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"Sie ist die Richtige für unser Altargemälde"- Dresdner Delegation in Amsterdam

"Sie ist die Richtige für unser Altargemälde"- Dresdner Delegation in Amsterdam

Kurz vor dem Eingang des Stedelijk gibt es eine letzte Bitte: "Wir bleiben zusammen", sagt Frank Lehmann. "Es ist wichtig, dass wir als Gruppe wahrgenommen werden.

Als Gruppe aus Dresden." Der Galerist hat eine Ahnung, was gleich passieren wird. Das Museum rechnet schließlich mit über 1000 Gästen. Deshalb wiederholt er: "Wenn wir nicht zusammenbleiben, werden wir übersehen. Wir aber wollen nicht übersehen werden. Wir wollen ein Zeichen setzen."

Dass dieses Unterfangen fast unmöglich ist, wird den Dresdnern klar, als sie die Menschenmenge sehen, die sich durch das Foyer im Kunstmuseum in der Paulus-Potterstraat in Amsterdam schiebt. Hier den Überblick behalten, das wird schwierig, und noch schwieriger - wenn nicht gar unmöglich - die Begegnung mit Marlene Dumas. Ihretwegen sind die sechs Dresdner hier. Sie wollen die Künstlerin treffen, die das riesige Altargemälde für die Annenkirche malen wird. Sie wollen ihre Ausstellung sehen und mit ihr reden. Wenigstens kurz, nur für ein, zwei Sätze.

Der Wunsch klingt illusorisch. Im Stedelijk wird die erste Einzelausstellung der südafrikanischen Malerin gezeigt. Seit mehr als 40 Jahren lebt Marlene Dumas in den Niederlanden. Es ist die wichtigste Ausstellung der Künstlerin, das hat auch sie im Vorfeld immer wieder betont. Deshalb die Aufregung in ihrer Wahlheimat, der Andrang im Kunstmuseum. Und in der Tat: "The Image as Burden" ist nicht nur die größte Dumas-Retrospektive in Europa - sie ist wirklich ein Ereignis. Fassungslos steht Pfarrer Christfried Weirauch vor den Gemälden einer der wohl eigenwilligsten und einflussreichsten zeitgenössischen Malerinnen weltweit, sieht auf den Leinwänden die vom Leben gezeichneten Gesichter und ist tief bewegt: "Ich gebe zu, die Gemeinde hat mich vorgeschickt", sagt er. "Ich soll Bericht erstatten. Aber alles, was ich sehe, ist so sinnlich, so berührend. Ich kann der Gemeinde nichts anderes sagen als das: Das ganze Schicksal liegt in den Porträts von Marlene Dumas. Ich bin sehr ergriffen davon!"

Die düsteren Arbeiten Marlene Dumas' sind verstörend und fesselnd zugleich. Sie lösen Beklemmungen und Irritationen aus, sie machen einen frösteln. So sehr stellen sie den Betrachter selbst in Frage. Diese gequälten, vor Einsamkeit und Begierde gekrümmten Menschen lassen niemanden unbeteiligt. Diese oft ungeschönten, beunruhigenden, befremdlich wirkenden Gesichter - man muss sie erst einmal aushalten. Und der Pfarrer der Annenkirche in Dresden steht da und stellt sich dem. Tief bewegt spricht er: "Ich bin so froh, dass wir uns für Marlene Dumas entschieden haben. Ihre Bilder sind so voller Liebe, Schmerz und Trauer, so voller Mitgefühl. Ja, sie ist die Richtige für unser Altargemälde."

Wir haben richtig entschieden. Diese Künstlerin bewältigt diese schwierige Aufgabe.

Sagt er und schaut seine Mitreisenden an, Mitglieder der Kirchgemeinde und aus der Findungskommission - den Galeristen, die Baureferentin und den Baupfleger. Letzterer, Stephan Däßler, nickt mit dem Kopf und ergänzt: "Ich bin ganz aufrichtig. In der Kommission habe ich mich schon auf das Urteil der Experten verlassen. Ich kannte die Arbeiten von Marlene Dumas ja nur aus dem Internet und von Kunstbüchern. Aber was ich hier sehe, das macht mich richtig glücklich. Wir haben richtig entschieden. Diese Künstlerin bewältigt diese schwierige Aufgabe." Fast, das sagt der Dresdner noch, müsse er sich bei ihr entschuldigen, für den leisen Zweifel, den er manchmal doch gehabt habe.

Agnes Däßler, seine Frau, schüttelt sanft mit dem Kopf. Die zierliche blasse Frau hat gerötete Wangen. Ihre zarte Stimme ist noch leiser als sonst, als sie sagt: "Schade, dass mein Vater diese Ausstellung nicht mehr gesehen hat. Er hat so sehr an dieses Projekt geglaubt. Er hat für dieses Altarbild gebetet." Der Vater von Agnes Däßler heißt Siegfried Reimann, er war der langjährige Pfarrer der Annenkirche. Zu seiner Beerdigung im letzten Mai wünschte er sich keine Blumen, sondern Geld für das Gemälde von Marlene Dumas.

Frank Lehmann drängt die Gruppe zurück ins Foyer. "Wenn wir Marlene Dumas sprechen wollen, dann müssen wir uns beeilen. Sie signiert im Foyer Kataloge. Das ist unsere Chance." Die Chance existiert nur minimal. Die Security lässt niemanden mehr zur Künstlerin vor. Die Schlange scheint ohnehin endlos. Der Galerist gibt eine letzte Anordnung an diesem Tag: "Wir müssen als Gruppe hier stehen bleiben, genau hier vor ihrem Tisch. Sie kann uns nicht weglaufen. Habt einfach Geduld." Das ist leicht gesagt, die Security achtet mit Argusaugen darauf, dass niemand sich der Künstlerin nähert. Dann - gleich ist die Signierstunde beendet - taucht Rettung auf, in Gestalt ihres Persönlichen Sekretärs Rudolf Evenhuis: "Was, Ihr hier?" ruft er staunend und ist freudig überrascht: "Ihr habt Euch wirklich auf den weiten Weg gemacht. Ihr seid wirklich gekommen? Wartet! Ihr müsst Marlene treffen." Er drängelt die Gruppe mit dem Spruch "Lasst sie rein, sie kommen aus Dresden. Es ist wichtig" an die Security vorbei.

Und dann stehen sie und warten, ein letztes Mal. Marlene Dumas hat derweil seit anderthalb Stunden Buch für Buch signiert, jeden einzelnen Besucher angeschaut, angelächelt, viele von ihnen umarmt. Christfried Weirauch ist klar, dass die Künstlerin heute kaum Zeit für die Dresdner hat. Die hatte sie sich im Mai letzten Jahres genommen, als sie sich die Annenkirche anschaute und mit ihm und allen anderen in der Findungskommission über das Altarbild sprach. Der Pfarrer will sie trotzdem kurz sprechen - ihr Grüße aus der Gemeinde ausrichten. Und dann steht er vor ihr. Sie stutzt, überlegt und fängt schallend an zu lachen: "Oh Gott! Die Annenkirche! Oh Gott! Das Altarbild", ruft sie. Und dann schaut sie ihn ruhig an und fragt: "Und haben Sie meine Bilder gesehen? Wird alles gut?"

Für einen Moment ist sie nachdenklich. Das Altargemälde wird für Marlene Dumas eine neue Herausforderung. Allein schon die Maße des Bildes: Das Bild soll 3,60 Meter breit und 7,80 Meter hoch werden. So etwas Riesiges habe auch sie noch nie gemacht: "Ich hoffe so sehr, dass ich dafür die Kraft habe", sagt die1953 in Kapstadt geborene Künstlerin. Christfried Weirauch ist sich diesmal sehr sicher. Er antwortet darauf mit fester Stimme: "Ja. Das schaffen Sie. Wer sonst!"

Im Herbst noch wollen die Dresdner ein zweites Mal nach Amsterdam fahren. Dann werden sie mit der Künstlerin länger reden. Über die Annenkirche und über ihre besondere Aufgabe. Vielleicht gibt es dann auch schon erste Skizzen dazu.

Aber das ist schon der zweite Schritt. An diesem Abend in Amsterdam wollten die Dresdner nur ein Zeichen setzen, dass sie sich darauf freuen: auf das Altargemälde von Marlene Dumas für Dresden.

Ausstellung Marlene Dumas: The Image as Burden. Bis 4. Januar. Stedelijk Museum Amsterdam

www.stedelijk.nl

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.09.2014

Adina Rieckmann

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