Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Schwitzt, schreit, flüstert: Neil Young & The Crazy Horse begeistern am Elbufer Dresden

Schwitzt, schreit, flüstert: Neil Young & The Crazy Horse begeistern am Elbufer Dresden

Man könnte jetzt sachlich strukturiert, mit Musikexpertise und angemessener Würde gleichermaßen, über Neil Youngs Auftritt bei den Filmnächten vor ausverkaufter Elbkulisse resümieren.

Voriger Artikel
Die Broilers rocken die Filmnächte am Elbufer Dresden
Nächster Artikel
Supersalon - Ein off space auf der Förstereistraße in Dresden zeigt seine letzte Ausstellung

Der Godfather of Grunge auf der Filmnächte-Bühne.

Quelle: Patrick Johannsen

Und die Bedeutung des Godfather of Grunge seit 1968, dem Jahr seines ersten Albums, bis zum vergangenen Samstag, dem Tag seines ersten Dresdenauftritts, rezitieren. Oder man gibt gleich zu, das jetzt hier mal sowieso mit Sachlichkeit und Struktur überhaupt nichts wird und eine verordnete Würde ist gar nicht nötig. Weil ein Neil Young-Konzert in der eigenen Stadt für den Schreiber dieses Textes von wo ganz anders her erlebt wird.

php69ebc27b17201407271341.jpg

Neil Young spielte in Dresden, und 12.000 kamen, ihn zu hören. Nicht gerechnet die Tausenden auf den Elbwiesen ringsum.

Zur Bildergalerie

Vom Urknall des eigenen Musikeruniversum her. Aus der Zeit, als die Altersangabe noch einstellig war und man auf Vaters Orwo-Kassetten „Hey hey, my my“ findet und das über die Jahre hinweg ins audiogenetische Erbgut eingegangen ist. Oder man mit zwölf die „Harvest“ und „Rust never sleeps“ in Schleife durch den Walkman leiert. Oder der 13. August 1995: Mit Trabant, aber ohne Karte zum Neil Young-Konzert nach Berlin fahren. Schwarzmarktpreis 90 DM. War verdammt viel Geld für einen 18-Jährigen.

Heute, 18 Jahre später, spielt man selber mit der Band kollektivversunken Endlosversionen von „Cortez the Killer“, und die Tochter hat kürzlich 12-jährig das Album „After the Goldrush“ entdeckt. Und wenn man sie sehr bittet, spielt sie manchmal „Tell me why“ auf der Gitarre. Und singt dazu.

phplLCH1J20140727135645.jpg

Rund 12.000 Fans pilgerten ans Elbufer.

Quelle: Patrick Johannsen

Und nun, 2014, in Dresden, steht er wahrhaftig da vorn auf der Bühne. Wie geht so was aus? Na, man grölt im ersten Lied wie alle anderen 12.000 die Zeile „Down by the River, I shot my baby“ mit. Stiert sich, wie ebenfalls alle anderen, die Augen aus während der 20 Minuten Gitarrengewitter, um ja keine Bewegung des grauen Herrn mit Koteletten und Cowboyhut zu verpassen. Selbiges mit Powderfingers „Look out Mama, there’s  a white Boat coming up the River“. Die Menge begeistert und mit der „Rust never sleeps“-Richtung stellt sich Vorfreude ein auf die Erfüllung der insgeheimen Liedwunschliste.

Gewohnt wortkarg der Kanadier in der ersten Konzerthälfte. Zurückgezogen beinahe. Oft beschränkt auf die zwei Quadratmeter vor Bassist Ricky Rosa, der eingesprungen ist für das erkrankte Crazy Horse Billy Talbot. Ein leichter Schlaganfall verhinderte seine Tourteilnahme. Sein graumähniger Gitarristenkollege Frank „Poncho“ Sampedro hingegen zelebrierte ausgiebig die natürlich oft minutenlangen Songs, wie „Days that used to be“ oder „Psychedelic Pill“. Songs in denen beide Gitarren ächzen und tosen, sich aneinander reiben, minutenlang befingern, während Ralph Molina trocken sein Schlagwerk unterschiebt.

phpb84fbb93be201407261012.jpg

Zwischen Punk, Rockabilly und Massentauglichkeit: die Broilers am Dresdner Elbufer.

Zur Bildergalerie
phpSEfXKt20140727135503.jpg

Neil Young (r) und Frank „Poncho“ Sampedro.

Quelle: Patrick Johannsen

Und wie sie da so beieinander stehen und sich versenken. So soll es sein! Ganz nüchtern betrachtet waren das: vier Opis. Neil Young ist 68. Richtig alte Männer mit Gitarren vor den Bäuchen und Sticks in der Hand. Hinter denen bühnenriesig ein galoppierendes Pferd mit Reiter prangte .... Aber was ist Nüchternheit an diesem Abend gegen die Glanzaugen von uns 12.000 Kindern, Eltern, Großeltern: Da stehen Neil Young & The Crazy Horse. Hallo? Und sie spielen. Und Young schwitzt, schreit, flüstert, überspannt die Stimme, um seine Botschaften herüber zu bringen. Er ist wach, spielfreudig, anwesend.

Irgendwann greift er zur Akustischen. Bühnensolo und in Ansehung einer der zwei oder drei youngschen Ikonografie-Motiven, die bleiben werden, wenn er gegangen ist: Gitarre in der Hand und die Mundharmonika mit Gestell vorm Gesicht. So steht er da, um, noch vor „Heart of Gold“, eine Überraschung anzustimmen: Bob Dylans „Blowing in the Wind“. Dresden, Musikunterricht sei Dank, textsicher. Für vier Minuten lang richtet sich auch das letzte Härchen im Nacken auf: Weil hier gerade ein Großmeister einen Großmeister zitiert. Und wieder was für die Erinnerung.

Der Song passte gut in Youngs Liebe-, Frieden- und Save the Earth-Impulse, die das ganze Konzert begleiteten. Allein sein schwarzes T-Shirt mit silberner EARTH-Aufschrift appellierte. Oder der noch unveröffentlichte Song „Who’s gonna stand up and save the Earth“. Ja klar, das ist sehr amerikanisch. Aber auch immer schon Neil Young. Für uns Deutsche keine leichte Kost, dieser Peace-Pathos. Um so überraschender – für Young scheinbar auch – dass die Dresdner nach „Name of Love“ dessen Refrain von sich aus weitertrugen und eine Weile ein anrührend schüchternes „Can you do it in the Name of love“ über dem Publikum schwebte.

Und Pathos hin oder her, es kam natürlich, was definitiv noch kommen musste: „Keep on rocking in a free World“. Passte gut in Youngs Linie des Abends, passte ebenso gut zur Singefreudigkeit der Dresdner und der Erwartung von Young-Klassikern. Ein  Gewitter also auch zum Schluss des Konzerts, das 23 Uhr etwas abrupt endete. Nach einer Zugabe nur. Und mit hier und da einem Vakuum. Heimliche Wunschlieder aus über 30 Young-Alben fehlten. Na, geht schon klar. Wie sollte das auch nicht so sein. Nur „Hey hey, my my, out of the Blue, into the Black“ hätte ich wirklich, wirklich gern ein Mal im Leben zu Neil Young rübergeschrien.

Robert Kaak

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr