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Semperoper Dresden bringt selten gespielte Henze-Oper auf die Bühne

Semperoper Dresden bringt selten gespielte Henze-Oper auf die Bühne

Manuel Milde kommt schwer verletzt aus der Maske. Ein Bauchschuss lässt die Gedärme herausquellen, auch die Wunde am Hals sieht böse aus. „Das tut schon beim Hinsehen weh“, sagt der 27-Jährige.

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Der Komparse Manuel Milde in der Rolle eines sterbenden Soldaten liegt bei der Probe dem Anschein nach schwer verletzt in der Oper «Wir erreichen den Fluss» von Hans Werner Henze in der Semperoper in Dresden.

Quelle: dpa

In Hans Werner Henzes Kriegsdrama „Wir erreichen den Fluss“ spielt der Komparse einen sterbenden Soldaten. Er liegt auf einer Rampe mitten im Publikum.

Ein solches Bühnenbild hat es in der Semperoper noch nie gegeben. Die Bauten reichen bis in die ersten Reihen. Die Zuschauer sind von Militärs mit Maschinengewehren umstellt. Etwa 70 Sänger in 100 Rollen und Musiker auf mehreren Ebenen okkupieren den Saal. Am 13. September ist Premiere.

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"Wir erreichen den Fluss" - Probenbilder aus der Semperoper in Dresden.

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Jetzt zur Klavierprobe stehen alle Akteure zum ersten Mal zusammen auf der Bühne. Die Anweisungen des Technischen Direktors Jan Seeger machen die logistische Herausforderung klar. Die Sänger sollen nicht zu nah an die Kanten treten, nichts fallen lassen und auch mit den alten, umgebauten Waffen vorsichtig sein. „Vermeiden Sie im Spiel Berührungen mit dem Blattgold“, sagt Seeger. Schließlich reichen die Podien nah an die reich dekorierten Balkone und Logen heran. Der quer durch den Saal gelegte Steg darf nicht im Gleichschritt betreten werden - das gibt die Statik nicht her.

Regisseurin Elisabeth Stöppler schwört das Ensemble ein. „Nicht so viel Krach auf der Bühne. Das bringt nichts und nimmt der Atmosphäre das Beklemmende.“ Genau so will sie das 1976 in London uraufgeführte Stück erzählen. In Dresden wird den Zuschauern einiges abverlangt. „Die Nähe ist in der Partitur festgeschrieben.“ In einem Vorwort habe Henze notiert, dass die Handlung so nah wie möglich in den Zuschauerraum zu tragen ist. Stöppler erinnert daran, dass Henze das Werk unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges und des Putsches gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende schrieb. Er habe damit die Realität in seine Kunst integrieren wollen.

Trotzdem soll ein letzter Rest Distanz bleiben. „Die Darsteller sind angewiesen, das Publikum nicht zu berühren“, sagt die Regisseurin. Ein Ausweichen ist freilich kaum möglich. Stöppler spricht von einer 360-Grad-Inszenierung. „Natürlich ist der erste Teil eine Zumutung. Aber das ist auch der Versuch, ein Theater zu machen, was angreift und nahegeht.“ Das hätten Henze und Librettist Edward Bond damals beabsichtigt. „Die haben auch nachts nicht mehr schlafen könne.“ Letztlich gehe es darum, dass das Publikum gegen Leid und Elend wo auch immer auf der Welt eine Position bezieht.

Das Stück kam unter dem Titel „We come to the River“ erstmals im Londoner Covent Garden auf die Bühne. Vielleicht ist es das politischstes Werk des heute 86-jährigen Henzes. Die Semperoper spricht von einer „Stellungnahme gegen Krieg, Fremdherrschaft und Unterdrückung“. Solange kein Tag ohne Krieg vergeht, bleibt das Stück aktuell. Dennoch wurde es nur wenige Male inszeniert, in Deutschland zuletzt 2001 in Hamburg.

Stöppler sieht vor allem den hohen technischen Aufwand als Grund. In Dresden wird die Bühne von Rebecca Ringst zum Schlachtfeld. Viele Akteure sterben im Kugelhagel, andere werden gezielt hingerichtet - nichts für zarte Gemüter oder Freunde der Märchenoper.

Das weckt Erinnerungen an ein düsteres Kapitel Operngeschichte in Dresden. Ende 1999 war Peter Konwitschny mit einer naturalistischen Inszenierung der Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán in Dresden gescheitert. Konwitschny verlegte die Handlung auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges und damit in die Entstehungszeit der Operette - zu viel für ein Publikum, das mit Sekt ins Jahr 2000 hereinfeiern wollte. Die Semperoper zensierte die Inszenierung nach heftigen Protesten. Konwitschny zeigt Dresden seitdem die kalte Schulter.

Stöppler hat keine Angst vor solchen Reaktionen und ist eher aufgeregt, ob sich eine Dynamik zwischen Akteuren und Publikum herstellt. Bei den Proben klingen einige ihrer Regieanweisungen komisch: „Alle, die umgebracht werden, noch einmal auf die Bühne“, heißt es da oder: „Alle Wahnsinnigen auf Position.“ Den Flüchtenden empfiehlt sie, sich möglichst nah an den Wänden des Parketts erschießen zu lassen. Und von den Soldaten fordert sie mehr militärisches Gehabe: „Ihr seht einfach zu nett aus, ihr braucht mehr Schneid.“

Jörg Schurig, dpa

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