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Selbst 30 Jahre können den Discosound von Erasure nicht verändern

Selbst 30 Jahre können den Discosound von Erasure nicht verändern

Was anderen peinlich sein mag, Erasure setzen sich damit in Szene. Das war schon vor knapp 30 Jahren so, und mit der Veröffentlichung ihres aktuellen Albums "The Violet Flame" hat sich daran nichts geändert.

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Im Gegenlicht der Hände: ein glitzernder Andy Bell.

Quelle: Dietrich Flechtner

Am Freitag stieg Andy Bell glitzernd auf die Bühne, tanzte sich unter einem großen Zylinder gut in Rage, und bereits nach wenigen Titeln folgte er bereitwillig den zögerlichen Aufforderungen, endlich die Hüllen fallen zu lassen. Was danach übrigblieb, war ein Herr mittleren Alters in engen goldenen Hotpants und Muscleshirt, der sich bereitwillig lasziv und in szenetypischer Choreographie zur eigenen Musik über die Bühne bewegte. Ein Habitus, der sicherlich nicht jedem spontan die Freudentränen über die Wangen treibt, doch wenn Erasure sich zum Frontalunterricht entschließen, sind solche Stilblüten mehr die Regel als die Ausnahme.

"Heute ist mein 'Fick mich-Tag'", verkündete der Frontmann selbstbewusst und gutgelaunt als eigenes Statement zu den vielen Gedenktagen, die jeder mittlerweile kreieren darf. Den passenden Titel dazu haben die beiden bereits seit Beginn ihrer Karriere im Repertoire: "Oh L'amour", und obwohl diese französische Anmutung etwas aus dem Rahmen fällt, sind ihre Songs immer, um es positiv zu formulieren, geprägt von einem hohen Wiedererkennungswert. Auch wenn die Stimmungswerte schwanken, die Takte sich etwas verdichten oder zwei, drei Melodien eingewoben werden - Erasure stehen für einen klassischen Synthiepop, und damit sind die Spielarten vorbestimmt und übersichtlich. Das war so bei der Gründung, das blieb auch nach der Reunion ab Mitte der Neunziger unverändert, und selbst mit der Veröffentlichung ihres Albums 2014 wurde nichts modifiziert. So provozieren Erasure die Effektgeräte, schieben die bekannten Lieder durch die Boxen und beobachten, wie sich der ausverkaufte Schlachthof bereitwillig zu "Always" bewegt, wie die Arme beim Publikum nach dem Takt suchen und selbst bei einem neuen Stück wie "Sacred" die Fangemeinde am Ball bleibt.

Wer mit dem Anspruch Disco ins Konzert ging, der hatte sicherlich viel Freude an dem Gastspiel. Permanent änderte sich die Lichtstimmung, die Musik animierte selbstredend zur Bewegung, der allenfalls der überheizte Saal etwas zu entgegnen hatte. Aber wer sich eine Horizonterweiterung gewünscht hatte, der wurde bitter enttäuscht, denn Erasure mögen zwar einige Top-Chartplatzierungen bewerkstelligt und in den Anfangsjahren auch den Synthiesound, nicht zuletzt mit der Starthilfe für Depeche Mode, etabliert haben - abwechslungsreich ist allerdings eine Beschreibung, mit der Erasure nichts am Hut haben. Sie sind ihrer Umlaufbahn verpflichtet, drehen sich um die Fans und bedienen brav alle niedrig gehaltenen Erwartungen, die möglichst nicht über das Animationsvergnügen hinausgehen. Ein Traditionsbewusstsein, das dem Duett nicht nur gut tut.

Und der Mann hinter den Ideen? - Schweigt. Bereitwillig hält sich Vince Clark im Hintergrund, bedient stoisch sein Tastenelement und schaut zu, welche marktschreierischen Fähigkei-ten Andy Bell entwickelt, um die Stücke an den Mann oder die Frau zu bekommen. Eine funktionierende Arbeitsteilung, die viele Jahre überdauerte und den beiden ihr Auskommen weiterhin sichert. Wenn der Auftritt im Alten Schlachthof richtig interpretiert werden darf, wird sich an diesem Musikverständnis und der Umsetzung wenig ändern, allerdings sind beide noch längst nicht in der letzten Runde angekommen. Publikum jedenfalls finden Erasure noch immer. Wenn im kommenden Jahr das 30-jährige Bandjubiläum gefeiert wird, dann gibt es sicherlich auch die passende Tournee und einige Remixes längst abgespeicherter Stücke, denen eine mutige Frischzellenkur sicherlich wieder etwas Modernität geben könnte. Ob es funktioniert, bleibt fraglich.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2014

Stephan Wiegand

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