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Schwedischer Schriftsteller Håkan Sandell kommt ins Hygienemuseum

Von Neugeborenen, Katzengold und dem Winterpelz des Hasen Schwedischer Schriftsteller Håkan Sandell kommt ins Hygienemuseum

Interessiert man sich für die nordische Poesie, kommt man an den Büchern von Verlegerin Margitt Lehbert nicht vorbei. Der Schwede Håkan Sandell ist mit seinem Buch „Tagebuch, Abendwolken“ Teil dieser Edition. Er kommt am 19. Mai ins Hygienemuseum.

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Håkan Sandell

Quelle: Dimitri Lurie

Dresden. Margitt Lehbert, Verlegerin und Übersetzerin, hat sehr viel für die Literaturen Nordeuropas getan. Interessiert man sich für die nordische Poesie, kommt man an den Büchern ihrer Edition Rugerup nicht vorbei (www.rugerup.de). Moderne Klassiker wie der Norweger Olaf H. Hauge sind hier in deutscher Übersetzung erschienen, aber auch so bedeutende zeitgenössische Poeten wie Øyvind Rimbereid und der heute in Oslo lebende Schwede Håkan Sandell, dessen Buch „Tagebuch, Abendwolken“ sie übertragen und in ihrer Edition herausgegeben hat.

Sandell, 1962 in Malmö geboren, debütierte 1981 als Dichter; in den 80er Jahren gehörte er der „Malmö Liga“ an, einer Gruppe von jungen Lyrikern, die damals mit ihren Bühnenauftritten und Manifesten für Furore in der schwedischen Öffentlichkeit sorgte und aus ihrem Misstrauen gegen das „akademische und modernistische“ Gedicht keinen Hehl machte. Sandell hat dieses Konzept später für sich weiterentwickelt und nennt sich heute noch einen „Retrogardisten“: Stilmittel und Handwerk vergangener Epochen sollen nicht als unbrauchbar abgetan werden, sondern den Weg zu einer modernen Lyrik (respektive Malerei) weisen, welche auf alten Topoi aufbaut, anstatt mit ihnen zu brechen. Eine Abkehr vom zeitgenössischen Leben ist damit aber nicht gemeint, im Gegenteil: Den Blick scharf auf das Heute richten, ohne das Gestern auszusparen, so ungefähr könnte man das Programm der Retrogarde auf den Punkt bringen.

Sandell, das darf man sagen, besteht den Lackmustest in Form seines eigenen künstlerischen Werkes mit Verve. In seinen Gedichten erweist er sich als ein Zeitgenosse, der die Spuren der „Altvorderen“ zu lesen und schöpferisch umzuwandeln versteht. Seine Gedichte zeigen uns das Schöne im Schrecklichen und das Vergängliche unter dem Glanz des Ewigen. Unter den Sternzeichen des Großen Wagen und des Großen Bären sieht dieser Dichter „Leute, die wie losgerissene Fetzen im Wind / zwischen Autowracks und schäbigen Mietskasernen / treiben“, sieht aber auch das Katzengold gelber Büsche „durch die Abende rieseln“.

Auf Wunder folgen Wunden, auf Wunden bisweilen ein kleines Wunder. In dem Gedicht „Zeit und Raum“ ist Sandells Credo versteckt: „Meine Zeit ist jetzt, mein Ort ist hier...Ich fühle, was ich schon immer fühlte, / wie die Kräfte, die auf Zerstörung zielen / genau so stark sind wie die schöpferischen.“ Das Schwarze kann sich aber auch aufhellen, wenn man zu schauen imstande ist: „Wo ich Eis sah und ewiges Dunkel, / seh ich das Weiß im Winterpelz der Hasen, / und wie die Leichenblässe junger Liebenden / langsam roten Wangen weicht.“

Sandells Einfühlungsvermögen ist verblüffend. Noch nie habe ich ein Gedicht gelesen, das sich so in das Leben eines Kindes im Bauch der Mutter hineinzuversetzen versteht, wie Sandells „An ein Kind, das zwei Wochen über der Zeit ist“. Der Dichter macht dem Ungeborenen Mut, die werdenden Eltern nicht noch länger warten zu lassen, und nebenbei knüpft noch ein Lob an die werdende Mutter an: „Wenn du die Marina deiner Kapsel leid bist / und die unbekümmerte Ruhe der Dünung / an diesem weiblichsten aller Orte / und darauf setzt, endlich herauszuschlüpfen / dann, das glaube ich, wirst du stolz sein / auf dieses neue Geschöpf, das dich hält.“ Das Gedicht entstammt Sandells Band „Oslopassionen“ von 2003, in dem sich ein weiteres Gedicht zu diesem Themenkreis findet, „Geburt“. Staunend fragt sich hier das Erzähler-Ich in Betrachtung des Kindes: „...die Persönlichkeit unentwickelt, aber eine Seele, wie / ist das nur möglich, bist du schon oft gereist?“

In Håkan Sandells poetischem Kosmos kann ein Gedicht über eine „Neue Jeans“ zu einer bewegenden Abschiedssymphonie werden, und noch aus einem so praktischem Ding wie einem Kühlschrank vermag er die Funken seiner Poesie zu schlagen. Unter den Sternen am Himmel sieht der Dichter viel menschliche Bedürftigkeit. Sinnlich und mitfühlend sind diese Verse, die immer an einer geheimen Grenze entlangschrammen, dem Zweifel nah, aber auch dem Zutrauen für die Schönheiten der Welt: „Leicht verlierst du deine Schöpferkraft / und duckst dich, obwohl der Himmel / immerwährend neue Fresken schafft.“

Jetzt hat das Dresdner Publikum im Deutschen Hygienemuseum Gelegenheit, diesen wunderbaren schwedischen Autor in Lesung und Gespräch (beides mit deutscher Übersetzung) kennenzulernen.

Lesung und Gespräch mit Håkan Sandell (Schwedisch und Deutsch), 19. Mai, 20 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum. Literaturforum Dresden e.V. in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

Von Volker Sielaff

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