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Schulalltag als Auseinandersetzung: Premiere von "Kreide fressen" im Societaetstheater Dresden

Schulalltag als Auseinandersetzung: Premiere von "Kreide fressen" im Societaetstheater Dresden

Drei Lehramtsstudenten sitzen in den Schulbänken und lassen sich von einer Dozentin fitmachen für das, was ihnen nach dem Abschluss blüht. Schulalltag oder eben der Kampf ums tägliche Überleben, wie die Dozentin plakativ herausposaunt.

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Lehrer in der Raucherecke: Andreas Jendrutsch, Olga Feder, Julia Amme und Karolina Petrova (v. l.) vom Theater La Lune.

Quelle: Detlef Ulbrich

Sie zeigt, wie man an die Tafel schreibt, ohne der Klasse ganz den Rücken zuzudrehen. "Da kann schon mal ein Messer fliegen", begründet sie. Es geht darum, wie man das Zittern der Hände nicht erkennen lässt und wie man sich einen sicheren Stand verschafft, der die eigene Unsicherheit überdeckt. Zweifel der Lehramtsstudenten - die ja noch zwischen Schülerdasein und Lehrautorität schweben - wischt sie weg: "Sie waren ja noch nicht da draußen."

Sicher, eine überspitzte Szene, wie Dramaturgin Caren Pfeil meint. Dennoch sei man beim Stück "Kreide fressen", das morgen im Societaetstheater Premiere feiert, so nah an der Wirklichkeit des Schulalltags, wie es nur geht. Man will es ihr glauben, wenn man die auf die Spielszene folgenden Videosequenzen gesehen hat, die aus Schulhäusern stammen. "Wenn sich der Lehrer nicht gegen uns durchsetzt, dann gibt es eben keinen Unterricht", teilt dabei eine Schülerin relativ nüchtern mit.

"Kreide fressen" ist eine Produktion der freien Truppe Theater La Lune, die am Societaetstheater zuletzt "Just a little bit racist" aufgeführt hat. Dafür hatte damals der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini den Anlass gegeben, im Schulalltag hat das Ensemble, das Theaterspiel immer mit politischen Aussagen verbinden will, den nächsten Brennpunkt entdeckt. Es ist einer, der jeden angehen dürfte. "Jeder von uns hat eine Schule besucht und auch später bleibt man ihr verbunden, etwa wenn die eigenen Kinder auf die Schule gehen", sagt Caren Pfeil.

Interessant ist dabei zunächst, wie die vier Schauspieler um Regisseurin Veronika Steinböck und Dramaturgin Pfeil ihren Stoff gefunden haben. An Schulen in Dresden und der Umgebung haben sie Lehrer und Schüler interviewt. Deren Aussagen über Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen und Enttäuschungen haben sie im Sommer und Herbst des Vorjahres gesammelt. Während die Schauspieler die Äußerungen der Lehrer genutzt haben, um Szenen im Klassen- oder Lehrerzimmer im frei improvisierten Spiel zu entwickeln, sind die auf Video gesprochenen Schülerinterviews zusammengeschnitten nur als Einblendungen zu sehen. Ein Spiel mit zwei Wirklichkeitsebenen: Während die Schauspieler auf einer überdimensionalen Kreidetafel stehend den Lehreralltag spielen - an der Wirklichkeit angelehnt, aber eben doch in künstlerischer Interpretation -, sind die Schüler als ihr Gegenpart echt, aber im Theaterstück eben nur als Projektion an der Wand zu sehen. Eine Lösung, die ihre ganz eigene Wirkung entfaltet, weil sie die Kontroverse zwischen beiden Gruppen auch in gegensätzliche Darstellungsformen fasst.

Und diese Kontroverse ist das eigentliche Thema, oder eigentlich: die Kommunikation und wie sie im Schulsystem scheitert, wie Caren Pfeil sagt. Zu sehen ist das in einer Szenenfolge, die assoziativ verbunden ist, so dass sich eine Szene aus der anderen heraus entwickelt. Gestützt wird das durch das spärliche Bühnenbild, zu dem außer dem Tafelfußboden vier Stühle und Tische gehören. Die Lehrerfiguren werden gezeigt, wie sie unter dem Stress einknicken, durch starre Hierarchien eingeengt werden oder sich im Lehrerzimmer durchsetzen müssen. "Gegner" sind keinesfalls immer die Schüler. Vielmehr geht es um das Biotop Schule, das sinnbildlich auch für die ganze Gesellschaft stehen kann, wie die Dramaturgin Pfeil meint. Da wie dort ist die Lage nicht aussichtslos. "Den Lehrer allein als Opfer des Schulsystems darstellen, das wollen wir nun auch nicht", sagt sie. Und so gibt es auch Figuren, die darum kämpfen, dass ihre Schüler gute Noten nach Hause bringen, damit sie zu Hause nicht vom strengen Vater verprügelt werden. Die Einsatz für die ihnen anvertrauten Schüler zeigen. Scheitern und Erfolg sind nicht gesichtslos, auch das zeigt dieses Stück, das immer beim konkreten Beispiel bleibt und es dem Zuseher überlässt, auf Verallgemeinerungen zu schließen.

Wobei im Nachgang zu jeder etwa einstündigen Aufführung theaterpädagogische Gespräche angeboten werden. Ebenso sind auch Vormittagsaufführungen im Programm, um Lehrern mit ihren Schülern den Besuch zu ermöglichen. "Das ist ein Versuch, mal sehen, wie es angenommen wird", sagt Caren Pfeil. Auf Schüler und Lehrer allein als Publikum will man sich ohnehin nicht festlegen lassen.

iPremiere am Donnerstag, 20 Uhr, Societaetstheater

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2013

Uwe Hofmann

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