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Schöpfer der neuen polnischen Expressivität: Witold Lutoslawski wäre 100 Jahre alt geworden

Schöpfer der neuen polnischen Expressivität: Witold Lutoslawski wäre 100 Jahre alt geworden

Zwei Komponistenpersönlichkeiten von Weltrang haben wie kaum andere die zeitgenössische Musik Polens wesentlich geprägt: Witold Lutoslawski, der am 25. Januar 1913 in Warschau geboren wurde und dort am 7. Februar 1994 starb, sowie Krzysztof Penderecki, der am 29. November dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feiern kann.

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Witold Lutoslawski am heimischen Klavier.

Quelle: W. Pniewski, L. Kowalski, en.wikipedia

Lutoslawski hat in der Musikgeschichte einen überaus würdigen Platz erhalten, wenn man aber etwa in das Musikleben unseres Landes schaut, begegnet der Name des großen Musikers nicht eben häufig. Schön, dass wenigstens in Dresden das Hochschulorchester mit einer Aufführung eines seiner wichtigsten Werke an Lutoslawskis 100. Geburtstag daran dachte.

Leuchtturm in düsteren Landen

Dabei war er spätestens seit den 1960er Jahren für die damals junge bzw. jüngere Komponistengeneration der DDR ein Leuchtturm in der düsteren Landschaft des sozialistischen Realismus gewesen. Das betraf sowohl sein Schaffen, das für manche polnische wie auch auswärtige Kollegen höchst anregend, ja beispielgebend für neue musikalische Entwicklungen bei unabhängiger politischer Haltung wurde. Und das galt nicht minder für seine eng mit der Gründung und Durchführung des renommierten "Warschauer Herbstes" verbundene Person. Gewährte doch dieses repräsentative, großartige Musikfest nicht zuletzt den "Ostlern" quasi einen Blick durchs Schlüsselloch auf das ihnen weitgehend verwehrte, hier attraktiv ausgebreitete Reich der Freiheit kompositorischer Mittel aus allen Himmelsrichtungen.

Hatten zunächst Vorbilder wie Karol Szymanowski, Igor Strawinsky und Albert Roussel das frühe Schaffen Lutoslawskis beeinflusst, komponierte er nach dem Kriegsende, als er vorübergehend in der Musikabteilung des polnischen Rundfunks tätig war, vorrangig auf folkloristischem Material basierende Musik für Hörspiele, Filme sowie Kinderlieder und Bühnenmusik. Das setzte sich fort in nachfolgenden, damals auch bei uns vielgespielten Orchesterwerken wie dem Schlesischen Triptychon, der Kleinen Suite oder dem Konzert für Orchester und der Trauermusik für Streicher in memoriam Béla Bartók (1958) - Werke, die eine Phase von Experimenten einleiteten, die schließlich zu dem 1961 veröffentlichten und bei der Biennale in Venedig uraufgeführten "Venezianischen Spielen" ("Jeux vénitiens") führte. Mit dieser im erwähnten jüngsten Sinfoniekonzert der Dresdner Musikhochschule nach langer Zeit wiederaufgeführten übrigens der ersten polnischen aleatorischen Komposition vollzog Lutoslawski nahezu spielerisch eine stilistische Wende, die ihm weltweite Anerkennung einbrachte.

Er wurde zum Schöpfer eines musikalischen Stils, der bald als neue polnische Expressivität und als Ausweg aus besonders in westlichen Gefilden dominierender streng serieller Kompositionsweise sowie aus ganz freier Aleatorik begrüßt. Mit der für ihn typischen Bereitschaft zur Neuorientierung assimilierte er - nicht zuletzt nach der Auseinandersetzung mit westlich-avancierter Musik à la John Cage - nacheinander für ihn bedeutungsvolle Prinzipien der Tonalität und der Zwölfton-Reihentechnik mit der persönlichen Eigenart seiner sogenannten begrenzten (d.h. vom Komponisten kontrollierten) Aleatorik, die Elemente des Zufalls, der Improvisation einbezog. Darin sah Lutoslawski keinesfalls eine Minderung, eher eine Steigerung strukturell-emotionaler musikalischer Elemente wie auch der schöpferischen Verantwortung des Autors.

Das reiche Œuvre des Komponisten bot in den vorherrschenden Genres der Instrumental- und Vokalmusik vielfältige Überraschungen, etwa wie er die Aspekte seiner kompositorischen Arbeit immer wieder bereicherte, wo-bei die virtuose, gleichwohl bedächti-ge Schaffensweise jegliche modische Überstürzung mied. Unverkennbar war die Erprobung seiner Ideen das Ziel, wenn nicht gar die Konsolidierung seines Stils, obwohl er dies zunächst so nicht gesehen hat.

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Tod Lutoslawskis sollten vor allem die seit 1980 entstandenen Werke in unseren Konzertsälen endlich erklingen. Die 1. Sinfonie, die zehn Jahre (1949-1959) in Polen wegen formalistischer Tendenzen verboten war, kannten wir hierzulande bereits, desgleichen die häufig gespielte 2. Sinfonie (1967), doch kaum bzw. gar nicht mehr die 3. (1983) und letzte 4. Sinfonie (1992), ferner den "Chain I-III" betitelten Zyklus für Orchester und solistische Besetzungen (1983/86), das Klavierkonzert (1988) und anderes mehr.

Witold Lutoslawski wuchs in einer intellektuellen Familie auf. Die Mutter war Ärztin. Ein Onkel stand im Ruf eines hervorragenden Philosophen. Kein Wunder, dass er neben seiner musikalischen Ausbildung am Warschauer Konservatorium (Klavier und Violine 1924-1932, danach Komposition bei dem Rimski-Korsakow-Schüler Witold Maliszewski 1933-1937) parallel an der Universität seiner Heimatstadt Mathematik studierte, was nicht ohne Folgen für seine kompositorische Laufbahn blieb.

In Warschau lebte und wirkte er lebenslang. Einen ersten großen Erfolg als Komponist errang er 1939 mit den Sinfonischen Variationen für Orchester, die Grzegorz Fitelberg in Paris uraufführte. Nach gelungener Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft sicherte Lutoslawski seine Existenz zunächst zusammen mit dem befreundeten Komponisten Andrej Panufnik. Beide bildeten ein Klavierduo und traten im besetzten Warschau in Kaffeehäusern auf.

Einladungen in Tauwetter-Phase

Als das von westlicher Seite gern Tauwetter genannte und etwas entspannte politische Verhältnis zwischen West und Ost eintrat, erhielt Lutoslawski, inzwischen in führende Position und auch zu internationaler Geltung gelangt, seit Anfang der 60er Jahre zahlreiche Einladungen zu Kompositionskursen in den USA, in Großbritannien und Skandinavien sowie Berufungen und Ehrenmitgliedschaften in bedeutenden Akademien von Hamburg, München, Berlin-Ost bis New York, London und Paris. Die Zahl der ihm seitdem verliehenen Auszeichnungen und Preise, gipfelnd im höchstdotierten Kompositionspreis der Welt, dem Grawemeyer-Preis der Universität Louisville (1985 für die 3. Sinfonie), und im Orden des Weißen Adlers, der höchsten Auszeichnung Polens (1994 für sein Lebenswerk), überschreitet die 20. Dazu kommen noch 16 Ehrendoktorwürden. Bis in seine letzte Lebenszeit war er ein gern gesehenener Gastdirigent führender Klangkörper, beschränkte sich allerdings immer häufiger auf authentische Aufführungen eigener Werke.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2013

Dieter Härtwig

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