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"Schützenswert und fragil" - Interview zur Demonstration der Sächsischen Orchester in Dresden

"Schützenswert und fragil" - Interview zur Demonstration der Sächsischen Orchester in Dresden

Heute, 11 Uhr, werden Orchestermusiker von Sächsischer Staatskapelle, Dresdner Philharmonie, Staatsoperette Dresden und Elbland Philharmonie Sachsen am Lutherdenkmal bei der Dresdner Frauenkirche demonstrieren.

Kerstin Leiße befragte dazu Bernward Gruner und Norbert Schuster, Orchestervorstände von Staatskapelle und Philharmonie.

Frage: Ist es ein Novum in der Geschichte der vier Orchester, dass sie sich zu einer solchen gemeinsamen Aktion zusammenschließen?

Norbert Schuster: In der Form und dieser Zusammensetzung ist es ein Novum und soll deutlich machen, dass wir einen Punkt erreicht sehen, der ein geschlossenes Auftreten der Musikerszene dringend notwendig macht. Diese Aktion soll trotz unterschiedlicher Bedrohungslagen ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit denjenigen Musikerinnen und Musikern sein, denen bereits jetzt das Wasser bis zum Hals steht. Dieser Solidaritätsgedanke ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Protestes.

Gehört die Dresdner Aktion zu einer größeren, übergeordneten?

Bernward Gruner: Sie gehört zu einer bundesweiten Aktion, an der sich eine große Zahl der Kulturorchester beteiligen wird.

Worum wird es gehen, und warum findet die Protestaktion gerade jetzt statt?

Norbert Schuster: Am 25. September hat das Bundesarbeitsgericht festgestellt, dass es keinen einklagbaren Rechtsanspruch auf die Koppelung der Verdienstentwicklung der TVK-Orchester (Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern, d.A.) an die Einkommensentwicklung des Öffentlichen Dienstes gibt, auch wenn dies viele Jahrzehnte geübte Praxis war. Aber auch ohne diesen Rechtsanspruch halten wir die Beibehaltung dieser Koppelung für ein berechtigtes Anliegen. Alle angestellten Musikerinnen und Musiker sind Beschäftigte im Öffentlichen Dienst. Es ist nicht einzusehen, weshalb diese Praxis nicht mehr gelten soll.

Bernward Gruner: Am 1. Oktober beginnen die Verhandlungen zwischen DOV (Deutsche Orchestervereinigung, d.A.) und Bühnenverein über die "sinngemäße" Übertragung (so die Gesetzesformulierung) der Tarifentwicklung des Öffentlichen Dienstes auf die einzelnen Kulturorchester. Die Tarifanpassung hat in den meisten Orchestern seit 2010 nicht mehr stattgefunden. Das bringt viele Musiker besonders der kleineren Orchester an existentielle Grenzen, wenn sie schon über Jahre hinweg durch Gehaltsverzicht ein sehr kleines Einkommen hatten, bzw. wenn sich Musiker eine geringere Zahl von Planstellen teilen müssen, wie z.B. auch in Chemnitz geplant. Durch die bundesweite Aktion soll dem Verhandlungsbeginn Schwung verliehen werden.

Außerdem soll eindringlich aufmerksam gemacht werden auf den Umstand, dass die (immer noch) reiche Orchesterlandschaft Deutschlands in ihrer Existenz bedroht ist.

Ist sie in ihrer Gesamtheit bedroht?

Norbert Schuster: Die Zahl der Orchester in Deutschland ist von 1992 bis 2013 von 168 auf 131 reduziert worden. Der Abbau wurde hauptsächlich in den sog. neuen Bundesländern vollzogen. Dieser Prozess scheint aber keineswegs abgeschlossen zu sein. Zusammenlegung von Orchestern sowie Zurückstufung in niedrigere Gehaltsklassen, verdeckte Gehaltskürzungen, Stellenreduzierungen widerspiegeln oft die reale Situation in den Kulturorchestern. All dies verbunden mit sich verschlechternden Arbeitsbedingungen und den daraus resultierenden negativen sozialen Folgen.

Bernward Gruner: Durch Orchesterschließungen, Fusionen, Stellenabbau und tarifliche Abwertung verliert der Musikerberuf an Attraktivität. Die Tendenz ist deutlich sichtbar: Orchester werden kleiner oder verschwinden ganz. Es handelt sich immer um Abbau, nicht um Wachstum.

Wie sieht es konkret in Dresden und Sachsen aus?

Bernward Gruner: Jüngstes trauriges Beispiel ist Chemnitz. Davor war es Radebeul. Im Bild gesprochen: Man stutzt einem Vogel die Flügel. Dann sagt man: Du kannst ja gar nicht fliegen, da brauchen wir dich nicht. Auf jeden Fall ist die Aufmerksamkeit für das ererbte schützenswerte und fragile Gut Orchesterlandschaft zu gering.

Was wollen die demonstrierenden Musiker erreichen und wie?

Norbert Schuster: Wir wollen erreichen, dass sich zukünftige Tarifabschlüsse für Orchestermitglieder nach wie vor konkret an der Einkommensentwicklung des öffentlichen Dienstes orientieren. Wir sind gegen Tarifabschlüsse, die unterhalb der Inflationsrate liegen. Wir erwarten, dass Planstellen an den Orchestern nicht weiter zusammengestrichen werden. Eins unserer wichtigsten Ziele ist die Sicherstellung der von uns ganz selbstverständlich erwarteten hohen Qualität. Dies wird aber nur mit qualifiziertem Nachwuchs und abgesicherten Arbeitsstrukturen möglich sein. Das trifft selbstverständlich auch für sog. kleinere Orchester zu. Wir erwarten, dass die gewachsene Orchesterlandschaft, die eins der bemerkenswerten kulturellen Alleinstellungsmerkmale unseres Landes darstellt, wenigstens in ihrem gegenwärtigen Bestand erhalten bleibt. Auch dafür sehen wir uns aufgerufen, unsere öffentlichen Protest anzumelden.

Bernward Gruner: Wir wollen die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen auf die oben beschriebenen Probleme lenken. Dabei spielt eine große Rolle, dass sich auch die Orchester beteiligen, denen es gut geht, indem sie sich solidarisch zeigen mit den Orchestern und Musikern, die um ihre Existenz kämpfen. In der Sprache der Seefahrt gesprochen: Es genügen nicht die Leuchttürme allein. Es sind auch andere Seezeichen nötig, deren Licht zwar nicht so weit leuchtet, die vor Ort aber existentiell sind für Skipper oder Kapitän.

Wer hat den Hut auf für die bundesweite Demonstration?

Bernward Gruner: Die bundesweite Demonstration ist von der DOV angestoßen, wir als Orchester entscheiden jedoch autonom über die Art unserer Aktion und verantworten diese auch selber.

Wird das eine Einzelaktion bleiben oder wird es eine Fortsetzung und mit welchen Mitteln geben?

Bernward Gruner: Das wird die Zukunft zeigen. Ich denke aber, dass uns viel Arbeit bevorsteht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.09.2013

Kerstin Leiße

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