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Sichten eines Pausen-Clowns - Heinrich Bölls Roman "Ansichten eines Clowns" zu Gast im Projekttheater Dresden

Sichten eines Pausen-Clowns - Heinrich Bölls Roman "Ansichten eines Clowns" zu Gast im Projekttheater Dresden

Niemand hat die postfaschistisch und katholisch geprägte Verlogenheit im Nachkriegs(West-)Deutschland besser beschrieben als Heinrich Böll. In seinem Roman "Ansichten eines Clowns" hielt er großen Teilen der Gesellschaft den Spiegel vor und machte sich damit nicht nur Freunde.

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Frank Schilchers Spiel besticht durch Körpersprache.

Quelle: Falk Wenzel

Die Verfilmung des 1963 erschienenen Romans zwölf Jahre später durch Vojtech Jasny erinnerte noch einmal an den heftigen Diskurs - aber auch daran, dass sich die Bundesrepublik inzwischen weiterentwickelt hatte.

Heute ist Böll Schulstoff, aber seine "Ansichten" sind fast vergessen. Die Dresdner Schauspielerin Marie Bretschneider jedoch hat aus dem Roman eine Bühnenfassung erarbeitet, die voriges Jahr am Neuen Theater in Halle herauskam und nun drei Abende lang im Projekttheater zu erleben ist. Spannend auf ein Zwei-Personen-Stück verdichtet, bringt auch hier der Clown die bitteren Wahrheiten auf den Punkt. Aber zunächst einmal buchstabiert er wortlos sein Repertoire. Der Schauspieler Frank Schilcher, einst Tänzer am Leipziger Ballett, braucht dazu nur einen Lichtkegel, in dem er wiedererkennbare Vorbilder aufscheinen lässt. Ganz so wie der Hans Schnier bei Heinrich Böll, der als Clown ziemlich tüchtig war, bis ihn der Verlust seiner streng gläubigen Freundin Marie zusammenbrechen lässt. Dabei hatte er den Tod der geliebten Schwester als Flak-Helferin ebenso wie das Mitläufertum seiner von den Nazis überzeugten Eltern und das Wendevermögen seiner Lehrer verkraften müssen. Seit Marie weg ist, geht es bergab mit Hans. Ein Absturz, "schneller als ein besoffener Dachdecker".

Frank Schilcher spielt das in Marie Bretschneiders Regie unglaublich dicht. Seine Mimik und Körpersprache sind bestechend, er ist wandelbar, spricht mit dem Körper wie mit den Augen und kann sich deutliche Pausen im Spiel leisten, ohne dass die Spannung verloren ginge. Sein Hans leidet und lässt mitleiden, Erinnerungsbilder an Familie, Lehrer und Geliebte werden wach, während der zum "Komiker" degradierte Clown innerlich immer stumpfer wird.

Wie in verteilten Rollen zitiert Schilcher auch andere Personen des Roman-Theaters, sein einziger Mitspieler ist allerdings mit Clemens Apel eine Figur, die das Stück in Beckettsche Nähe zu "Warten auf Godot" rücken lässt. Denn dieser mal als Assistent, mal als Widerpart agierende Clemens Apel ist ein zwölfjähriger Schüler! Er spielt den geträumten Engel so überzeugend wie den Vagabunden neben dem traurigen Clown. Ein Wagnis, das aufgeht.

i"Ansichten eines Clowns" - nur noch Freitag, 20 Uhr, Projekttheater, Louisenstr. 47

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.09.2013

Michael Ernst

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