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Seltenes Hobby: Ehemaliger Lehrer hat sich in Oßling in der Oberlausitz der Ikonenmalerei verschrieben

Seltenes Hobby: Ehemaliger Lehrer hat sich in Oßling in der Oberlausitz der Ikonenmalerei verschrieben

Durch ein schmales Kellerfenster fällt Winterlicht. Unter dem Fenster sitzt Manfred Richter an einem Tisch, gebeugt über ein Holzbrett. Noch schaut darauf an vielen Stellen die weiße Grundierung mit dunklen Umrisslinien heraus.

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Ikonenmaler Manfred Richter in seiner Werkstatt. Eingerichtet hat er sie im ehemaligen Waschhaus im Kellergeschoss eines Wohnblocks am Rande von Oßling in der Oberlausitz.

Quelle: Steffen Giersch

Von tOMAS gÄRTNER

Doch die farbigen Flächen, die er mit fei- nem Pinsel darüber gemalt hat, lassen bereits eine Figur auf einem Pferd erkennen: Martin von Tours, jener Heilige, der im 4. Jahrhundert vor dem Stadttor von Amiens einem Bettler die Hälfte seines Mantels gespendet ha- ben soll.

Früher war dies das Waschhaus. Ein Raum im Kellergeschoss des Wohnblocks am Rande von Oßling, einem Dorf in der Oberlausitz. Manfred Richter, 75 Jahre alt, hat ihn zur Malwerkstatt umgebaut. Sein kleines Reich der Farben. Überall Bilder - an den Wänden, im Regal, auf dem Fußboden. Landschaften, Porträts. Vor allem aber Ikonen. Darstellungen biblischer Figuren und Heiliger, wie sie seit dem 4. Jahrhundert in orthodoxen Kirchen zu finden sind.

Beim Malen hält sich Richter an die überlieferten Vorlagen. Wie seit Jahrhunderten üblich. "Man könnte sagen, sie werden kopiert", erläutert er. "Aber winzige Abweichungen machen jede Kopie wiederum zu einem Original." Gelegentlich weicht er bewusst ab. Er hebt eine Ikone auf die Staffelei. Christus als Weltenherrscher auf einem Thron, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten. Sein Gesicht jedoch hat einen düsteren Zug. "Angesichts des heutigen Zustandes unserer Welt würde selbst Christus sorgenvoll blicken", meint der Maler. Auf einer Darstellung von Adam und Eva hat er in den Apfelbaum zwischen den beiden stilisierte Atome eingefügt. "Gewissermaßen der Sündenfall des zwanzigsten Jahrhunderts."

In seinen Ikonen will Manfred Richter auf die Probleme der Gegenwart hinweisen, aber auch über die dargestellten Figuren und biblischen Szenen den Menschen heute etwas vom Glauben mitteilen, "um ihr Zusammenleben zu verbessern".

Manfred Richter stammt aus Bernburg in Sachsen-Anhalt, ist mit der evangelischen Kirche aufgewachsen. In den sechziger Jahren wurde der gelernte Gartenbauingenieur Lehrer für Musik und Kunsterziehung. Bis zu seinem Ruhestand 1996 unterrichtete er an Schulen in Rochlitz und Wechselburg. Im Jahr darauf hatte er seine erste intensive Begegnung mit Ikonen, während eines Urlaubs im griechischen Teil Zyperns, in einem Kloster. Diese Art der Darstellung faszinierte ihn. Das, meinte er, könne er auch. "Etwas großspurig", räumt er ein.

Ein Dreivierteljahr studierte er erst mal nur Bücher über Maltechniken und Inhalte. "Auch meine alte Bibel habe ich wieder hervorgekramt." Um die dargestellten Figuren genauer zu verstehen. In Düsseldorf bei der russisch-orthodoxen Kirche besuchte er mehrwöchige Ikonenmalkurse. Schon während der ersten Ausstellung seiner Ikonen in der alten Schlosskapelle in Rochlitz fiel ihm auf, wie wenig die Besucher darüber wussten, wie groß jedoch ihr Interesse war. Etwa 40 Mal hat er seine Ikonen und die anderen Bilder öffentlich gezeigt, in Museen und Galerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt, in Thüringen und in Brandenburg.

2006, als er nach Oßling zog, lernte er Maik Förster und dessen Bibelgarten in Oberlichtenau bei Pulsnitz kennen. Decke und Wände der kleinen byzantinischen Kapelle dort malte er mit Figuren von Christus und den vier Evangelisten aus. Im Herbst lagerte Maik Förster die Bibliothek in die neue Bibelgartenscheune um, um das Kellergeschoss des ehemaligen Schlossgärtnerhauses freizuräumen. Darin hat er ein Museum mit fast 40 von Manfred Richters Ikonen eingerichtet. Auch die Nachbildung einer der ältesten griechischen Ikonostasen kann man sich dort ansehen.

"Das ist gut angekommen bei unseren Besuchern", berichtet Maik Förster. Unter jeder Ikone hängt ein Text, der über die dargestellten Figuren informiert. "Die Leute haben zahlreiche Fragen", sagt Manfred Richter. "Man muss sehr viel erklären." Jahrzehnte des Atheismus hätten Lücken hinterlassen. In den letzten Jahren seien die eher größer geworden.

Unter den Christen wiederum, die den Bibelgarten besuchen, entspinnen sich angesichts der Ikonen Diskus- sionen, wie Maik Förster berichtet. "Katholiken haben damit überhaupt keine Probleme." Doch Mitglieder evangelischer Freikirchen fragen sich mitunter, ob diese Heiligen- und Bil- derverehrung nicht zu weit gehe. "So liefern wir auch einen Beitrag zur Ökumene, dem Gespräch zwischen den christlichen Konfessionen. Vielleicht lernen unsere Besucher die orthodoxen Kirchen des Ostens dadurch besser zu verstehen."

Tomas Gärtner

Bibelgarten Oberlichtenau bei Pulsnitz mit Ikonenmuseum, geöffnet Mo.-Fr. 9-12 Uhr und 14-17 Uhr; Tel. 035955/4 58 88;

www.bibelgarten.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.12.2012

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