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Sechs Minuten in der Zeitmaschine: Spezial des Poetry Slams in der GrooveStation

Sechs Minuten in der Zeitmaschine: Spezial des Poetry Slams in der GrooveStation

Geschichtsdebatten sind in Deutschland vermintes Gelände. Doch zum Glück gibt es ja die Kunst, zum Glück gibt es den Poetry Slam. Die Regeln sind einfach: begrenzte Redezeit (sechs Minuten), Verkleidungsverbot, eine Vorrunde, ein Finale.

Geladen hatte neben den Veranstalterinnen Caddi Cutz und Tina Tschiharsch auch der Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Lutz Rathenow.

Durch den Abend in der Dresdner GrooveStation führten souverän Slam-"Mutti" Cutz und Lukas Böhme, über den - er leistet derzeit seinen Bundesfreiwilligendienst beim Landesbeauftragen - der Kontakt zu Rathenow zustande gekommen war.

Neun Poeten waren angetreten, die meisten von ihnen mit einer durchaus lebendigen Erinnerung, doch waren auch Nachgeborene und Wessis zugelassen. Mit einer einzigen weiblichen Teilnehmerin (Franziska Wilhelm) lag die Frauenquote allerdings auf Politbüroniveau.

"Was wäre, wenn-"

Wie nun sich künstlerisch dieser wabernden Erinnerung aus Anekdoten, Realitätspartikeln und Sprachfetzen nähern? Erstaunlich oft wurde als Rahmen das kontrafaktische Erzählen verwendet (Tilmann Birr, Mike Altmann, Franziska Wilhelm), also "Was wäre, wenn-" Wenn es die DDR noch heute gäbe oder wenn die Vereinigung unter umgekehrten Vorzeichen stattgefunden hätte. Mike Altmanns Ausgabe einer "Aktuellen Kamera" vom 19. August 2015 war in dieser Disziplin der absolute Publikumsliebling. Erich Honecker als Vater der Einheit: Saarbrücken wird in Erich-Honecker-Stadt umbenannt. Angela Merkel redet als treue Nachfolgerin des Staatsratsvorsitzenden ähnlich nebulös wie als reale Kanzlerin. Roland Kaiser wird zum Kulturminister ernannt, und Lutz Bachmann als Bürgermeister von Freital bekommt das goldene Ortseingangsschild für vorbildliche Verdienste in punkto Ordnung und Sauberkeit. Spießigkeit kennt offenbar keine Grenzen und keine Ideologien.

"Verschwinden des alten Westens"

Ein westdeutscher Wahl-Berliner wie Tilmann Birr beklagte dagegen das "Verschwinden des alten Westens", denn in der Berliner Popkultur ist die DDR schwer angesagt: Hipster tragen Hornbrillen wie SED-Bonzen und Bärte wie die kommunistischen Klassiker Marx und Engels. Bands wie Rammstein, Subway to Sally und die Prinzen haben die Neue Deutsche Welle einfach so hinweggefegt und durch die in der Jugend praktizierte FKK-Kultur haben Ossis offenbar einen uneinholbaren Vorsprung bei den Mädels.

Doch gab es auch leisere Töne. Max Rademanns Text über einen Kuraufenthalt als Jugendlicher spitzte sich zu einer rabenschwarzen Groteske zu: Sadistische Betreuerinnen ahnden jedes noch so kleine Vergehen der anvertrauten Rekonvaleszenten, bis die Kinder Rache üben und das Kurhaus in Flammen aufgeht - immerhin wurde die Feuerwehr vorher informiert. Udo Tiffert schilderte dagegen sehr sachlich eine Episode, in der er sich für den Austritt aus FDJ und GST vor der Konfliktkommission seines Betriebes (angeklagt als "Feind des Staates") rechtfertigen muss. Beklemmend die Atmosphäre aus Opportunismus und ideologischer Phrasenhaftigkeit in diesem Tribunal. Doch fast noch verstörender die Ranwanzerei der Kollegen nach dem Ritual "Kritik und Selbstkritik": "Denen hastes hammerhart gegeben!"

Verweigerung des "Töpfchenzwangs"

Für das Finale konnten sich Tilmann Birr, Michael Bittner und Mike Altmann qualifizieren. Hier waren dann v.a. die Performance-Qualitäten gefragt. Herrlich, wie Birr den Dialog eines nach Berlin gezogenen Frankfurters (a.M.) mit einer ostdeutsch sozialisierten Berliner Postangestellten bis in die feinsten Nuancen des schnoddrigen Berlinerischen ausgestaltet. Altmann wird doch etwas ostalgisch und lässt die pubertäre Erotik von Darinka ("Fang das Licht", mit Karel Gott) und Inka ("Spielverderber") aufleben. Bittner berichtet von seinem frühen Widerstand gegen das System: von der Verweigerung des "Töpfchenzwangs" bis zur Sabotage des Amtes eines Gruppenratsvorsitzenden durch passiven Widerstand vulgo Faulheit. Lutz Rathenow nahm's schmunzelnd zur Kenntnis.

Am Ende setzte sich der Favorit Altmann durch - tosender Beifall in diesem überdimensionierten Wohnzimmer namens GrooveStation, das für ein paar Stunden zum beglückenden Ort einer kollektiven Erfahrung geworden war.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.08.2015

Stefan Kleie

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