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Selfies mit dem Strick - Premiere "Frühlings Erwachen" der Jugendtheaterwerkstatt im Societaetstheater

Selfies mit dem Strick - Premiere "Frühlings Erwachen" der Jugendtheaterwerkstatt im Societaetstheater

Der unbewanderte Zuschauer sah am Montag eine Premiere der Jugendtheaterwerkstatt im Societaetstheater, bei der sich 13 Jugendliche mit typischen Adoleszenz-Problemen herumschlagen.

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Moritz (Nils Mühlpfordt) kann die schulischen Anforderungen nicht bewältigen.

Quelle: Detlef Ulbrich

Erste Liebe, Prüfungsangst, Schulstress, Ärger mit den Eltern - das Übliche. Dass das gesellschaftskritische Drama "Frühlings Erwachen", an dem sich Regisseurin Nicole Aubrich und die Schüler zwischen 15 und 18 Jahren orientierten, bereits 1891 von Frank Wedekind geschrieben wurde, tat der Aktualität keinen Abbruch. Selbstverständlich hatten die Jungschauspieler die Szenen etwas aufgefrischt, in der nur einstündigen Aufführung auch etliches reduziert. So präsentierten sie zu Beginn alle gut gemeinten Wünsche in Schuh- und Geschenkkartons. "Ich wünsche dir..." so vieles, von guten Noten bis zum bestandenen Führerschein. Es folgen Einzelszenen, die zeigen, wie weit das Drama gehen kann, wenn Jugendliche mit ihren Fragen zur Natur der Welt allein bleiben.

Die junge Wendla manipuliert zum einen geschickt und hintergründig, mit Selbstmordfantasien spielend, ihre Mutter. In anderer Hinsicht ist sie völlig naiv. Der Mutter, beladen mit Schuhkartons voller guter Wünsche für ihre Tochter, gelingt die sexuelle Aufklärung nicht. Es kommt, wie es kommen muss: Wendla wird schwanger. Aus Unwissenheit. Im Original stirbt sie bei der Abtreibung. In der Adaption bleibt die Entscheidung für oder gegen das Kind offen. Eine ledige, jugendliche Mutter ist heute keine echte Seltenheit mehr. Das ungewollte Schwangerschaften durch Unwissen um den Fortpflanzungsvorgang entstehen, sollte hingegen der Vergangenheit angehören. Der Vater ist Melchior (Leonard Wilhelm), intelligent und aufgeklärt, unbefangen. "Lass uns gemütlich über Fortpflanzung plaudern", fordert er seinen Freund Moritz auf, der sich jedoch in Schamesröte flüchtet.

Nils Mühlpfordt illustriert in der Rolle als Moritz überzeugend die Verworrenheit der gesamten Schülergruppe, verzweifelt an den Aufgaben, die das Leben ihm stellt. "Wozu gehen wir in die Schule?" fragt er. Um geprüft zu werden und durchzufallen, heißt es. Im Stakkato prasseln Schulaufgaben auf ihn ein, er kritzelt die Lösungen mit Kugelschreiber auf die Haut, bis ihn das viel zu frühe Pausenklingeln aufstöhnend und verzweifelt zurücklässt. Er wird sitzenbleiben. Auch das Angebot der frivolen Ilse, eine Aufforderung zum Leben, kann ihn nicht aus seinem Unglück rütteln. Sollte der Tod ein Ausweg sein? Galgenschlinge und Pistole liegen bereit, vorher wird noch ein Selfie mit dem Smartphone gemacht. Zitternd schießt Melchior sich schließlich in den Kopf, 1999-2014 steht auf dem Bühnenboden. Zurück bleiben ein geschockter Melchior, die schwangere Wendla und eine fassungslose Clique, die sich nach einer Schreckminute bereits wieder mit kommenden Arbeiten befasst. Schnelllebigkeit oder gefühlloses Desinteresse? Den Bogen schließen wiederum die Wünsche, diesmal aber in der Form: "Ich wünsche mir...".

Die Tragödie endet weniger tragisch als bei Wedekind. Die Hoffnung, das Melchior und diesmal auch Wendla die Wehen des Erwachsenwerdens überstehen, bleibt. Als Kritik an zweideutiger Moral und verklemmter Gesellschaft ist "Frühlings Erwachen" durchaus aktuell, wenn auch die Dimension inzwischen eine andere und weniger lebensgefährliche sein mag.

25. Juni, 8., 9. und 10. Juli jeweils 20 Uhr, Societaetstheater; Tickets: 6,50 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.06.2014

Franziska Schmieder

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