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Simply Red lieferten in Dresden einen guten, aber sehr routinierten Auftritt ab

Event für Baby-Boomer Simply Red lieferten in Dresden einen guten, aber sehr routinierten Auftritt ab

Simply Red am Elbufer. Großveranstaltung: ja; ausverkauft: nein. Da dürfte eventuell der happige Ticketpreis von fast 80 Euronen eine Rolle gespielt haben. Noch dazu in einem Sommer mit mehreren Großereignissen. Publikumsschnittmengen mit ZZ Top gab es schon mal, wie zu hören war.

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Simply Red-Frontmann Mick Hucknall trifft auch mit 56 Jahren noch die hohen Töne und büßte bisher nichts von seiner bezwingenden Qualität ein.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Eins vorab: Es dürfte der Sicherheit bei Großveranstaltungen kaum dienlich sein, wenn Rucksäcke egal welcher Größe abgegeben werden müssen (und frau so genötigt wird, sämtliche Wertsachen, Arbeits- und Wetterutensilien ohne Tasche herumzutragen), während große andere Taschen hineingenommen werden dürfen. Ja, der Selbstmordattentäter in Ansbach trug einen Rucksack – extremistische Haltungen dürften jedoch kaum an die Anzahl der Schulterriemen gekoppelt sein.

Simply Red am Elbufer. Großveranstaltung: ja; ausverkauft: nein. Da dürfte eventuell der happige Ticketpreis von fast 80 Euronen eine Rolle gespielt haben. Noch dazu in einem Sommer mit mehreren Großereignissen. Publikumsschnittmengen mit ZZ Top gab es schon mal, wie zu hören war. Was nicht unbedingt zu erwarten war. Eigentlich war der „blue-eyed Soul“ der Manchesteraner ja der Soundtrack für die Jugend der etwas jüngeren und „softeren“ Generation.

Die Publikumsdichte erwies sich als sehr angenehm – voll genug, um sich nicht verloren, leer genug, um sich auch in der vorderen Hälfte des Stehareals nicht bedrängt zu fühlen. Vor dem Original gab es die – nein, Kopie wäre zu hart, sagen wir: Retro-Retro-Soul-Band The Retrosettes, ebenfalls aus der nordenglischen Industriestadt. Auf ihrer Homepage schreiben sie selbst, dass sie doch eigentlich eine Party-Band wären, und wirken bass erstaunt darüber, wie populär sie in den vergangenen Jahren wurden. Aber: Eigentlich trifft es Party-Band ganz gut – und eine Vaudeville-Interpretation von „Paint it Black“ ist wirklich verzichtbar!

Dann endlich die Party, auf die all die Baby-Boomer gewartet haben. In bester Feierstimmung swingen sie gleich beim Opener „Look at you Now“ mit. Der distanziertere Blick ergibt den Eindruck sehr großer Routiniertheit sowie gezielt eingesetzter „Liveelemente“ – soll heißen gleich zu Anfang prominent platzierte Soli von Gitarrist Kenji Suzuki und Trompeter Kevin Robinson. Auch nachfolgend bei „Come to My Aid“ ist Suzuki präsent, bleibt der erste Eindruck bestehen. Publikumsreaktion: begeisterter Applaus.

Aber darf man Mick Hucknall – der nicht nur wegen seiner nach wie vor roten Haare ja quasi Simply Red ist (Keyboarder und Saxofonist Ian Kirkham stieß ein Jahr nach Bandgründung 1985 dazu und ist bis heute dabei; die übrigen Musiker kamen allesamt mindestens ein Jahrzehnt später) – wirklich vorwerfen, den Publikumsgeschmack zu bedienen? Im vorigen Jahr erschien anlässlich der Jubiläums- (und Comeback-)Tour zum 30-jährigen Bestehen „Big Love“ – von Kritikern gelobt, gar nicht so schlecht verkauft, aber nicht das, was die Leute hören wollen, wenn sie zu einem Simply Red-Konzert gehen. „Shine On“ von der Scheibe hat es ins Set geschafft und es klingt sehr gut; wie etwas Altbekanntes im neuen Gewand. Trompete und Saxofon wirken hier organischer integriert, der Text mit seiner Zeile „You make me feel so young“ für einen 56-jährigen ehrlich.

Der einzige andere Song, den nicht auf Anhieb jeder mitsingen kann, ist „Watching Love Drifting Away“ vom 2003er Album „Fake“. Auch das durchaus hübsch anzuhören – vermutlich gerade weil noch nicht tausendfach mitbekommen. Aber – sehr menschlich! – Hucknall geht auch unterschiedlich mit seinen alten Hits um. Bei einer schönen Version eines seiner ersten Songs „Holding Back the Tears“, bei der er sich während der ersten Hälfte allein auf der akustischen Gitarre begleitet, sieht man ihm geradezu an, dass er es nach wir vor intensiv fühlt.

Und natürlich dann auch entsprechend herüberbringt. Generell muss man festhalten, dass er nach all den Jahren – und aktuell heuschnupfengeplagt, wie er bei der Begrüßung sagte – noch immer perfekt die hohen Töne trifft, sein Gesang nichts von der bezwingenden Qualität verloren hat.

Und dennoch bleibt der Eindruck des exakt durchgeplanten „Events“: Nach nur einer knappen Stunde der reguläre Abgang – zu einer Zeit, wo gerade erst die Dunkelheit die gut choreografierte Lightshow richtig erlebbar macht, der gesamte Bühnenaufbau und auch Hucknalls noch immer charismatisches Auftreten wirklich zur Wirkung kommen; dann zwei Mal zwei Zugaben. Wobei im ersten Teil auf „Money’s too Tight to Mention“ ein Mini-Medley aus „Ain’t That a Lot of Love“ (womit es dann ein paar Takte eines dritten nicht absolut bekannten Titels gibt), „I Keep Holding On“ und dem alten Sam & Dave-Hit „Hold On, I’m Coming“ folgt, im zweiten auf „Something Got Me Started“ mit einem schönen Saxofon-Einsatz „If You Don’t Know Me By Now“. Das immer schon unsagbar kitschig war und nicht besser klingt, wenn man es nach all den Jahren noch immer so voller Inbrunst intoniert.

Eine reduzierte, irgendwie altersweise, vielleicht sogar enttäuschte Interpretation hätte hier aufmerken lassen, so aber wurde der Routine-Eindruck abschließend verstärkt. Leider.

Von Beate Baum

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