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Schwitters Wolff Fleischer - Collagen und Objekte von Lutz Fleischer in der galerie am blauen wunder Dresden

Schwitters Wolff Fleischer - Collagen und Objekte von Lutz Fleischer in der galerie am blauen wunder Dresden

Wie wir alle Jäger und Sammler sind, ist es auch und ganz im Besonderen Lutz Fleischer: Er jagt und sammelt sprachliche Zwei-, Mehr- und Vieldeutigkeiten. Das heißt, eigentlich ist er Fallensteller, denn er tötet sie nicht, sondern erweckt die Mehrdeutigkeit sprachlich und optisch erst richtig zum Leben.

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Lutz Fleischer. Augenschein, 6,7 x 12,6 Zentimeter, Collage, 2014.

Quelle: Repro: Galerie

Jahrgang 1956, war er nach einer Lehre als Offsetretuscheur und dem Besuch der Abendschule der Dresdner Akademie Verkäufer, Heizer, Gärtner, Lagerist und Restaurator, bevor er 1981 letztlich als Autodidakt freischaffend wurde. Irgendwann zwischen 1987 und 1989 gab er Malerei und Zeichnung fast ganz auf: Auf den Spuren von Kurt Schwitters entdeckte er die Collage als die ihm gemäße Ausdrucksform. Vor vielen Jahren von seiner Mutter einmal gefragt, ob es überhaupt etwas gäbe, was er ernst nähme, meinte er: "Nun ja, den Spaß." Manche meinen, Kunst käme von Können, andere "von künstlich" und wieder andere "von Kunsthonig". Wenn Joseph Beuys sagte "Kunst gleich Leben - Leben gleich Kunst", könnte Lutz Fleischer sagen: "Kunst ist Spaß - Spaß ist Kunst". Aber auch: "Spaß ist Ernst - Ernst ist Spaß" Jedenfalls sind all diese Kategorien von Können, Künstlichkeit, Kunsthonig bis zu Leben, Ernst und Spaß in seinen Collagen, Fundobjekten und Performances vereint, wobei er inzwischen im Spaß oder Ernst seine Existenz als Performance sieht...

Diese Ausstellung heißt "Augenschein", griechisch "Autopsie" und lateinisch "Inspectio ocularis", ein Wort vielfältiger Begriffsinhalte: in der Jurisprudenz die Leichenschau oder Nekroskopie, beim Metzger die Fleischbeschau und so weiter. Das "in Augenschein nehmen", etwas geschwollen "Augenscheinseinnahme" oder "Okularinspektion" ist also "die von einer Behörde in amtlicher Eigenschaft vorgenommene Besichtigung eines Gegenstandes; in der weiteren und gewöhnlichen Bedeutung des Wortes jede amtliche Sinneswahrnehmung..." usw. usf.

"Kunst ist Spaß - Spaß ist Kunst"

Welch groteske synonyme Tatsachen ließen sich bei gegen unendlich gehender Kreativität aus solchen Worten ableiten... Lutz Fleischer, der Hans-Theo-Richter-Preisträger der Sächsischen Akademie der Künste von 2005, jedenfalls kommt in seiner etymologischen Forschung zu diesem Problemkreis zu der verblüffend einfachen visuellen Definition, die auf der Einladung zu dieser Ausstellung abgebildet ist.

Die Ausstellung zeigt 25 Collagen auf Leinwand und verschiedenen Papieren oder Feinpappen sowie sechs Assemblagen, Objekte, Fundstücke. Schlangenhaut, Seiten alter Bücher, gefundene Papiere, Nonsens-Texte aus Nonsens-Zeitschriften, eine CD, Kunstpelze und Kunstleder, Tapeten, Möbelstoffe und ein alter Teppich bilden ein Arsenal gestalterischer Mittel, die er wohldosiert und maßvoll zu überraschenden zeichenhaften Kompositionen fügt. Inhalte entstehen zufällig, doch manchmal auch ganz gezielt.

Aus gestreiftem Packpapier werden noble Nadelstreifen, unter einem Kippenberg ist vielleicht Martin Kippenberger verborgen, und immer wieder faszinieren ihn Zahlen in verschiedener typographischer Gestalt. In zwei Blättern persifliert er das militaristische Herrenmenschentum des Turnvaters Jahn. Viermal f-Punkt steht für dessen Motto "Frisch, frei, fröhlich, fromm". Für Jahn sollte diese fröhliche Körper-Ertüchtigung doch nur der Stärkung der Wehrkraft des erblichen Kaisertums dienen.

Und ganz aktuell wird Lutz Fleischer mit seiner ebenso grotesken wie hintergründigen "Selbstanzeige", die er wohl demnächst bei der Staatsanwaltschaft in Papua-Neuguinea oder sonstwo stellen wird.

Nach den historischen Zeiten des Leitwolf-Verlages mit Petra Kasten und Andreas Hegewald, der von 1983 bis in die beginnenden neunziger Jahre existierte, prägte er Anfang 1998 in der galerie kunst der zeit zwischen Minimalismus und Simplizismus seine Kunstrichtung des Banalismus. Hatte der Leitwolf-Verlag der Nonsens-Literatur das Feld im lokalen Raum bereitet, so verfolgt der Banalismus das hehre Ziel, Unsinn gesellschaftsfähig zu machen.

Fleischers Lappalienarchiv, etwa zur gleichen Zeit gegründet, lebt bis heute fort während des Scheune Schaubuden Sommers, an dem Lutz alljährlich beteiligt ist. Bei allem Augenzwinkern, an Sarkasmen grenzendem Humor und unvermittelt einschneidendem Ernst zeigt diese Ausstellung Werke zwingender Tektonik, formaler und farblicher Ausgewogenheit und prägnanter Zeichenhaftigkeit. Wie vor 50 Jahren Willy Wolff hat Lutz Fleischer die Collage heute zu neuen Gipfeln geführt.

Gerade haben amerikanische Physiker die Existenz von Gravitations- wellen nachgewiesen. So ist es wohl auch nur Zufall, dass Lutz Fleischer seit Anfang Mai in der Galerie Mitte eine Ausstellung unter dem anspruchsvollen Titel "Es handelt sich nur um eine Anomalie der Schwerkraft, sonst nichts-" zeigt.

Ausstellung in der galerie am blauen wunder, Pillnitzer Landstraße 2, bis 7. Juni. Do bis Sa 14 bis 18 Uhr

Ausstellung Collagen und Objekte von Lutz Fleischer. Galerie Mitte, Striesener Straße 49, bis 14. Juni. Di bis Fr 15 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.05.2014

Gunter Ziller

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