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Sergej Lochthofen las im Kulturhaus Loschwitz aus seiner Lebensgeschichte

Sergej Lochthofen las im Kulturhaus Loschwitz aus seiner Lebensgeschichte

Die Abhängigkeit vom "großen Bruder" war bestimmend. "Bis zuletzt", sagt der in Erfurt lebende Journalist Sergej Lochthofen. "Wer die DDR verstehen will, muss die Sowjetunion mitdenken", lautet einer der Leitsätze, die der 61-Jährige seinen Zuhörern mitgibt, die dicht gedrängt im Kulturhaus Loschwitz sitzen.

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Sergej Lochthofen las aus seiner Lebensgeschichte "Grau"

Quelle: PR

Es ist eine muntere Lesung, bei der Bemerkungen zwischen Publikum und Autor hin- und herfliegen und viel gelacht wird. Das liegt an der lockeren Art Lochthofens, der zwischendurch Singles mit Hits aus den Sechzigern auf einem alten Röhrenradio-Plattenspieler kreisen lässt, den er zu seinen Auftritten mitschleppt. Ein Alleinunterhalter, der Glieder und Denken entspannt. Der beim Vorlesen immer wieder Anmerkungen einschiebt, ganze Passagen seines Buches lebhaft plaudernd darbietet, als säße er mit guten Freunden in fröhlicher Runde.

"Grau" heißt dieses Buch und knüpft an "Schwarzes Eis" (2012) an, die Erinnerungen an seinen Vater Lorenz Lochthofen, den deutschen Kommunisten, der vor den Nazis in die Sowjetunion floh und dann 22 Jahre im Gulag saß. Jetzt ist Sergej Lochthofen selber Mittelpunkt, alles wie gehabt authentisch, biografisch, wenngleich keine Autobiografie, wie der Autor betont. Er versteht sich als Teil einer Familie und seinen Lebensweg in geschichtlichen Zusammenhängen. Das ist auch die größte Stärke dieses Buches.

In den Erzählungen seines Großvaters, der auf der Krim lebt, bekommt er eine Antwort auf die bohrende Frage: Wo hat das angefangen, schiefzugehen mit der Realisierung der kommunistischen Idee? 1928 ist der auf Stalins Geheiß verhaftet worden und hat 32 Jahre in Gefängnissen und Lagern zugebracht.

Seinen Sohn hat er im Gulag in Workuta wiedergetroffen. Dort ist Sergej Lochthofen 1953 zur Welt gekommen. Als er 1958 mit den Eltern in die DDR geht, spricht er nur Russisch. Deutsch erlernt er als erste Fremdsprache. Besucht die russische Garnisonsschule, haut zum Kunststudium ab auf die Krim, kehrt zurück, als er zur Armee soll, studiert bis 1977 Journalistik in Leipzig, wird zum Erfurter SED-Bezirksparteiorgan "Das Volk" geschickt.

Den Pass der Sowjetunion in der Tasche, ist er mittendrin, ohne ganz dazuzugehören. Eine ungewöhnliche Biografie. Interessant macht das Buch auch dieser distanzierte Blick, der DDR-Alltag mit den Erfahrungen des russischen Kommunismus im Hinterkopf wahrnimmt - "Härter und brutaler" nennt er ihn.

Die grausame Dunkelheit des Vorgängerbandes hat sich aufgehellt. "Die DDR erschien dagegen wie eine Puppenstube. Alles klein gehäkelt, sauber und ordentlich." Aber der Stalinismus wirft seine Schatten bis in die Siebziger, Achtziger Jahre hinein. Er lässt diesen jungen Mann an Grenzen stoßen, wenn er auskostet, was an Freiheit möglich ist. Viel von diesem Lebensgefühl bekommt man mit. Weil Lochthofen sehr genaue Erinnerungen hat und ausgezeichnet erzählen kann. Wenngleich man als Leser auch nicht jede dieser Tramptouren mit all ihren Details nachvollziehen möchte. Das sind die Stellen, wo es in dem Buch ein bisschen dünn wird.

Sergej Lochthofen zeigt sich als einer, der in den Grundfragen politisch loyal war, doch zugleich unzufrieden und kritisch. Der etwas von innen heraus verändern wollte. Was er angesichts ständiger Gängelei in der Zeitungsredaktion als blauäugig begreift. Aber er zeigt uns, dass es viele Nuancen gab zwischen Anpassung und Widerstand. Ein wichtiger Beitrag im Jahr 25 nach der Friedlichen Revolution.

Die spannendsten Passagen sind denn auch die über den Umbruch 1989/90 in der SED-Zeitung. All dieses ängstliche Festhalten am Altbewährten. Wir sehen, wie sich eine Diktatur aus einem sehr menschlichen Sicherheitsbedürfnis speist. Dass Freiheit einen mutigen Sprung ins Offene, Unabsehbare, ins Risiko bedeutet.

Was auch einen ökonomischen Aspekt hat. Eine herrliche Schlusspointe ist denn auch der Auftritt Lochthofens am 18. Januar 1990 auf dem Erfurter Domplatz. Wo er Demonstranten offen sagt, dass die Unabhängigkeit der "Thüringer Allgemeinen" von der SED mit 15 Pfennig pro Zeitung nicht zu machen sei. Und da schallt's ihm doch aus hundert Kehlen entgegen: "Macht! Sie! Teurer!". Welch unglaublicher, unwiederholbarer Moment der Geschichte.

Sergej Lochthofen: Grau. Rowohlt. 487 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2014

Thomas Gärtner

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