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Sensation und Stadtereignis: Arcade Fire kommen nach Dresden in die Junge Garde

Sensation und Stadtereignis: Arcade Fire kommen nach Dresden in die Junge Garde

Natürlich war da kein Reinkommen. Als Arcade Fire im letzten Jahr unter dem Pseudonym The Reflektors weltweite Konzerte in ausgewählten Winzlingsclubs ankündigten, um ihre aktuelle Doppel-CD vorzustellen und die Fanschaft um angemessene Abend(ver-)kleidung zu bitten, brach der Server schon nach Momenten zusammen.

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Arcade Fire, die von New York bis Neugersdorf gefeierten Kanadier, kommen morgen nach Dresden.

Quelle: Junior Downs

Und die Tickets, beispielsweise für Berlin, wurden auch noch zugelost. Dann eben nicht!

Dann eben jetzt! Die gern als Wunderkinder des zeitgenössischen Pop titulierten, von Kritikern und Kollegen außergewöhnlich heftig hofierten und - zu Recht - von New York bis Neugersdorf gefeierten Kanadier kommen ausgerechnet nach Dresden, noch dazu in einen der idealsten Spielorte für ihre so einnehmende Überwältigungsmusik. In der "Jungen Garde" dürfen diese Lieder ideal klingen und aussehen, dort sind sich Band und Publikum richtig nah. Das Konzert ist eine Sensation, machen wir uns nichts vor! Die Veranstalter stehen Schlange, um sich Arcade Fire zu schnappen und für einen mehrwertvollen Abend nicht mehr loszulassen. Dass Dresden als einer von nur zwei Sommereinzelterminen steht, ist alles andere als selbstverständlich. Alltag ist es gleich gar nicht. Als 2013 die isländischen Sigur Rós dieser Stadt ein akustisch und optisch vollwertiges Set zwischen Festivals schenkten, war es das übrigens auch nicht.

Arcade Fire hatten nie einen Masterplan, der nach Größe gierte. Doch im Vergleich zu Bands auf Augenhöhe wie The National griff ihr Material von Anbeginn gen Himmel. Schon als in Europa 2005 mit "Funeral" ihre erste CD nachgereicht wurde und die zu neunt oder mindestens zu sechst spielende Truppe um das vehement begabte Ehepaar Win Butler und Régine Chassange hier erste kleinere Bühnen bestieg, war die gewaltige Strahlkraft zu ahnen. "Die werden mal groß!", nickte man sich zu, ohne genau zu wissen, was Größe in diesem Fall bedeuten sollte und ob das alles wirklich schön werden würde.

Umso beruhigender ist es, dass Arcade Fire halten, was sie nie versprachen, dass sie keinen Schaden genommen haben, als es größer und größer wurde, Clubs und Hallen zu Arenen wuchsen. Auch ihr letztjähriger Deal mit dem Giganten Universal nach Jahren der Independent-Bescheidenheit wurde ihnen verziehen. Christoph Ellinghaus, Chef des Berliner Labels City Slang, das sie in unsere Breiten brachte, sagte schon 2010 im DNN-Interview: "Es weiß wohl keiner, dass wir an Arcade Fire kaum etwas verdienen. Früher haben einen solche Künstler ein halbes Jahr finanziert. Heute wissen die Bands, besser ihre Manager, sehr genau, wo sie stehen. Wir machen es trotzdem, weil beispielsweise für Arcade Fire auch bei uns jedes Herz schlägt. Und wer lehnt eine solche Band ab, nur weil der Deal schlecht ist?" Wenn am Dienstag 5000 Menschen in die "Garde" kommen, ist das jetzt so etwas wie ihre Stammgröße.

Mit Stickern aus Begeisterung am Revers konnte man in Sachen Arcade Fire schnell punkten. Der gemeine Mensch genauso wie David Bowie oder Barack Obama, während das Künstlerkollektiv immer wieder Nuancen verschob, feiner wurde (für "Neon Bible", 2007), dann entschlossen die Discokugel anwarf (für "Reflektor", 2013), insgesamt nie übertourt hat, auch nicht im übertragenen Sinne.

Was durch die urgewaltige Intensität dieser Musik immer ein wenig in den Hintergrund rückt: Arcade Fire sind auch eine Themenband, zum Beispiel mit seelenvollen Studien übers Aufwachsen in Vorstädten (für "The Suburbs", 2010). Dass sie ihre Vorbilder studiert haben und, je nach Generation, auf eigene Weise mit ihnen verankert werden, zeigt eine göttliche Szene im sowieso göttlichen Film "Cheyenne" von Paolo Sorrentino: Ein Zwölfjähriger bittet den von Sean Penn gespielten schrägen Ex-Musiker, "This Must Be The Place" von Arcade Fire zu spielen. Cheyenne klärt auf: "Das ist von den Talking Heads." Der Junge beharrt auf seiner Wahrheit, Cheyenne auf der, die wirklich stimmt. Denn Arcade Fire haben diesen Song der heldisch verehrten Heads nur gecovert.

Arcade Fire sind ein Pulk freudvoller Menschen an Tasten, Gitarren, Bass, drei Geigen, Xylophon, Klavier, Drehleier, Mandoline, Akkordeon, einem Megaphon, zwei Drum-Sets, mit acht Singstimmen und einer Show, die atemlos machen kann. Ihr leidenschaftlicher Lamellen-Pop aus herzblutender Folkintention, klassischem Ernst und wildwüchsigem Rock'n'Roll entsteht natürlich aus der Summe ihrer einzelnen Teile. Auch hierbei wird es zum Dresdner Konzert zwei aktuell flankierende Aspekte geben: Owen Pallett - dereinst Arcade Fires Geiger, zwischendrin als Final Fantasy solistisch unterwegs und seitdem als "Vorband" mit den Freunden verbunden - veröffentlicht eine packende neue CD, genauso wie das ständige Mitglied Richard Reed Parry sein komplexes Solo-Debüt vorlegt. Während Pallett auf "In Conflict" (mit Brian Eno) eher dem experimentellen Pop verhaftet bleibt, seiner zarthellen Stimme deutlicher Gewicht verleiht und sein Studioprojekt jetzt im Bandkontext sieht, erfüllte sich Multiinstrumentalist Parry einen Wunsch, den er lange Jahre reifen ließ: im weitesten Sinne kühn-klassische Stücke zu schreiben, die sich mit Impulsen von Körperorganen der Interpreten verknüpfen, wobei besonders Herz und Lunge den wechselnden Takt vorgeben. "Music For Heart And Breath" rafft fragil-spannende Kompositionen für Quar- und Sextett sowie Orchester. Beim Einspiel und dabei mit Stethoskopen verbunden waren u.a. Kronos sowie die Brüder Bryce und Aaron Dessner von The National. Und um den Bogen zu Arcade Fire zurückzufinden: Richard Reed Parry sagt: "Ich habe mich nie primär als Musiker in einer Rockband gesehen. Das war immer nur ein Teil des Bildes." Von außen wie innen besehen: Lasst lodern, Arcade Fire! Euer Feuer wird Stadtereignis.

Arcade Fire live (mit Owen Pallett), Dienstag, 19.30 Uhr, Junge Garde. Restkarten an der Abendkasse.

Besucher des Konzerts mit Vorverkaufskarten erhalten am Dienstag freien Eintritt ins Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Und: Bis Ende Juni können je zwei Personen mit einer Arcade-Fire-Karte für zehn Euro die Dauer- und Sonderausstellungen ansehen.

Aktuelle CDs: Owen Pallett, "In Conflict (Domino), Richard Reed Parry, "Music For Heart And Breath" (Deutsche Grammophon)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.06.2014

Andreas Körner

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