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Sehnsucht nach einer besseren Welt - Dem Regisseur Peter Konwitschny zum 70. Geburtstag

Sehnsucht nach einer besseren Welt - Dem Regisseur Peter Konwitschny zum 70. Geburtstag

Aus Aufführungen einer Opern-, Operetten- oder Schauspielinszenierung Peter Konwitschnys kommt der Zuschauer anders heraus, als er hineingegangen ist. Zumindest darüber besteht Einigkeit.

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Evelyn Herlitzius (Venus) und Regisseur Peter Konwitschny beim Gastspiel der Dresdner Oper 2007 in Tokio.

Quelle: Matthias Creutziger

Nicht aber über die Gefühlslage der Zuschauer, denn von wütender Ablehnung bis euphorischer Zustimmung ist oftmals alles dabei. Nur eines wahrscheinlich nicht: gelangweiltes Kopfnicken, denn Peter Konwitschny fesselt auf der Bühne mit dem, was von Kunst erwartet wird: In-Frage-Stellen, Denkanstößen, Kontext, Widerspruch, Emotion, Empathie.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ausnahmslos alle Inszenierungen, die der am 21. Januar 1945 in Frankfurt/Main geborene Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny im Laufe seiner Karriere verantwortet hat, gleich gut und beeindruckend gelungen sind. Während aber manch anderer Regisseur eher seine Befindlichkeiten zu buchstabieren scheint, ist Konwitschny einer, der die Werke analytisch zu verstehen und zu unserer Zeit in Bezug zu setzen sucht. Auch wenn er den manchmal hintergründigen Spaß am Spiel keinesfalls unterdrückt, sondern geradezu herausfordert; Peter Konwitschny bietet auf der Bühne seine spezifische, seine soziale Interpretation aus dem Inhalt und der Musik heraus, ohne dabei - auch wenn es ihm immer wieder vorgeworfen wird - die Vorlage zu denunzieren.

Dass er sich dabei dem in Bühnenwerken so oft gedemütigten, sich opfernden oder geopferten, angeschmachteten oder ausgenutzten weiblichen Teil der Menschheit besonders verpflichtet fühlt, ist zweifellos erkennbar. Grandios und unvergesslich bleibt zum Beispiel seine außergewöhnliche Lesart des Wagnerschen "Tannhäuser" in Dresden: Wenn darin die nur in Blicken und kaum spürbaren Gesten angedeutete Beziehung zwischen Wolfram und Elisabeth als dem "eigentlichen", dem "besseren" Liebespaar Ausdruck findet; wenn Elisabeth auf offener Bühne in Wolframs Armen stirbt, ihr Leben verlischt, während Wolfram den Abendstern in einer Innigkeit besingt, die nicht von dieser Welt ist. Dieser "Tannhäuser" aus dem Jahr 1997 ist die letzte von Konwitschnys Dresdner Inszenierungen gewesen, die 2014/15 noch auf dem Spielplan der Semperoper zu finden war.

Der die Musik kennende und liebende Regisseur, dessen Deutungen aus einer kompromisslos individuellen Sicht auf die Gesellschaft heraus eben diese immer wieder spalten, sucht nicht die Provokation um ihrer selbst willen. Auch wenn es ihm ein Teil des Publikums und manches Feuilleton unterstellen, er zerstört das überkommene Werk nicht, er untersucht es auf seine Brisanz. Achtet dabei die Geschichte und die in den Stücken verankerte Sicht - prüft sie und interpretiert sie neu. Sein dialektischer Ansatz lässt keine bequeme Rezeption zu und konterkariert Erwartungshaltungen des Publikums. Und hat doch letztlich zum Ziel, die Welt nicht nur zu erkennen, sondern sie auch zu verändern.

Schon immer hat Konwitschny die Finger in Wunden gelegt und gesellschaftliche Krisen und Missstände benannt. Wie nötig das ist, lehrt uns die Gegenwart mehr als deutlich. Aber viele wollen es dennoch nicht wahrhaben, und so muss man auch Intendanten würdigen, die den eloquenten Zeitgenossen für ihre Bühnen engagieren. Christoph Albrecht, Intendant der Sächsischen Staatsoper im Nachwendejahrzehnt, hat es in seiner Amtszeit immer wieder getan und schließlich erfahren müssen, dass solcherart Bekenntnis sogar fast handgreiflichen wie beleidigenden Widerspruch durchs Publikum hervorrufen kann. Denn als Konwitschny zum Millenniumswechsel keine champagnertrunkene Operette anbot, sondern Kálmáns im Kriegsjahr 1915 uraufgeführte "Csárdásfürstin" in der Semperoper als Taumeln am Abgrund inszenierte, ernteten Intendant und Regisseur zornigen Sturm. Albrecht, der darob Kürzungen der vermeintlich unerträglichsten Szenen verordnete, musste vor Gericht mit Konwitschny einen Urheberrechtsstreit ausfechten. Am Ende lief es darauf hinaus, dass man beide Fassungen zeigte, die gekürzte und die ungekürzte.

"Wir sind immerzu am Abgrund, auch zu Friedenszeiten, denn die Kriege finden dann stellvertretend woanders statt", sagte Konwitschny damals vor der "Csárdásfürstin"-Premiere im DNN-Interview. Und: "Wenn eine Gesellschaft alles Utopische verloren hat und es nur noch um das eine Grundgesetz geht, mehr Profit zu machen als andere, dann sieht es ganz schlecht aus mit dem Glück überhaupt." Dass er diese Fragen aufwirft, sie uns in seinem künstlerischen Tun aufzwingt, war und ist einer der Gründe, ihn gleich mehrfach als Regisseur des Jahres zu ehren.

Heute wird Peter Konwitschny 70 Jahre alt. Im Sommer gibt er sein Re- gie-Debüt bei den Salzburger Festspielen, inszeniert dort Wolfgang Rihms Oper "Die Eroberung von Mexico" mit Ingo Metzmacher am Dirigentenpult. Es wäre gut, sähe man seine Regiehandschrift auch wieder auf Dresdens Opernbühne.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2015

Kerstin Leiße

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