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Sido trat erstmals seit Jahren wieder im proppevollen Alten Schlachthof in Dresden auf

Sido trat erstmals seit Jahren wieder im proppevollen Alten Schlachthof in Dresden auf

Viele haben es ja schon geahnt: In der Hölle ist Kurt Krömer Chef. Das Berliner Gesamtkunstwerk steht dort hinter der Theke einer abgewrackten Kneipe und reicht den hier Gestrandeten übelschmeckende Getränke aus.

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Paul Würdig alias Sido traf mit alten und neuen Texten auf ein dankbares Dresdner Publikum.

Quelle: Patrick Johannsen

So ist das zumindest auf der Leinwand zu sehen, die vor Sidos Gastspiel in Dresden auf der Bühne im Alten Schlachthof gespannt war. Der Berliner Rapper, nach fünfeinhalb Jahren mal wieder an der Elbe, hatte statt Vorband einen Einspieler laufen, um seinen Auftritt vorzubereiten. Darin spielt Moritz Bleibtreu einen Gangster, der den gefesselten Paul Würdig alias Sido am Ende einer fruchtlosen Verhandlung über Geld erschießt. So kommt Sido in die Fittiche des maliziösen Beelzebubs Kurt, der die "Pissflitsche" jedoch widerstrebend entlässt, weil diese ja noch Dresden rocken müsse, wie der Gehörnte und Bebrillte unter dem Zuschauergejohle einräumt. "Also, im Rahmen deiner Möglichkeiten," wie Krömer einer seiner typischen Bosheiten hinterherschiebt.

Das tat Sido dann auch, mit "Hier bin ich wieder", dem Ersttitel seines aktuellen Albums 30-11-80. Vor dessen Erscheinen hatten die PR-Maschinen ordentlich geknattert, der Blätterwald gerauscht. Erwachsen soll der Künstler geworden sein, der sein akronymes Pseudonym mal mit "Scheiße in dein Ohr", mal mit "Superintelligentes Drogenopfer" auflöst. Womit nichts anderes gemeint ist, als dass die peinlichen Eskapaden mit Beleidigungen und Handgreiflichkeiten vorbei sein sollen, ebenso die Zeit, als Lieder und Alben auf dem Index landeten.

Erwachsensein - das ist eine Zuschreibung, mit der Sido genüsslich spielt. Er, der mit seinen 33 Jahren unter den Ältesten im Alten Schlachthof war. Das ist die starke Seite von Sido, der sich nie frei von Selbstironie zeigte. "Sido macht jetzt Kunst", ruft er mitten im Konzert und setzt sich ans Klavier, wo er auch tatsächlich die zwei, drei Tasten trifft, mit denen er zu "Hol doch die Polizei" überleitet. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum der Berliner mit Künstlern wie Helge Schneider zusammenarbeiten kann. Für das gemeinsame Lied "Arbeit" wurde der vielbegabte Klamauk-Unterhalter und Musiker auf die Leinwand zugeschaltet. Dort saß er mit wirrer Perücke und bizarrer Brille auf einem Klo, sprach seine Verse im Wechsel mit dem Rapper und schleuderte seine Arme wild gestikulierend in Richtung Publikum. Sido und seine Parodie zeitgleich auf der Bühne - das ist bei ihm möglich, weil er sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen scheint, auch wenn er seine Alben ganz unbescheiden Titel wie "Ich" (2006), "Ich und meine Maske" (2008) oder jetzt eben "30-11-80" zu geben pflegt.

In schwächeren Momenten verkommt das Konzert allerdings zur Nummernrevue, bei der sich Sido und Kompagnon Bass Sultan Hengzt mit schlecht gestrickten Dialogen von einem Lied zum anderen hangeln. Gerade die Texte zu harten Themen - Prostitution, Drogenmissbrauch, Gewalt -, für die Sido in der allgemeinen Wahrnehmung seit "Mein Block" steht, hängen dadurch seltsam in der Luft. "Augen Auf!", in dem es um verlorene Kinder geht, oder "So wie Du", ein Text über falsche Vorbilder, verpuffen. Das Publikum nimmt sie kaum anders auf als das kitschige "Papa, was machst du da?".

Eine vertane Chance, denn prekäre Verhältnisse gibt es in Dresden auch viel zu viele. Gerade mal elf Jahre behauptet einer der minderjährigen Konzertgänger in den vorderen Reihen zu sein. Der Vater habe ihn mitgebracht. Ob der stolz ist? Sido jedenfalls ist es. "Bevor der Arsch****song kommt, sag' ich dir Bescheid", verspricht er hämisch. Das hier, das ist genau seine Mischpoke. Und da passt es auch, dass bei den letzten Tönen von "Einer dieser Steine" Marcel auf der Bühne auftaucht. Der kann ohne seine Susi nicht einschlafen, wie er der ebenfalls herbeigeholten Dame gesteht, und macht ihr einen Antrag. Da hat sich im Publikum schon eine Mischung aus Fremdschämen und Gejuchze breit gemacht. Weil Susi will, dürfen beide hinter die Bühne zum Jägermeistertrinken, wie Sido sagt. Bei "Bilder im Kopf" lässt er von seinen Fans eingesandte Bilder projizieren. Ein Weg, die Distanz zu seinem jungen Publikum zu überbrücken. "Ich hoffe, da waren jetzt keine Penisse zu sehen", sagt Sido danach. Das ist der andere Weg zum Gruppengefühl, den man mit viel guten Willen als Jungshumor beschreiben kann.

Dazu gehören dumme Sprüche oder der Gebrauch von Schimpfworten, so wie er unter unsicheren Heranwachsenden auf dem Schulhof üblich ist. Dazu wird auf der Bühne getrunken und geraucht, und zwar so, als wohne man hier einer verbotenen Handlung bei. Vielleicht liegt darin der Reiz, dass Sido einer Generation, die eigentlich kaum noch Tabus kennt, vorgaukelt, Verbote zu brechen. Oder das zumindest früher mal getan zu haben. Zumindest fast. In der Zugabe spielt er ihn dann endlich auch, den oft angekündigten "Arsch****song". Den "von früher". Es ist der emotionale Höhepunkt des Konzerts.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.03.2014

Uwe Hofmann

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