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Sebastian Baumgartens "Räuber"-Inszenierung im Schauspielhaus

Sebastian Baumgartens "Räuber"-Inszenierung im Schauspielhaus

Wer seinen Schiller ein wenig zu kennen glaubt, muss wissen, dass er sich bei ihm auf immer neue Entdeckungen gefasst machen muss. Das gilt wohl erst recht für den Geniestreich des 22-jährigen, "Die Räuber", die nun Sebastian Baumgarten neu im Dresdner Schauspielhaus inszeniert hat.

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Dieter Mann als Graf von Moor, umgeben von einer skurrilen Dienerschar (Annika Schilling, Thomas Eisen, Sebastian Wendelin, Thomas Braungardt, Cristian Clauß, v.l.).

Quelle: David Baltzer

Im Unterschied zu Markus Dietz, der hier vor neun Jahren ein postmodernes Endzeitdrama auf die Bühne gestellt hat, begnügt sich Baumgarten nicht damit, Handlungen und Haltungen mit heutigen Wertmaßstäben zu hinterfragen, er versucht viel mehr, nämlich das von Schiller entworfene Szenario in einen bis heute fortdauernden historischen Prozess und Zusammenhang einzuordnen, dessen Konflikte auch aufgrund einer selektiven und verzerrten Wahrnehmung ungelöst bleiben. Wie immer zielt der Regisseur auf Polarisierung, arbeitet mit einer Fülle von provokant eingesetzten medialen Anspielungen und Fremdtext-Kommentaren, mit einem stringenten musikalischen Background. Der wird hier letztlich von der Percussion-Gruppe Viroumania geprägt, die mit der Wucht ihrer Rhythmen gefühlige Piano- oder Orgel-Passagen brachial überstimmt - teilweise mit plakativ unterstellter Tendenz.

Beschränktheit verlangt auch nach Größe

Zunächst aber hat Dieter Mann ganz schlicht die Ansprache zu einem Jubiläum der neuen deutschen Einheit zu halten. Sein Graf von Moor ist ergo zugleich so etwas wie der ewige Kanzler des Reichs oder der krankenden Republik. Wobei der gern benutzte Super- lativ doch nur den Bogen schlägt von der Zeit unseliger Kriege zwischen Preußen und Österreich zur inneren Zerrissenheit und den weltpolitischen Ambitionen von heute. Mittendrin die letzten zwanziger Jahre, die Zeit nach der zweiten kläglich gescheiterten Revolution. Und mittendrin Franz Moor, gerade dabei, sich zu einem kleinen Diktator aufzuschwingen. Seine Welt, die sich da auf der Bühne dreht, ist eine kleine. Ihr Triumphbogen das illuminierte Eingangsportal zu einem Rummelplatz. Im Schloss der Moors prunkt zwar ein überdimensionaler Reichs-Doppeladler, doch ansonsten gleicht es einem roh zusammengezimmerten Baumhaus. Nach Anweisung von Bühnenbildnerin Barbara Ehnens stehen anfangs ein paar Kirchenbänke daneben, dienlich dem Absingen des Chorals "Aus tiefer Not..." Doch Beschränktheit schreit auch nach Größe, Weite, Vielfalt, und zumindest ironisch deuten die sich an der Versechsfachung des Dieners Daniel, einer Schar von tänzelnden Clowns in hautengen roten Fräcken und Multikulti-Masken, die zugleich ein Pendant zur Räuberbande darstellen. Der Graf indes lässt sich lieber vorlesen als bedienen und inspiziert bei Gelegenheit nummerierte Noch-Libertiner zur Putz- und Flickstunde, als besuche er etwa die Truppe am Hindukusch.

So oder so, Franz führt ohne Umschweife seine Intrige aus, die eine Staatsintrige ist, zieht sie durch gegen den harschen, erfahrenen Diplomaten von Vater, der ihn zwar durchschaut, aber allein nicht bremsen kann. Wolfgang Michalek agiert mit slapstickhaft aufgedrehter Agilität, einer intellektuell begründeten und weidlich ausgespielten, sich grandios wandelnden Bosheit, die in ihrer gnadenlosen Präzision irgendwann vordergründig wird bis zum schier Unerträglichen. Der Auftritt als politischer Denker, als er mit dem "33-jährigen" Regiment seines Vaters abrechnet, ist nur eine Vorstufe. Die Familientragödie erklärt sich also nicht aus den Wirren einer bestimmten Zeit, vielmehr erscheint die Familie Moor als Keimzelle eines nationalen Charakters, der sich gern als "deutsches Wesen" feiert, in Wahrheit aber in widersprüchlicher bis verhängnisvoller, doppelter Gestalt erscheint, deren eine Ausprägung gegenüber der anderen bis heute als Alibi dient. Tatsächlich aber sind beide miteinander verbunden wie siamesische Zwillinge, Kern eines falschen Mythos. Die Absicht, den zu entlarven, lässt die Individualität der Charaktere zwangsläufig zurücktreten, zumal sie auf ihrem Weg durch Raum und Zeit Wandlungen durchmachen, die nicht ihrer eigenen Psychologie, sondern der einer veränderten Wahrnehmung zuzurechnen sind.

Ein Österreich-Trio: Wendelin, Hanushevsky, Eisen

Zwei Brüder also, die beide mit korrekt gescheiteltem Aschblond daherkommen (obgleich die Träger im normalen Leben haupthaarabstinent). Gewollt verhässlicht der Franz, mit siegfriedhafter Heldenbüste der Karl. Aus dem macht Matthias Reichwald gleichwohl keinen heimlichen Poeten, zeigt vielmehr einen verirrten Intellektuellen, einen begabten Theoretiker, der mit jedem Gemetzel mehr an moralischer Reputation und sittlichem Gefühl einbüßt. Wie gewohnt sagt Reichwald seine Sentenzen stringent, aber vielfach gebrochen auf, was in diesem Fall wohl der falschen Verklärung der Figur entgegenwirken soll, die zu allem Überfluss eine Reinkarnation als "Wüstenfuchs" erfährt.

Mit heraushörbarem Hintersinn hat Baumgarten drei Österreicher - Sebastian Wendelin, Stefko Hanushevsky und Thomas Eisen - in die marodierende Bande gesteckt. Innerhalb dieser Missgeburt einer revolutionären Bewegung mimt Eisen den Spiegelberg nicht mit der Eifersucht des als Hauptmann Verschmähten, sondern streicht provozierend (und mit zusätzlichem Text) jene Züge und Eigenarten heraus, die dem Rassenwahn als Vorwand dienen.

So endet Spiegelberg in einem kleinen Pogrom unter Banditen, der Schreibtischtäter Franz aber wird eher erlöst durch "Zernichtung". Amalia wird Opfer eines irrsinnigen Ehrenmords, aber der greise Moor überlebt drei Systeme. Und erteilt seinem Ältesten nicht etwa Absolution, sondern schickt ihn mit Freibrief in Pension. Dem Mann kann nicht geholfen werden. Der letzte Satz, wie er als geflügeltes Wort in den deutschen Sprachschatz einging, bleibt dem vermeintlich edlen Räuber, fairen Krieger, ehrbaren Weltkriegsgeneral versagt, und unschlüssig wird er mit seinem Revolver spielen, bis sich der Vorhang schließt.

In dieser Konstellation haben es die Frauen nicht leicht, mehr als nur ansehnliche Abstraktionen zu bieten. Sonja Beißwenger als Amalia behauptet sich gegenüber dem zudringlichen Franz in einer Art, dass niemand um ihre Unschuld fürchtet, liefert ihm vielmehr (Wort-)Gefechte auf Augenhöhe. Annika Schilling ruft die Räuber als Pater zu Kapitulation und Verrat, als Kosinsky führt sie Karl auf die heiße Spur, um schließlich als Wiedergeburt Amalias zu erscheinen. Sascha Göpel als Bastard Herrmann, der dem alten Moor den vermeintlichen Tod von Karl zu vermelden hat, kann nicht viel mehr liefern als ein unvermeidliches Scharnier der Geschichte, so wie Thomas Braungardt dem Franz im geeigneten Moment den Brudermord als Todsünde vor Augen zu führen hat.

Doch für sentimentale Abschweifungen ist hier kein Raum. Die Bigotterie der politischen Kaste bleibt materielle Gewalt, bis sie von den Massen durchschaut wird. Und Formen des nationalen Wahns, die weit gefährlicher sein könnten als jene, die sich, wie Franz, selbst an den Pranger stellen. Die Frage in Baumgartens Lesart ist nicht, wann und wie der alte Moor gestorben ist, sondern ob sein Geist noch immer lebendig ist und erscheint. Auch wenn der lange Abend sich nach der Pause noch zusätzlich zu dehnen schien, hielt die übergroße Mehrheit des Premierenpublikums nicht nur wacker durch, sondern sparte auch nicht mit Beifall für sämtliche Mitwirkenden und das Inszenierungsteam, allen voran Wolfgang Michalek. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: heute, 20.4., 18.5., jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.04.2012

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