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Selbstironische Politiker in der Herkuleskeule

Selbstironische Politiker in der Herkuleskeule

Nein, so weit heruntergekommen wie Schlecker ist die FDP bei aller politischen Insolvenz noch nicht. Aber am Sonntagabend im Kabarett Herkuleskeule wurde präventiv darüber spekuliert, welche bisherigen Konkurrenten sich für die Konkursmasse der Liberalen interessieren könnten.

"Wir haben mit der WASG schon einmal eine Partei übernommen-", sinnierte die Linken-Landtagsabgeordnete Annekatrin Klepsch.

Justizminister Jürgen Martens von eben diesen verspotteten Freidemokraten wollte zwar nicht zum "politischen Organspender" werden, bedankt sich aber für die Avancen, die zeigten, dass die FDP doch etwas zu bieten habe. Woraufhin auch Frau Klepsch sie als "Kontrastmittel" wiederum für unentbehrlich hielt.

Mit solch geistreichem Ping-Pong vergingen zweieinhalb Stunden Krankenbesuch bei der "Demokratie auf der Intensivstation" beinahe unbemerkt. Nach der Premiere am 1. April des Vorjahres die zweite Realisierung einer gemeinsamen Idee der Agentur Müller & Bünker, hinter der sich die frühere Vize-Regierungssprecherin Heidrun Müller verbirgt, mit der Landeszentrale für politische Bildung. Deren Direktor Frank Richter moderierte, also mäßigte oder schlichtete erneut weniger, als dass er mit Esprit zuspitzte. Blieb im Vorjahr das Duell zwischen drei Kabarettisten und drei Politikern noch ein wenig statisch, so geriet der zweite Anlauf zu einem Fest der freien Rede oberhalb des Büttenreden-Niveaus. Es geht also noch, wenn man nur einen gestrichenen Teelöffel Selbstironie mitbringt und zumindest die Absicht erkennen lässt, sich auf den politischen Gegner wirklich einzulassen, ihn also als Mensch erst einmal zu respektieren.

Neben den beiden Erstgenannten hatten daran auch der gelernte Polizist Christian Hartmann von der CDU und der Pirat Florian Bokor ihren Anteil, auf den das Publikum offensichtlich besonders neugierig war. Dass die beiden "Gutachter" Prof. Werner Patzelt und der vom RBB-Radio bekannte Psychologe Heiko Sill eine Kabarettnummer für sich improvisieren würden, durfte man schon beinahe erwarten. Ansonsten bot das Kabarett mit den Räumen der Keule am Sternplatz eigentlich nur den Rahmen und mit Ellen Schaller den fulminanten Einstieg: ein extra zum Anlass geschriebenes Solo, die Rettung der Demokratie mit Hilfe eines schillernden Runden Tisches, an dem sich von Heidi Klum über Josef Ackermann bis zu Rainer Brüderle so ziemlich alles fand.

Die vier Politiker zollten dem Rahmen und dem Datum Tribut und warfen nicht minder gekonnt die Knallfrösche unters Publikum. Nach Intensivstation sah das folglich nicht aus, und nicht einmal Pirat Florian Bokor vermutete die Demokratie gar auf der Palliativstation.

Eher eine ganz vergnügliche Reha-Runde rekonvaleszenter Patienten, die ein wenig übers eigene Wehwechen und vor allem über die Gebrechen der anderen witzelten. Das Eingangsduell über die demokratietötenden Finanzmärkte beispielsweise hätte mehr Biss verdient gehabt. Die Parteiendebatte klang ein wenig nach Enzensbergers vor 20 Jahren erschienenem Essay "Erbarmen mit den Politikern". Insbesondere die lächelnden Eingeständnisse des Piraten-"Politikers aus Notwehr" erinnerten an die in der DDR parodierte Mailosung "Wir wissen zwar nicht, was wir wollen, aber das mit ganzer Kraft".

Aber warum darf es eigentlich nicht menscheln in der Demokratie? Nach den "Murmelgruppen" im Publikum stand eine ältere Dame auf und unterstellte weniger Politikverdrossenheit, wenn es unter Politikern immer so gelassen und heiter zuginge. Zumindest auf der Insel dieses stimmigen Veranstaltungsformats klappt's ja. Und die Demokratie-Diagnose? "Jaja, sie lebt noch-" lautete Direktor Richters letzter Satz.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.04.2012

Michael Bartsch

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