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Schwieriger Bildungsprozess - Heute Treffen zu kultureller Bildung im Kulturrathaus

Schwieriger Bildungsprozess - Heute Treffen zu kultureller Bildung im Kulturrathaus

Um das wiederentdeckte und eine Zeit lang viel strapazierte Schlagwort von der kulturellen Bildung ist es stiller geworden. Auch deshalb veranstalten die Landeszentrale für politische Bildung, der Sächsische Kultursenat und die Landeshauptstadt Dresden im Kulturrathaus heute eine Tagung unter dem Motto "Was PISA nicht gemessen hat.

..". Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat persönlich die Rettungsschirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen, die von der Sorge um den Erhalt und die Erneuerung abendländisch-kultureller Werte getragen ist.

Doch genau da setzt schon die Interpretation des Begriffs an. Was soll den Heranwachsenden eigentlich vermittelt werden? Wie weit reicht der zugrunde liegende Kulturbegriff? "Gehören nicht auch Pop- und Internetkultur dazu oder sogar das Shopping?" fragt Schulleiterin Simone Heilmann von der Hufeland-Mittelschule Plauen, die zwei Schülerinnen in die heutige Diskussion schickt. Für Jan Deicke vom Verein zur Förderung von Erzählkunst und Lauschkultur ist kulturelle Bildung gerade der Gegenentwurf zur Konsumhaltung, Hilfe zur eigenen Aktivität und Kreativität. Deicke hat im Februar das Spektakel zur kulturellen Bildung auf allen Etagen des Wissenschafts- und Kunstministeriums organisiert.

Allein den Geist von Goethe, Mozart oder Rembrandt zu vermitteln, greift nach seiner Ansicht aber zu kurz. Selbstverständlich gebe es auch angesichts des schleichenden Zerfalls der bürgerlichen Mittelschicht etwas zu bewahren. Aber der Begriff "Kulturelle Bildung" befinde sich selbst in einem fundamentalen Wandel. Denn Huntingtons "Clash of Civilizations" vollziehe sich auch innerhalb der westlichen Welt.

Diese Frage stellt sich umso dringender, je bildungsferner die Adressaten sind. Uta Hauthal, die in Dresden Musik und Deutsch u.a. an einer Berufsschule lehrt, muss ihre Schüler "dort abholen, wo sie sich befinden". Das bedeutet Abstriche und simple Einstiege, etwa bei der Umgangskultur miteinander. "Musik geht kaum, Singen schon gar nicht." Aber Vorlesen sei eine Möglichkeit, auch eigene Texte. Authentizität überzeuge ebenso wie emotionale Ansprache, und dann ist es schon ein großer Erfolg, wenn einzelne Lehrlinge ein Theaterprojekt oder ein Weihnachtssingen besuchen oder gar ein Buch kaufen. "Am Gymnasium ist das Klima aber auch nicht immer kultivierter", dämpft Uta Hauthal die Neigung zum Bildungsdünkel.

Das Netzwerk funktioniert nur, wenn sich alle beteiligen

Eine andere Frage ist die nach den politischen, finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen für kulturelle Bildungsarbeit. Wohlklingende Reden und Manifeste gibt es reichlich, zum Beispiel ein im Juni verfasstes Grundlagenpapier der kulturpolitischen Sprecher aller Unions-Landtagsfraktionen, an dem es nichts zu kritisieren gibt. Aber die Probleme der Praxis fangen schon mit dem so wenig regulären Kunsterziehungs- und Musikunterricht an den Schulen an. Der Unterrichtsausfall ist auch in Sachsen überdurchschnittlich hoch, ein Drittel der Kunst- und Musiklehrer verfügt nicht über eine Fachausbildung.

Von der Schule aber wird angesichts familiärer Defizite immer mehr erwartet, und die Ganztagsschulprogramme von Bund und Ländern tragen dem auch Rechnung. Kulturräume und Bildungsagenturen sind parallel darum bemüht, die Zusammenarbeit von Schulen mit externen Kulturinstitutionen und Künstlern zu koordinieren. Eine Doppelstruktur, bei der der Sächsische Kultursenat noch erheblichen Abstimmungsbedarf sieht.

Nichtsdestoweniger ist die Einrichtung von Koordinatoren und Internet-Plattformen in den Kulturräumen ein Gewinn. "Doch das Netzwerk funktioniert nur, wenn sich alle beteiligen", sagt Koordinatorin Sylvie Albrecht aus dem Kulturraum Vogtland-Zwickau. Die Angebotsseite fülle sich seit einem Jahr, aber es sei offenbar vielen Lehrern und Schulen noch nicht klar, was kulturelle Bildung bedeute. Doch auch bei möglichen Partnern gibt es unter anderem ein finanzielles Problem. Welcher Maler oder Schriftsteller kommt schon für einen Stundensatz von 17,40 Euro an die Schule?

Seit einem knappen Jahr gibt es in bundesweit vorbildlicher Weise eine Förderrichtlinie des Kunstministeriums, die nach Ministeriumsangaben weit überzeichnet ist. Kein Wunder, denn von den 604 000 Euro für kulturelle Bildung im Ministeriumsetat gehen allein 350 000 für das Projekt "Jedem Kind ein Instrument" weg, vom Rest der größte Teil in die Kulturräume. Von vielen Seiten wird deshalb beklagt, wie schwer Projektfördermittel zu erhalten sind. Das im Februar aufgelegte Programm "Kultur(t)räume" des Kultusministeriums zur frühkindlichen Bildung befindet sich noch in der Anlaufphase.

Ganz an den Rand gedrängt ist die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung. Denn der Dachverband mit Sitz in Leipzig gehört zum Sozialministerium, wo kulturelle Bildung kein Förderschwerpunkt ist und die Kürzungen des laufenden Doppelhaushalts die gravierendsten Spuren hinterlassen haben. Landesjugendamtsleiter Bernd Heidenreich wird sogar mit der Aussage zitiert, kulturelle Bildung sei in seinem Bereich nicht mehrheitsfähig. Nun gibt es zwar gemeinsam mit dem Kultus- und dem Kunstministerium eine interministerielle Arbeitsgruppe, die unter anderem Kultur und Jugendarbeit besser verzahnen will. Von deren Ergebnissen aber kommt außerhalb des Dresdner Regierungsviertels offenbar wenig an. Nach eigenen Angaben setzt sie einen Schwerpunkt auf die Fortbildung von Lehrern und Akteuren. Der Vorschlag von Jan Deicke, eben diese Hauptakteure einmal zu einer großen "Kaminrunde" zusammenzubringen, fand im Kunstministerium bislang kein Echo.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.11.2011

Michael Bartsch

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