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Schriftsteller David Wagner im Hygiene.Museum in Dresden

Schriftsteller David Wagner im Hygiene.Museum in Dresden

Es hätte auch ganz anders kommen können. Der Ich-Erzähler in David Wagners Roman "Leben" wird mit schwersten inneren Blutungen in eine Klinik eingeliefert. Im Fall seines Todes wäre er Organspender.

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Lunge, Niere würden ihm entnommen. "Nur meine Leber hätte niemandem geholfen", bemerkt er lakonisch. Denn die ist zu zwei Dritteln von Krankheit zerstört. Ein Jahr später wird er vor dem absehbaren Tod gerettet - mit der Leber eines Spenders, der gestorben ist.

Eine "literarische Krankengeschichte" nennt es der 42-jährige Berliner Autor. Im Dresdner Hygiene-Museum haben jetzt zwei Fachleute dieses Stück Prosa zur heiß diskutierten Organtransplantation im Gespräch mit dem Schriftsteller einmal aus medizinischer Sicht betrachtet. Ein heikles Unterfangen, basiert das Buch doch auf Erfahrungen David Wagners. Auch er lebt mit einer fremden Leber. Erzählt dennoch die Geschichte einer erfundenen Figur. Dies ist durchdacht gestaltete Literatur, kein Tatsachenbericht.

Dr. Thomas Schulte-Vels, der als Psychiater in Zürich Transplantationspatienten begleitet, und der Dresdner Medizinethiker Ulrich Braun vermieden konsequent, dem Autor zu nahe zu treten.

Verständliche Behutsamkeit, die ein Gespräch jedoch nur phasenweise aufflackern ließ. Braun und Schulte-Vels stellten kaum Fragen, interpretierten stattdessen aus ihrer Sicht. Wagner zog sich, so gut es ging, auf seinen Text zurück. Mehr ein Nebeneinander dreier Monologe statt einer Debatte.

Was man als Zuhörer aus diesem Abend mitnehmen konnte: eine Ergänzung zur Literatur. Von Ulrich Braun etwa der Hinweis, wie viel Philosophisches der Roman aufgreift. Dass er so etwas wie Schicksal diskutiert. Allerdings in einer Situation extremsten psychischen Drucks.

Schulte-Vels berichtete, wie Patienten nach Erhalt eines Spenderorgans "Grenzüberschreitungen" durchmachen. Nicht nur fragten sie sich mit Angst, wer sie denn nach der Operation nun seien. Auch Schuldgefühle träten auf: Wem habe ich mein Überleben zu verdanken? Auch auf frühe Kindheitsphasen, auf das Verhältnis zur Mutter, würden sie zurückgeworfen. "Das wird emotional immer komplexer und schwerer."

David Wagner überlegte, suchte nach treffenden Formulierungen, äußerte sich dann zurückhaltend. Schnitt aber eine Fülle schwierigster existenzieller Fragen an. "Bin ich das, was ich bin, nur durch die Krankheit? Wer bin ich nach der Operation?" Wir denken: Es ist nur ein Organ. Er aber zeigt uns: Es geht ums Ganze. Um das Ausgeliefertsein an die Fachmediziner etwa. "Der Körper wird auf gewisse Weise enteignet", erläuterte David Wagner. Die gute Seite: "Man ist der Verantwortung für den eigenen Körper enthoben." Er hat einen feinen Sinn fürs Zwiespältige. Wie sein Protagonist sich etwa von Medizinstudenten betasten lassen muss, sich vorgeführt sieht, zugleich aber die Berührungen als wohltuend empfindet. Ein Mensch, einsam geworden in seiner Krankheit, spürt Zuwendung. In Träumen wird ihm die Rechnung für das Spenderorgan präsentiert. Wem gehört es eigentlich? Ihm? Der Krankenkasse? Der Solidargemeinschaft? Wagner kann mitten in den Erörterungen des Schwersten auch sehr menschlichen Humor zeigen.

Warum er dieses Buch geschrieben hat: "Um zu beschreiben, wie ein Mensch, der eigentlich sterben müsste, durch das Geschenk eines anderen Sterbenden gerettet wird." Antworten könne er nicht geben, nur viele Fragen aufwerfen. Wird einem das Leben geschenkt, gerät "Dank" zum allzu schwachen Wort. Dennoch: "Mein Buch ist eine Art Dankesbrief."

David Wagner: Leben. Rowohlt. 288 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.11.2013

Tomas Gärtner

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