und erschlossen sich dem beherzten und sensiblen Künstler leicht.

Seine Gattin hatte der Maler schon früher dargestellt, so etwa in dem Dresdner Kleinformat der Saskia als Mädchen aus dem Jahre 1633. Sie war die Tochter des befreundeten Kunsthändlers Hendrick van Uylenburgh, der den Maler gefördert hatte. Jenes frühe Bildnis der jungen und schönen Frau zeigt sie mit Perlenohrring und Goldkette, den kessen Blick unter dem verschattenden großen Hut hervorsendend, in edle Gewänder gehüllt: eine vornehme Dame mit wachem Naturell.

Auf dem Doppelbildnis sitzt Saskia nun auf dem Schoß ihres Gatten. Er ist in ein burgundisches Kostüm gekleidet, lehnt sich zurück, wendet den Kopf aus dem Bild zum Betrachter und erhebt das gut gefüllte Glas prostend. Der Blick erscheint munter, ein genießendes und ermunternd-einladendes Lächeln umspielt den Mund. Auf den ersten Blick wirkt das Paar sehr verbunden: Die Frau sitzt auf den Knien des Gatten, er legt seine Hand an ihre Taille. Ihr Gewand fließt in lichtem Schwung um ihre Hüften, und das Obergewand erweist sich als kompliziert gefertigt und somit als kostbar. Allerdings schaut Saskia eher zurückhaltend, fast ein wenig skeptisch, als müsse sie sich der Rolle vergewissern, in die sie gekommen ist.

Wie lebte es sich für die vornehme Tochter mit dem unbändig kreativen Bohemien an ihrer Seite? Eine ganz im psychologisierenden Denken des 19. Jahrhunderts wurzelnde, doch durch ihre Empathie bemerkenswerte Schilderung Rembrandts verdankt man Eugène Frommentin: Rembrandt "scheint immer etwas zu verbergen, entweder seine Malerei oder sein Leben", aber er "hatte die Leidenschaft, sich vor einen Spiegel zu setzen und sich zu malen; nicht, wie Rubens es tat, in heroischen Bildern [-], sondern ganz allein, in kleinem Rahmen, Auge in Auge, für sich selbst und ganz allein für den Preis eines vorüberstreifenden Lichtes oder eines ganz seltenen Halbschattens". Aus dieser Reihe der schlichten Selbstbildnisse fällt das Dresdner Doppelporträt heraus, aber es verdankt sich auch nicht nur einer Selbstbefragung des Malers oder dem künstlerischen Interesse an einem Lichteffekt. Letzteres, die Neigung zu ungewöhnlichen Beleuchtungen, war das Erbe des Utrechter Caravaggismus, allein die Weiterentwicklung bei Rembrandt machte ihn davon bald ganz frei.

Ein tüchtiger Mann, der sein Heim, liebte

Frommentins Schilderungen, die auf den damaligen Kenntnissen über die relativ spärlichen schriftlichen Quellen zu Rembrandt beruhen, skizzieren doch ein Charakterbild und sind namentlich hinsichtlich des Dresdner Bildes wertvoll: "Betrachtet man ihn äußerlich, so war er ein tüchtiger Mann, der sein Heim, sein häusliches Leben und seinen Herd liebte, ein Mann der Familie". Und im Rückblick auf das ganze, das mythenumwobene Leben des Künstlers und auf seine Sammlungen, die er späterhin hatte verauktionieren lassen müssen: "Er lebte nicht prächtig, aber er hatte eine Art versteckten Reichtums, Schätze, die in wertvollen Kunstgegenständen verborgen waren und ihm viel Freude verursachten, die er bei seinem völligen Zusammenbruch verlor".

Doch die emotionalen Verluste in seinem Leben wogen noch weitaus schwerer: "Er hatte eine reizende Frau, Saskia, die wie ein Sonnenstrahl in dieses ewige Helldunkel lächelte und die ihm während einiger allzu kurzer Jahre nicht wirkliche Eleganz und echte Zauberkräfte, aber doch so etwas wie einen lebhafteren Glanz verlieh." Mag er geahnt haben, wie gefährdet das Glück war? Mag sie gewusst haben, dass das Leben fragil ist? Ihr sorgsam wägender Blick wirft Fragen auf.

Das Bild weist einige Elemente auf, die bisher nicht zur Sprache kamen, so etwa links am Bildrand oben eine Anschreibtafel, die zu den üblichen Requisiten von Wirts- und Freudenhäusern gehörte, die aber im Zuge einer Veränderung des Bildformates etwas beschnitten, aber nicht getilgt worden ist. Der mit einem edlen Gobelin belegte Tisch trägt eine Pfauenpastete, die in der Malerei jener Zeit als Sinnbild für Stolz und Hochmut (Superbia) sowie für Laster und Wollust (Voluptas) verstanden wurde. Das erhobene, gut gefüllte Glas seinerseits firmiert oftmals als Zeichen von Trunksucht, Maßlosigkeit und jedwedem Hedonismus. Diese Requisiten gehören zu Wirtshausbildern, sie moralisieren und warnen vor Fehlverhalten.

Die künstlerische Entstehung und Entwicklung des Dresdner Gemäldes ist nicht mit bloßem Auge abzulesen, und das weist darauf hin, wie wichtig für die richtige Interpretation von Kunstwerken naturwissenschaftliche Methoden sind, namentlich die zerstörungsfreien strahlendiagnostischen Untersuchungen mittels Infrarot- und Röntgenstrahlung oder mit ultraviolettem Licht. Das, was wir heute sehen, ist nicht identisch mit jener Komposition, mit der Rembrandt die Arbeit auf dieser Leinwand begann. Die Untersuchung mit Röntgenstrahlen bringt vor allem zutage, dass ursprünglich noch eine weitere Figur im Bild plaziert war, eine zweite Frau, eine Dirne. Auf Darstellungen des Verlorenen Sohnes - ein beliebtes biblisches Motiv - findet man diesen im Allgemeinen mit mehreren Freudenmädchen. Der verlorene Sohn bringt sein vor der Zeit ausgezahltes Erbteil in Wirts- und Freudenhäusern durch, muss dann Schweine hüten, kehrt durch glückliche Fügung ins Elternhaus zurück und wird vom Vater gnädig aufgenommen - ein Sinnzeichen der göttlichen Güte für den Menschen, der gesündigt hat, eine Geschichte von Reue und Vergebung. Indem Rembrandt die ursprünglich kompositorisch angelegte zweite Frau getilgt hat, verwandelte er also die Komposition von der Illustration des biblischen Gleichnisses in ein familiäres Doppelbildnis.

Und dennoch bleibt die gleichnishafte Ebene in der Darstellung enthalten: Offenbar ist ihm, dem erfolgreichen jungen Künstler, bewusst, wie gefährlich nahe die Verführungen ihm kommen. Und vielleicht ist Saskia dessen gewärtig, dass auch sie in Gefahr lebte. Jeder Mensch wusste, dass die Hochzeit nicht nur die Begründung eines Lebensglückes sein konnte, sondern auch der Beginn einer neuen elementaren Gefährdung, namentlich für die Frauen, die so zahlreich im Kindbett verstarben. Aber das Zusammenfinden ist immer auch unterlegt mit der Gefahr der Entfremdung, und vielleicht ist sie eben deshalb als Rückenfigur gezeigt: Sie entzieht sich und bleibt kritisch, auch wenn sie ihrem Gatten zugewandt ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.07.2012

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