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Sieben auf einen (Faust)-Schlag: "Ich armer Tor" nach Goethes "Faust" am Staatsschauspiel Dresden - eine Doppelkritik

Sieben auf einen (Faust)-Schlag: "Ich armer Tor" nach Goethes "Faust" am Staatsschauspiel Dresden - eine Doppelkritik

Die Versuchsanordnung für das jüngste pädagogisch-psychologische Theaterexperiment der Bürgerbühne Dresden erinnert an Wahlkabinen, in denen sich hier allerdings sieben Kandidaten befinden, die offenbar um die beste Überzeugungskraft als Reinkarnation des weiland Dr. Faust wetteifern sollen.

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Benno Fritz, Kai-Uwe Kroll, Armin Biedermann, Valentin Steinhäuser und Sandro Zimmermann (v.l.),

Quelle: Matthias Horn

Und das einer zweischneidig kritischen Selbstdarstellung als "arme Toren", die zunächst ihre persönliche Variante des sogenannten Hundemonologs vorzutragen haben. Was heutige "Dresdner Männer in der Midlife-Crisis" mit dem frustrierten Gelehrten gemein haben oder nicht, der im 15./16. (oder wie Goethe im 18./ 19.) Jahrhundert an der unvollkommenen Begreifbarkeit der Welt verzweifelte, lässt sich zwar nicht exakt analysieren, liefert aber Stoff für einen unterhaltsamen Abend, in dem Klischees wechseln mit sozusagen faustdicken Überraschungen.

Das liegt zuerst an den Akteuren, die mit ihrem engagierten Auftreten einen durchaus gesunden Eindruck machen, während der Dr. Faust in einer tiefen Depression steckte, ehe er den berühmten Pakt bzw. die Wette auf seine ewige Unzufriedenheit abschloss - was ja auch seine spätere Skrupellosigkeit erklärt. An der leiden die Nachfahren von heute wohl nicht, eher im Gegenteil, und da die Midlife-Crisis keine Krankheit ist, muss jeder für sich entscheiden, ob er eine hat.

Die jähe Einsicht in die Endlichkeit und Absurdität des Lebens, verbunden mit ersten Warnsignalen eines überstressten Körpers, wird eher nicht thematisiert, aber so hat es wohl auch Sebastian Eckhardt erlebt, jüngster Mitspieler und aufstrebender Mitarbeiter einer großen Rückversicherung: "Auf einmal kriegte ich Panikattacken. Ich sitze im Auto, linke Spur auf der Autobahn, und mein Blutdruck sackt in den Keller, Schweißausbruch-" Vielleicht bewahrt ihn das Theater vor langwierigen psychosomatischen Störungen - ansonsten aber leidet er wie die Mehrzahl der Kandidaten auf hohem Niveau: daran, viel zu viel, aber immer noch vergleichsweise zu wenig Geld mit dem falschen Beruf zu verdienen. Bei Älteren kommen Langeweile, Überdruss und Mangel an Liebe, Frust an eigener Bedeutungslosigkeit hinzu, was eher auf nicht nur zeitweilige, gar stimulierende Krisen hindeutet. Trotzdem werden landläufige Klischees mit einer Lust am Exhibitionismus illustriert, dass es sich kaum besser erfinden ließe, als es Kai-Uwe Kroll und Sandro Zimmermann vorführen. Der eine hatte in der späten DDR Außenhandel studiert, um die Welt zu sehen, und durchforstet nun das Internet, um vielleicht doch noch die Frau fürs Leben zu finden. Der andere hat von einem Tag auf den anderen Haus, Frau und Stiefkinder in einer wohlsituierten Gegend verlassen, um lieber in der Neustadt seinem bewusst gewordenen Anderssein zu leben. Er ist offenbar über den Berg, während Valentin Steinhäuser daran verzweifelt, wie schlecht die Welt eingerichtet ist. Er hat nicht Medizin (wie Armin Biedermann, der sich fit hält, um eine schöne Leich zu werden), sondern, nun ach, Theologie studiert mit längst erkaltetem Bemühn und den Schuldkomplex behalten im Unterschied zu Benno Fritz, dem Pfarrer, den die Evangelische Landeskirche wegen Ehebruchs in den Wartestand versetzte und der nun anderswo seinen Gott sucht - vermutlich nicht als der tolle Entertainer, als der er sich hier u.a. beim Parodieren des Prologs im Himmel präsentiert. Das Durchspielen von Schlüsselszenen der Tragödie, bei dem die Kandidaten auch mal in die Rollen des Mephisto und des Gretchen schlüpfen, bleibt allerdings arm an kritischer Erkenntnis. Aber da ist ja noch Bertolt List, der mit seinem störrischen, aber souveränen Dilettantismus auf dem Urtext beharrt. Wie er sein Innerstes gegenüber dem inquisitorisch emanzipierten Gretchen (Theaterpädagogin Christiane Lehmann) behauptet, lässt sogar richtig Spannung aufkommen.

"Habe nun, ach ..." - mit dem berühmtesten Seufzer der deutscher Literatur wird die berühmteste Sinneskrisen-Beichte deutscher Zun- ge eingeleitet. Fazit: "Da steh ich nun, ich armer Tor/ und bin so klug als wie zuvor." Irgendwie deprimierend (jedenfalls aus der Frauenperspektive), wenn sich gestandene, gelehrte Männer so wortreich bejammern und Erreichtes in Zweifel ziehen: War's das jetzt? Oder verpasse ich was? Bin ich ein Tor, wenn ich so weitermache, oder schieße ich mir ein Selbsttor, wenn ich meinen gewohnten Weg ändere? Was ist Fügung, was Verführung? Dr. Faustus müsste da ein abschreckendes Beispiel sein - sein angeschleppter Pudel entpuppt sich als Troja- nisches Pferd in Teufels Gestalt. Neuanfang - und was ist mit Risiken?

Mithilfe von Goethes "Faust" stellen sich in der neuen Bürgerbühnen- Produktion auf der Probebühne unterm Dach im Kleinen Haus sieben Männer aus der Mitte des Lebens sinnessuchenden Fragen und beweisen Mut zu sehr persönlichen Antworten. "Ich armer Tor" nach Goethes "Faust" mit Dresdner Männern in der Midlife-Crisis, so der Interesse weckende Titel.

Sieben reale Faust-Ichs und auch ein Gretchen (die Theaterpädagogin Christiane Lehmann), das die Herren mit tausend Gretchen-Fragen löchert. Auch ohne gesetzliche Frauenquote hat außerdem Regisseurin Miriam Tscholl hier das Sagen und führt die ambitionierte Herrenschar bei ihrer mal witzigen, mal schwermütigen theatralischen Selbstfindung an. Dazu passt die Bühne von Bernhard-Siegl - eine Podestreihe mit winzigen abgetrennten "Privaträumen", deren Inhalt durch Stoffbahnen gelüftet und verborgen wird, darüber können Erzengel Monologe halten, darunter wird auf dem aufgeschütteten Sand nach Gold geschürft.

Zunächst stellen sich die Akteure vor, indem sie sich an Fausts Anfangs-Monolog hangeln und mit individuellen Details ergänzen - mit Ausnahme von Bertolt List, der den Originaltext schützend vor sich hält und später erst seine Scheu vor Frauen dem Gretchen bekennt. Da wären also ein erfahrener, durchtrainierter Anästhesist (Waschbrettbauch, deine Gestalt hat einen Namen: Armin Biedermann), der den Übermut jüngerer Kollegen mit Doktor-Titeln bemän- gelt. Kai-Uwe Kroll hat echtes Gold im Tresor und keine Probleme, Frauen im Internet zu finden, und sehnt sich doch nach mehr Bedeutung.

Valentin Steinhäuser stellt den gesamten Sinn der Pädagogik und der Kultur in Frage - hoffentlich gibt es nach dieser Vorstellung keine massenhaften Kündigungen von Lehrern. Der Pfarrer Benno Fritz hat einiges zu sagen zum Thema "Wie hält's du's mit der Religion?", denn "seine" Kirche hat ihm in schwerer Stunde nicht geholfen, ganz im Gegenteil. Sandro Zimmermann seinerseits hat eine Allergie gegen nette Nachbarn, und der recht junge Midlife-Crysler Sebastian Eckhardt erlaubt uns einen sensiblen (ist wirklich wahr!) Einblick in die Finanzwelt, speziell in die der Rückversicherer.

Sie rezitieren, präsentieren sich in Badehosen, sinnieren, lachen, tanzen, bekennen - ein bunter Reigen männlicher Befindlichkeit. Viele Verknüpfungen mit "Faust" sind originell und witzig, andere vielleicht überflüssig. "Faust II" im Zeitraffer von 15 Minuten (quasi nur die Eckdaten) parodiert etwas zu viel und hinterfragt und verknüpft zu wenig. Doch auch hier gibt es gute Idee wie z. B. die individuellen Schlusswetten am Ende.

"Ich armer Tor" ist insgesamt ein unterhaltsamer Abend mit amüsanten und manchmal beklemmenden Seiten der männlichen Seele so ab 35.

aus der Perspektive

einer frau

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.11.2012

Tomas Petzold Bistra Klunker

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