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Sharon Jones & The Dap Kings zündelten im Beatpol am offenen Soul

Sharon Jones & The Dap Kings zündelten im Beatpol am offenen Soul

Stax und Motown sind Synonyme. Ferne Ziele vor allem für altkontinentale Soul-Fans, die partout nicht nur von ollen Rillen leben wollen, sondern kaum gestillte Lust auf live haben.

Altsterne wie Stevie Wonder leuchten zu selten ins Land und wenn, dann belasten sie das Portemonnaie zu arg, James Brown und Curtis Mayfield sind tot, Solomon Burke nicht minder, Aretha Franklin betritt seit Jahren schon kein Flugzeug mehr. Und wenn sie es täte, wäre der Rahmen für ein Konzert wohl eher unpassend. Was fangen wir also an mit unserem unbändigen Kribbeln in Bauch, Beinen, Po? Pilgern zur alljährlichen Soul-Night der lokalen Royal Souldiers in groovigen Locations. Auch die verdienstvolle Tante Ju hat ab und an Soulisten im Flugplan, ansonsten - gähnende Lücke. Das geht Country & Western-Freunden ähnlich, ist nur ungleich schwerer zu ertragen.

Nun begab es sich aber, dass es Mittwoch wurde in der Stadt. Mit ihm kamen Sharon Jones & The Dap-Kings, Brooklyn, U.S.A. Und mit ihnen das beste reine Soul-Konzert der letzten Jahre, was - wie beschrieben - allein aufgrund seines Seltenheitswertes keine Kunst wäre. Doch, ehrlich, es war Kunst, war grandios, spektakulär, musikalisch auf allerhöchstem Niveau, dicht in der Aura. Old school pur, trotzdem sehr heutig, weil nicht kopiert, sondern gelebt. So vernebelt können Augen gar nicht sein, so kritiklos die Ohren, als dass man einer Täuschung erlegen wäre.

Der Beatpol war straff gefüllt mit launigen Halbfinalsballignoranten, darunter sogar ein paar Dresdnern. Will meinen: Die Autoschilder vorm Briesnitzer Club sprachen von Reisen. Zwischen den Säulen im Saal legte ein DJ Vinyl vor und auf, knisternden Soul natürlich, akustisch wie aus der Gießkanne, aber das machte nix. Es war die Before-Work-Party. Der Rest, das Eigentliche, ist schnell skizziert: Brand-Soul ohne Löschzug, rau, herzlich, voller gut und ernst gemeinter Symbole und Attitüden, Show, Spektakel, Wurzelbehandlung, grundehrliche - eben - harte Arbeit, die nach harter Arbeit aussehen darf, nie aber so, sondern mühelos klingt.

Die "weißlastigen" Dap-Kings sind auf ihren acht Positionen exzellent und ausgeglichen besetzt, spielen mit zwei Gitarren, drei Bläsern (Trompete, Bariton- und Tenorsax), Percussions, Bass, Drums, also tastenlos. Hinzu kommen mit den Daprettes zwei "Dronen" für den Background-Gesang. Zeremonienmeister Binky Griptite zelebriert den Beginn genretypisch und standesgemäß. Soulmuggen dieses Kalibers beginnen nicht, sie wärmen sich langsam hoch, glühen sich zum scharfen Start. Nach 20 Minuten begrüßt Griptite die "one and only hardworkin' woman vocalist on earth" und Weltraum sowieso.

Was für hiesige Verhältnisse oft ein wenig putzig aussieht, ist gesetzt und gehört so gar nicht belächelt. Insbesondere bei Sharon Jones ist es angemessen und wird von ausgefeiltem Handwerk gestützt. Die knapp 60-Jährige fledert über die Bühne, misst Abstände zu ihren Kollegen aus, der Schweiß lässt ihre Ohrstöpsel immer wieder ausklinken, sie brabbelt, schreit, zittert wie Espenlaub, erzählt Storys, wickelt dabei das Spektrum von neu eingekauften Schuhen bis zur Sklavengeschichte Schwarzafrikas ab, holt bleichgesichtige Frauen aus der ersten Reihe nach oben, auf dass sie der Ekstase gefährlich nahe kommen.

Vor allem aber intoniert die Jones sehr sicher, braucht keinerlei technische Manipulation. Die Dap-Kings sind vorzüglich eingespielt, nicht abgeklärt, um sich nicht selbst noch mit einem eleganten Solo zu kitzeln. Die Bläsersätze kommen auf den Punkt angespitzt, die verhältnismäßig neue Basserin Foxy H verwünscht den Sound mit wundersam weichen Linien, was besonders in den Farben des Funk irre wirkt. Weil es das typische Slapping gar nicht braucht.

Janet Jacksons "What Have You Done For Me Lately" bekommt durch Jones und die Kings ein besonders kantiges Antlitz. Trotzdem brauchen sie nicht die Spur reanimierten Materials goldener Ären, kein gängiger Hit wird beifallsheischend platziert, das knapp zweistündige Programm kommt mit den eigenen, vorwiegend von Daptone-Gründer Gabriel Roth alias Bosco Mann komponierten Stücken und "unausgelatschten" Schuhen aus. Und hat trotzdem alles, wirklich alles.

Der Song "I Learned The Hard Way" steht durchaus mit Hintersinn für das Wirken von Sharon Jones und den Dap-Kings. Das, was sie an Vitalität und Energie jetzt und wohl schon seit Jahren in den Clubs der Welt versprühen, beschäftigt alle Sinne. Und Gemäuer. Von der Decke des Beatpols rieselte alte Farbe. Wirklich.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2012

Andreas Körner

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