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Singakademie Dresden musizierte Frank Martins Passionsoratorium "Golgotha"

Singakademie Dresden musizierte Frank Martins Passionsoratorium "Golgotha"

Ein kleiner Sprachexkurs zu Beginn könnte hilfreich sein. Frank Martin hat seinem Passionsoratorium den Titel "Golgotha" gegeben und damit den Namen verwendet, der im französischen Bibeltext den Ort der Kreuzigung Jesu benennt und dem griechischen Original am nächsten ist.

Durch Luther und die Passionen J.S. Bachs sind wir an die Schreibweise Golgatha gewöhnt, und bei der deutschen Einheitsübersetzung von 1980 hat man sich für Golgota entschieden. Das ist alles nicht entscheidend und hat auch diejenigen nicht gestört, die sich in Dresden in der Vergangenheit mit dem Werk des schweizerischen Komponisten intensiv befasst haben, Erich Schneider, der bis 1945 Kantor der Frauenkirche war, und Martin Flämig, Kreuzkantor von 1971 bis 1991.

Die Aufführung von "Golgotha" durch die Singakademie in der Kreuzkirche war nach längerer Zeit das erste Mal, dass die Komposition wieder einmal in Dresden zu hören war. Es ist leicht zu verstehen, warum sich nur wenige Chöre und Dirigenten an dieses Monumentalwerk wagen, noch dazu, wenn nicht eine deutsche Fassung, sondern der französische Text, den Martin vertont hat, für die Aufführung gewählt wird. Das ist nicht allein für die Ausführenden eine gewaltige Hürde; auch für die Hörer bringt es Probleme mit sich. Zwar ist in dem sehr gut gemachten Programmheft der deutsche Text parallel zum französischen abgedruckt, aber sogar Mitlesen und Vergleichen sind nicht einfach. Die Sprach- und Musikwissenschaftlerin Astrid Sadrich-Gubin ist sicher zu Recht der Meinung, dass sich das Œuvre Martins "jedweder Kategorisierung entzieht", aber das bedeutet nicht, dass nicht doch einige Grundaussagen zu "Golgotha" möglich sind.

Für Martin schien es zunächst eine Anmaßung zu sein, nach Bach noch Passionen zu schreiben. Trotzdem oder gerade deshalb hat er eine Textkompilation gewählt, die sich von der Bachs deutlich abhebt. Er verzichtet auf die ausführliche Darstellung der Leidensgeschichte, gibt dafür aber den Worten Jesu breiten Raum und ergänzt Passagen aus den Evangelien durch Auszüge aus den Meditationen des Augustinus (354-430). Bei Martin ist Jesus nicht nur der demütig Leidende wie bei Bach, sondern voller Energie, ein Mann in der Blüte seiner Jahre, der sich nicht scheut, das Verhalten der Menschen seiner Umgebung mit kraftvollen Worten anzuklagen.

Andreas Scheibner war für diese Partie eine Idealbesetzung, weil er mit einer breiten Skala von stimmlichen und Ausdrucksnuancen arbeitete, ohne in die Nähe zum Opernpathos zu geraten. Im Gegenteil, bei so viel nobler Zurückhaltung hätte sogar etwas mehr an hörbarem Zorn dem Grundgestus nicht geschadet. Tenor (Fritz Feilhaber) und Bass (Jörg Hempel) haben eine Doppelfunktion. Sie erzählen die knapp gehaltene Handlung und sind auch deren mitwirkende Personen. Beide Sänger wurden den Anforderungen vollauf gerecht, obwohl Martin ihre Stimmen oft bis in Extremlagen nutzt. Solosopran (Ulrike Staude) und -alt (Inga Jäger) haben ihre Hauptfunktionen als Klangkronen im Soloquartett.

Französische Texte gehören nicht zur täglichen Praxis deutscher Chöre. Allein die unglaubliche Textmenge, die die Singakademie zu bewältigen hatte, nötigt Achtung ab. Es muss vorher mit enormer Akribie geprobt worden sein, damit nicht nur der pure Wortlaut erarbeitet wurde, sondern auch und vor allem Gestaltung bei der Aufführung abgerufen werden konnte. Das begann schon im Introitus mit der machtvollen Anrufung "Père! Père!" und setzte sich in fließender Melodik mit scharfen Akzenten fort. Ekkehard Klemm leitete mit teilweise großen Bewegungen, stets aber mit einer Genauigkeit, die für die Ausführenden Sicherheit bedeutete. Er präsentiert oft genug Musik der Avantgarde, hatte aber hier den Mut, die Komposition so auszumusizieren, dass der durchweg eher romantische Gestus, wie er für große Teile der französischen Sakralmusik typisch ist, voll zum Tragen kam.

Man mag fast nicht glauben, dass das Werk 1948 abgeschlossen und 1949 uraufgeführt werden konnte. Martin hat sich den Stilistiken seiner Zeitgenossen weitgehend verweigert, und Klemm ließ den Chor mit Kraft und gewaltigen Emotionen singen und schuf eine Klangwelt mit unzähligen dynamischen Nuancen, so dass auch denen, die den Text nicht verfolgen konnten oder wollten, die Geisteshaltung Martins erfahrbar wurde. Ungewöhnlich ist, dass der letzte Teil die Auferstehung vorwegnimmt . Das ist noch einmal eine Möglichkeit, den Chor mit romantischer Klangpracht singen zu lassen, und Ekkehard Klemm kostete diese Chance voll aus.

Die Neue Elbland Philharmonie erwies sich wieder einmal als verlässliches Orchester in einer Interpretation, die den Intentionen des Komponisten sicher entsprochen haben dürfte. Ein bemerkenswertes Werk voller klanglicher Opulenz, die die Zuhörer vom ersten Ton an packen konnte und nicht wieder losließ.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2012

Peter Zacher

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