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Serkowitzer Volksoper mit Pipi & Popo in der Saloppe

Serkowitzer Volksoper mit Pipi & Popo in der Saloppe

Sie wollen einfach nicht erwachsen werden, der Prinz Leonce vom Reiche Popo und die Prinzessin Lena vom Reiche Pipi. Warum auch, denn die Erwachsenen sind ja selber alles andere als erwachsen.

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Marie Hänsel spielt Prinzessin Lena und überzeugt nicht nur durch ihre schauspielerische, sondern auch durch ihre gesangliche Leistung.

Quelle: Robert Jentzsch

Lohnt es für den Prinzen etwa, so zu werden wie sein Vater, der vertrottelte König Peter, der sich einen Knopf ins Schnupftuch knüpfen muss, um sich daran zu erinnern, dass er sich an sein Volk erinnern wollte? Offensichtlich hat diese flächendeckende Vertrottelung auch schon ein ganzes Volk befallen, denn die mit Winkelementen ausgestatteten Untertanen folgen willig blödesten Anweisungen und üben sich in choreografierter Staatsraison. Sie sind zufrieden mit dem Quäntchen Bratenduft, an dem sie schnuppern dürfen, und skandieren willenlos ihr "Vivat". Lediglich ihre Unkenntnis des Küchenlateins, der Sprache ihrer Regierenden, lässt sie versehentlich daraus eine Frage nach dem "Wie" und nach dem "Was" des ganzen Zinnobers machen.

Hohlköpfe auf Beinen lässt der Dichter Georg Büchner in seinem Lustspiel "Leonce und Lena" an ihrer Langeweile in den Minikönigreichen von der Größe eines Tischspiels immer wieder schnell an die Grenzen ihres verflixten Daseins geraten. Im Kopf des Prinzen ist es so öde wie in einem leeren Tanzsaal. Die Prinzessin verlabert sich in nachtschwärmerischen Exkursen über das Welken der Blumen und Visionen von einer als Heiland gekreuzigten Welt. Alle sind auf dem kürzesten Weg ins Narrenhaus, den sie sich bei schönstem Selbstmordwetter mit gesungenen Variationen über den Suizid in Form einer Moritat schön reden und noch schöner singen.

Georg Bücher, 1813 geboren und schon im Alter von nur 23 Jahren verstorben, hat aus seinem Leiden an der Misere deutscher Kleinlichkeit und Kleinstaaterei, an der generationsübergreifenden Lähmung und Unfähigkeit zur Revolution im Jahre 1836, ein Lustspiel gemacht. Das ist kein Schenkelklopfer. Das ist ein Stück von schönster, melancholischer Poesie - manche Passagen sind von lyrischer Qualität. In dieser Komödie finden sich Wurzeln des modernen Theaters: die schneidende Groteske, die surrealen Bilder, am Ende die Flucht in ein märchenhaftes Utopia, ein Schlaraffenland ohne Winter, ohne Hunger, vor allem ohne Langeweile.

Es kommt natürlich, wie es kommen muss - der Prinz und die Prinzessin sollen heiraten. Sie fliehen voreinander, treffen als Unbekannte aufeinander, verlieben sich auf Knopfdruck, denn was ist der Mensch? Nichts als "Kunst und Mechanismen". Es finden sich immer etwas findigere Lebenspuppen, die andere nach ihrem Willen tanzen lassen, so auch das vom besoffenen Hofprediger eilig vermählte Paar Leonce und Lena. Büchner hat ihnen jeweils zwei etwas handfestere Typen an die Seite gegeben, die pragmatische Gouvernante der Prinzessin und den trinkfesten Hallodri Valerio dem Prinzen.

Aus dieser Vorlage hat die Serkowitzer Volksoper ein bezauberndes Sommertheater in der Form eines musikalischen Märchens gemacht. Das ist rundum gelungen und fügt sich wieder einmal bestens mit seinem Bekenntnis zum kunstvollen Charme der Unvollkommenheit im Sinne eines armen Theaters, das die Zuschauer um so reicher beschenkt, in das Freiluftambiente der Dresdner Saloppe.

Wolf Dieter Gööck, der auch den König Peter spielt, hat das Konzept erfunden, den Text bearbeitet, die Liedtexte verfasst und führt zudem Regie. Milko Kersten hat sich von der sprachlichen Vorgabe Büchners anleiten lassen und die Musik komponiert, zum Beispiel den Gassenhauer, wenn die Italien-Fantasien dran sind, die feine lyrische Arie mit Augenzwinkern, wenn die Prinzessin sich aus dem Leben träumt, oder die schon erwähnte Moritat vom Selbstmord. Bei den mehrstimmig gesetzten Szenen des Ensembles weht sogar ein schöner Hauch von milder Opernseligkeit von der Bühne. Kersten leitet die Aufführung vom Klavier aus. Sein Musikerkollege Daniel Rothe spielt mehrere Instrumente und gibt zudem ein tolles Solo am Saxophon.

Vornehmlich Schwarz und Weiß bestimmen die stimmige Ausstattung von Coco Ruch. Die unerwachsenen Männer hat sie in herrliche Pumphosen gesteckt - da ist genug Platz für Windeln, "Pipi&Popo". Die Weiblichkeit trippelt, voran kommt ja eh keiner in diesem absurden Kreislauf der Unzulänglichkeit des menschlichen Lebens.

Frisch und frei ist das Spiel der Protagonisten, die zudem mit ihrem Gesang überzeugen und wenn es sein soll, auch bezaubern. Das gilt für Cornelius Uhle als Prinzen wie für Marie Hänsel als Prinzessin, Martin Rieck als Valerio oder Claudius Erler als Gouvernante und Julia Böhme als Tänzerin Rosetta. Dieter Beckert ist der Hofmeister im Reiche Popo. Er fungiert zwischen den Akten als Spielmeister, korrespondiert mit dem Publikum und spinnt mit dezenten Kommentaren einen Faden, der offensichtlich in der Zeitspanne seit der Entstehung dieses feinen Lustspiels bis auf den heutigen Tag nicht abgerissen ist.

"Pipi&Popo", ein musikalisches Märchen für Menschen ab acht Jahre, in der Saloppe, heute um 15 Uhr, Sonntag und Montag um 16 Uhr. Gespielt wird bei jedem Wetter, es gibt überdachte Plätze.

www.serkowitzer-volksoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.07.2014

Boris Gruhl

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