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Schweden rocken in der Dresdner Scheune

Schweden rocken in der Dresdner Scheune

Dass die fünf Schweden von EF irgendwann einmal im Hardcore angefangen haben, merkt man ihnen noch an. Mit drei Gitarren, Bass und Schlagzeug lassen sie es dermaßen krachen, dass das Herz einen neuen Rhythmus finden muss, um Schritt halten zu können.

Bei ihrem Auftritt in der Scheune wird die spröde, medizinische Bedeutung EF, also Ejektionsfraktion (das Maß für die Pumpkraft des Herzens) zur passenden Metapher des Abends.

Danach benannt haben sich EF allerdings nicht. Sie haben einfach die Anfangsbuchstaben ihrer vorherigen Band genommen und dann die musikalische Richtung und über vier Alben und zehn Jahre auch ein paar Mal die Besatzung gewechselt. Oder sagen wir, sie sind einfach immer ein bisschen weiter gegangen. Nun stehen Niklas Åström, Thomas Torsson, Daniel Öhman, Erik Gustafsson and Emanuel Olsson mit "Ceremonies" (2013, And The Sound Records) als Postrock-Fünferbrett auf der Bühne und massieren ihr Publikum mit einer Energie, deren Wirkung sich vielleicht nur Menschen mit Herzschrittmacher entziehen können. EF lieben nach wie vor die schönen, weiten Melodien und die große Harmonie. Gitarren klirren, bevor sie durch den Saal scherbeln. Ab und zu auch Einsätze von Klavier, Bläser- oder Geigensynths. erhöhen das Symphonische in ihrer Musik. Darunter zerren die zum Teil vertrackten, aber immer zackigen Rhythmen eines unerbittlichen Schlagzeugs. Das ist hart und hart zugleich. Wie ein Herz, das ganz nah an den Rippen pocht.

Man hört hier und da mal ein wenig Sigur Rós eine ihrer Referenzbands die hallenden, klaren Stimmen, die zwar selten, aber dennoch regelmäßig eingesetzt werden. Das ist an diesem Abend in der Scheune allerdings eine Spielart rauer, denn beide Sänger treten mit einer Erkältung auf und schieben sich gegenseitig die Gesangsparts zu. Thomas Torsson erklärte dann mit kratziger Stimme, dass "die Stimme ja eines der wichtigsten Dinge beim Gesang ist".

Gut gelaunt waren die fünf Jungs also trotzdem. Bedankten sich auch bei ihrer Vorband namens James Dean, die eigentlich DIN Martin hieß. Ebenfalls Postrocker, aus Leipzig. Bei ihnen wirkte alles etwas differenzierter, einzelner, wenn man so will. Dazu ein bisschen Elektronikgeklacker, das Songwriting öfter als tragendes Element. Aber auch da schon die polyphonen Gitarrenwände, der Drang in Richtung Herzmassage. Durchaus eine gute Aufwärmübung für die dunkelste Boyband der Zeit. Im aschfahlen Licht aus dem Bühnennebel traten dann die schwarz gekleideten Männer. Wie Geister aus der Unterwelt. Motten in das Licht. Naturmystik, das Bild malt sich dann fast von allein. Sie spielen sich fast durchs komplette neue Album, dazwischen immer wieder alte Songs, greifen zurück bis in die erste Plattenkiste. In der Zugabe "Tomorrow My Friend" vom 2006er Album "Give Me Beauty... Or Give Me Death!", ein 14minütiger, epochaler Kracher, mit allem was Postrock so kann und dem Versuch, ihren Gitarren ernsthaften Schaden zuzufügen, indem sie sie über alle Effektgeräte zerrten. Aus vollem Herzen eben.

Die Herzmetapher passt auch deshalb so gut, weil diese Musik keine äußeren Erkennungsmerkmale benötigt und deshalb sehr unterschiedliche Menschen für sich einzunehmen vermag. Vielleicht auch, weil im Postrock schon immer viel Platz war. Platz für das eigene Empfinden. Mit "Ceremonies" haben EF dafür gesorgt, dass alte Männer und jauchzende Teenager sich vor der Bühne in einem Meer aus wiegenden Oberkörpern vereinen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2013

Juliane Hanka

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