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Schwalbe im Vakuum - Der ukrainische Kinderchor "Lastivka" und die politischen Wirren der letzten Monate

Schwalbe im Vakuum - Der ukrainische Kinderchor "Lastivka" und die politischen Wirren der letzten Monate

"Schwalbe" - heißt der Kiewer Kinderchor, der gerade zum 5. Internationalen Kinderchorfestival in Dresden zu Gast ist. Beheimatet ist er am Kulturpalast des südwestlichen Kiewer Stadtteils Golossejew.

Lastivka.

Dessen Direktorin bewies Weitblick, als sie 2005 der Chorleiterin Oksana Ursatii vorschlug, einen Konzertchor unter diesem Namen zu gründen; "Lastivka, das hat eben keinerlei politischen Konnotationen", sagt Oksana Ursatii, die vor der orangen Revolution beim zentralen Kinderchor der Stadt angestellt gewesen war, "mit einem höheren Gehalt, die Stelle war besser; aber nach der Revolution konnte ich dort leider nicht weiterarbeiten". Schon als Kind hatte sie im Chor gesungen und wusste früh, Chorleiterin, das wäre doch was. Nun also Golossejew; reichlich 200 Euro Gehalt bekommt sie für ihre Arbeit mit den drei Chören verschiedener Altersstufen. Der Konzertchor probt unter ihrer Leitung an zwei Arbeitstagen pro Woche, büffelt neben den normalen Hausaufgaben extra Musiktheorie, und sonntags versammelt sich der ganze Chor noch einmal drei bis vier Stunden, singt Konzerte, meist in den Kirchen der Region.

Im Gespräch übt Oksana Ursatii Zurückhaltung, wenn es um politische und kulturpolitische Fragen geht. Sie ist dankbar, dass die Dresdner Gastgeber sich "mit maximaler Kraft in den Kampf mit der ukrainischen Bürokratie" geworfen haben, damit die Einreise nach unüberwindlich scheinenden Visaquerelen doch noch gelang und sie ihren "Schwalben" nun Dresden zeigen und die Kinder mit ihren neuen Bekannten aus Venezuela, Island und Südkorea gemeinsam singen können. Während deutsche Zeitungen von Separatisten und Rebellen in ihrem Heimatland, von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" sprechen, finden die Gastkinder in Dresden etwas Ruhe; "die Verwandten in der Ukraine schonen den Chor und geben nur familiäre Informationen". Aber die Sorge steht Oksana Ursatii ins Gesicht geschrieben. Sie hat Angst, dass ihr Land geteilt wird, Angst, dass die Umstände in einer Katastrophe enden werden. "Und die Kultur? Die Ukraine befindet sich in einem kulturellen Vakuum. Putin fördert Gergiew, aber bei uns haben die Politiker in den letzten Jahren keinerlei Interesse an Kultur gezeigt. Sie möchten zuerst selbst satt werden. Und für die Zukunft fehlt es schlicht an einer Person, der man vertrauen kann und die in der Lage ist, die Bevölkerung hinter sich zu bringen." So arbeiten die Orchester und Chöre in Kiew nun erst einmal recht und schlecht weiter, wie es eben geht; die Philharmonie ist ja am Maidan, auch die nationale Musikakademie des Landes, die Peter Tschaikowskis Namen trägt. Tagsüber versuchen sich dort die Studenten zu konzentrieren; daneben dient das Gebäude als Erste-Hilfe-Punkt, abends werden Essensrationen ausgegeben und Feldbetten für die Revolutionäre aufgestellt...

Die Proben und Konzerte von "Lastivka" in diesen wirren Zeiten möglichst ganz normal zu planen und durchzuführen, das kann für die Kinder ja auch eine Zufluchtsmöglichkeit sein. Daneben ein Zeichen zu setzen, ist Oksana Ursatii aber wichtig. Sie hat eine populäre Melodie des ukrainischen Komponisten Myroslaw Skoryk für ihren Chor arrangiert. In jedem Konzert, auch in Dresden, widmet ihr Chor das bewegende Lied den "Himmlischen Hundert" - den Gestorbenen vom Maidanplatz.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.05.2014

Martin Morgenstern

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