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Simone Blattes Inszenierung "Damen der Gesellschaft" im Dresdner Schauspielhaus

Simone Blattes Inszenierung "Damen der Gesellschaft" im Dresdner Schauspielhaus

Die "Damen der Gesellschaft" - ja wo laufen sie denn? Die Frage ist im Dresden von 2012 fast ein wenig heikel. Regisseurin Simone Blattner, die zur Eröffnung der Ära Schulz am Staatsschauspiel die so einfühlsame Inszenierung von Heckmanns "Zukunft für immer" beigesteuert hat, in der drei etwas weniger junge Frauen sehr nah an der eigenen Biographie die Erfahrungen und Ansprüche ihres Lebens verteidigen, hat zwei der Protagonistinnen auch in der Komödie von Clare Boothe Luce besetzt, die jetzt ihre Premiere im Schauspielhaus erlebte.

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Helga Werner, Nele Rosetz und Antje Trautmann v.l.

Quelle: David Baltzer

Das ist immerhin eine verkappte Antwort und setzt nicht einfach ein Gleichheitszeichen zu den Erfahrungen einer Autorin, die in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Heirat aus armen Verhältnissen in die New-Yorker High Society aufstieg.

Mary Haines (Karina Plachetka) ist eine Frau in mittleren Jahren, reich, noch immer attraktiv, gesegnet mit etwas reichlich Naivität oder Begriffsstutzigkeit und "zwei süßen Kindern", von denen der Zuschauer nur die pubertär selbstbewusste Kleinmary (Lea Ruckpaul) zu sehen bekommt. Auch jegliche real existierende Männlichkeit wird ihm (nahezu) vorenthalten. Zwölf Frauen in zweiundzwanzig Rollen (wohl etwas weniger als in der Vorlage), einen Zirkel aus Klatsch und Tratsch, Intrigen und Beziehungstragödien hat er/sie alias Publikum über zwei Stunden lang in einer nervig-kurzweiligen Mischung zu ertragen.

Das Ganze spielt (Bühne Alain Rappaport) in einer Art Salon mit zart gemusterter, erst unifarben rosa, später lindgrüner Tapete, der aber auch ein schicker Hinterhof mit diversen Dienstleistungseinrichtungen sein könnte, mit Spiegelschränken als Fenster, aus denen manchmal lüstern neugierige Nachbarinnen blicken, die sich mangels anderer Unterhaltung oder gar Verantwortung ausschließlich mit ihren eigenen bzw. gegenseitigen Affären beschäftigen. Vorzugsweise aber mit der von Mr. Haines, der sich seit Monaten, Arbeit vorschützend, einer beschränkten, aber zielbewussten Blondine, nämlich der Parfümverkäuferin Crystal (Picco von Groote) widmet. Wovon längst alle wissen, aber Mary nur durch die dummdreist plappernde Maniküre Olga (Julia Keiling) erfährt. Fortan geht es hauptsächlich darum, ob und wie Mary ihren Mann wiederbekommt, respektive wie die Versorgungsinstitution Ehe funktionieren bzw. als solche aufrecht erhalten werden kann, nachdem sich die Monogamie als Produkt falscher Erziehung junger Männer anerkanntermaßen erledigt hat.

Als Dame der Gesellschaft hat man sich damit weitgehend arrangiert, zumal solche wie Sylvia Fowler (Nele Rosetz), die ganz auf ihren trainierten schlanken Körper und extravagante Kleidung fixiert scheint, oder die dunkel sehnsüchtige Nancy Blake, die sich körperlich in der Welt- und schriftstellerisch in der Emanzipationsgeschichte herumtreibt, weil ihr zwei Leserinnen lieber sind als eine öde Ehe. Die von Edith Potter (Anna Katharina Muck) hat offenbar auch kaum mehr zu bieten als regelmäßige Schwangerschaften, was aber der robusten Natur und vor allem der Neugier der Dame keine Abbruch tut. Vier Männer sind besser als vier Kinder, meint dagegen die Countess de Lage (Helga Werner), wenngleich auch das gelegentlich weh tut, aber " wenn man in der Schweiz lebt, muss man sich mit den Alpen abfinden", wie sie treffend bemerkt. Nur Peggy Day (Ines Marie Westernstroer) passt noch nicht ganz in die Sammlung; sie kommt daher wie ein später Backfisch, beteiligt sich nicht an Hecheleien, will sich auf keinen Fall ausnutzen lassen und wünscht sich doch nichts so sehr wie ein Kind.

Das alles ist vordergründig Boulevardtheater, auch wenn es sich mit manchem Gag auch selbst auf die Schippe nimmt. Aber es wird nie billig oder läppisch, in den bewusst eingesetzten Klischees nicht rein klischeehaft. Es läuft ab wie ein Video, wird auch mal slapstickhaft beschleunigt, ironisch verlangsamt oder zurückgespult, aber irgendwann fallen auch bewusst gesetzte Kontraste zwischen dem spleenigen, exaltierten, nervigen Gehabe der angeblichen Freundinnen und einer vom ganz gewöhnlichen Leben geprägten Reife und Erfahrung, ja sogar Bodenständigkeit ins Gewicht, die speziell Hannelore Koch und Helga Werner einzubringen haben. Wenn sie als Kinderfrau und Köchin nicht nur im jeweils eingeborenen Dialekt, sondern gleichsam mit Volkes Stimme die Affären kommentieren, ist die Erdung gewissermaßen kurzgeschlossen.

Ungeachtet dessen bleibt die Countess mit ihren vom ersten Mann ererbten Millionen der bunte Vogel, träumt weiter den Traum vom Glück, um nach jeder erfahrenen Treulosigkeit verjüngt wieder aufzusteigen wie Phönix aus der Asche. Mrs. Morehad, Marys Mutter, wird dagegen von der Sorge um den Nachwuchs in erster und zweiter Generation getrieben, und der Koch gelingt es hervorragend zu zeigen, wie das deren Ehrgeiz und ihre Hormone in Wallung bringt. Kleider machen Leute, besonders Frauen, aber was drinsteckt ist auch nicht zu vernachlässigen. Wo es sich nur um hohle Formen handelt, ist es zuweilen auch hohe Kunst, drumherum eine überzeugende Illusion zu kreieren. Dagmar Fabisch (Kostüme) unterstützt bzw. kostet tatsächlich beides weidlich aus in einem Stil, der lustvoll mit Farben, Mustern und Accessoires zwischen den 30er Jahren und Heute spielt. Doch das Leben ist und bleibt ungerecht, wie selbst eine so auf sommerlich heiter gestellte Inszenierung beweist. Den heftigsten, wenn auch kurz bemessenen Anteil am wohlwollenden bis begeisterten Schlussbeifall erhielt Bühnenmeister Klaus Klunker, der schon zwischendurch über die Szene gehuscht war, um angeblich eine wichtige Schraube nachzudrehen. Aber vielleicht war das ja wirklich der philosophisch am tiefsten lotende Moment der ganzen Aufführung. Tomas Petzold

Aufführungen: heute, 19.5., 3., 7., 16. und 24.6., 8.7.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.05.2012

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