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Schöne Frauen und schöne Stilleben von Ernst Hassebrauk im Schloss Pillnitz

Schöne Frauen und schöne Stilleben von Ernst Hassebrauk im Schloss Pillnitz

Das Schlossmuseum Pillnitz unterstützt das Ausstellungswesen der Stadt Dresden merklich. Man konnte - um nur drei zu nennen - hier Bildern von Theodor Rosenhauer, Ferdinand Dorsch und Erich Fraaß begegnen, nun fiel die Wahl auf Ernst Hassebrauk, dessen 100. Geburtstags vor sieben Jahren andernorts quer durch Deutschland, in Dresden selbst und insbesondere auch in Südwestdeutschland und am Niederrhein mit je einem Thema gedacht wurde.

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Ernst Hassebrauk: Tochter eines Milchladenbesitzers, um 1930, Öl auf Leinwand, Privatbesitz. Repro: Schlösserland Sachsen

Wo aber käme das Thema "Eleganz in harten Zeiten / Schöne Frauen und Stilleben" so zur Geltung wie in Pillnitz! Gemeint ist der Widerstand des Kunst-Schönen gegen zwei Diktaturen, die nazistische und die kommunistische. Er malte keine Leni Riefenstahl und keine Frieda Hockauf, hatte jedoch, in allen Jahrzehnten, durchaus auch Herz und Sinn für sogenannte einfache Menschen, die er in ihrer Würde festhielt. "Eleganz" lebt auch in der malerischen Behandlung, dem "Wie" des Impressionisten-Expressionisten-Realisten bei Farbsetzung und Pinselführung.

Dass harte Zeiten sich nicht mir nichts, dir nichts in Luft aufgelöst haben, bestätigt eine neu sich anbahnende Armut, wovon die Diskussion über Eintrittsgeld für den Parkbesuch zeugt.

Zu einem Fixpunkt lenken die mehr als vierzig Gemälde und Pastelle auf eine Radierung aus dem Zyklus "Dresdner Visionen" von 1947/49: die "Allegorie" der plötzlich zerstörten Stadt mit Architektur-Trümmern, menschlichen Skeletten und Schädeln, und darin aufrecht eine grazile einstige Wigman-Schülerin mit Augenmaske und Fächer, dem Bombenterror der Faschingsnacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 entkommen. (Erst über ein halbes Jahrhundert später sollte sie eines natürlichen Todes sterben, alterschwach, gestürzt, verdurstet, verhungert und verkotet, nicht verarmt, aber misstrauisch vereinsamt.)

Blind und verspielt war der Künstler nicht, als er sich einer Gegenwelt zuwandte. Er zeichnete in Großsedlitz und im Großen Garten die steinernen Schönen der Mythologie: Göttinnen und Sphinxen und Putti. So wie wenig später die von der Siegermacht zurückgegebenen Kunstschätze der Dresdner Museen, adaptierte gern Pastelle der Rosalba Carriera und blumenbesetzte Meißner Porzellane... Er mied literarische Bildtitel, hätte aber vielleicht den von der Kuratorin für ein Stilleben dreier schlanker Silberkannen gutgeheißen: "Die drei Grazien".

Wo immer es möglich war, malte Ernst Hassebrauk die Lebenden, und am liebsten in schönen Kleidern mit schönen Accessoires. Er meisterte differenzierend das Stoffliche, Samt ist Samt und Seide Seide, wie Silber Silber ist und Porzellan Porzellan. Zur Eleganz gehörten Handschuhe (in allen Farben) und Hütchen (in allen Formen). Er war ein Frauenlob, und er hasste - vielleicht gerade darum - alles Pornographische, das doch den großen Otto Dix und George Grosz diebisch vergnügte, zuvor sogar Meister Max Klinger.

Die Vanitas war ihm vertraut, aber nicht deren bittere Karikatur, die der von ihm hoch verehrte Goya auf die Spitze stellte mit dem Capricho "Hasta la muerte" (Bis zum Tod): eine häss- liche uralte Herzogin oder Kokotte, vor dem Spiegel mit ihrem Kopfputz posierend.

Ernst Hassebrauk beließ es meist nicht nur beim Bildnis, er verlangte die ganze Figur wie nur wenige der Dresdner Moderne. (Heute hat er da einen souveränen Nachfolger in Hubertus Giebe, der nun schon auf die 60 zugeht.) Hassebrauk war nicht typfixiert, hüllte Frauen in jeweilige Stimmungen, eine in ein grünes Gewand, eine andere in ein braunes, eine dritte in ein hellblaues, wieder eine andere in ein violettes. Das alles zusammen ist gleichsam ein Katalog erotischer Ausstrahlung und mag den modernen Besucher an die einstige Pillnitzer Schönheiten-Galerie, den "Venus-Tempel", erinnern, der Anfang des 19. Jahrhunderts buchstäblich Feuer fing.

Feuer gefangen hat auch die Museologin Iris Kretschmann bei Beschaffung und Zusammenstellung der köstlichen Überschau, bekennend, sie habe sich während der Arbeit postum in Hassebrauk verliebt. Sie hat Vitrinen mit Foto-Dokumenten (vor allem der in jungen Jahren sehr aparten Charlotte, der Ehefrau) und greifbaren Gegenständen getrüffelt. So sieht man neben einer Palette und Pinseln einen großen Holzkasten "Mengssche Pastellfarben. Nach Original-Rezepten von Raphael Mengs". Der Inhalt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war noch nicht aufgebraucht, als Hassebrauk 1974 starb.

Die Stilleben sind weiblich orientiert. Eines aus den dreißiger Jahren zeigt Lackgürtel, Handschuhe, Handspiegel und geöffnetes Täschchen, ein anderes Ripsbänder, Handschuhe und Opernglas, eines zwischen 1940 und 1950 einträchtig Obst und Gemüse und ein an Claude Monet inspiriertes Einweckglas mit Aprikosen, alles allemal Dinge aus der unmittelbaren Umgebung von Ernst und Charlotte, Dinge, die auch benutzt oder wie in letzterem Falle - als Mangelware - mit Appetit gegessen wurden. Zwei kleine schmale Frühstücksstilleben, eines mit Tasse, eines mit Brezel, haben den Charakter von Supraporten über geheimen Kabinett-Türen. Unvollständig wäre die Ausstellung ohne Rosen, hat das Neustädter Elbufer doch den duftenden Rosengarten und ist in der Oper immer das Gedächtnis an den "Rosenkavalier" lebendig.

Von allen Dresdner Malern der Moderne war Hassebrauk derjenige, der und dem Pillnitz am meisten verdankt. Er hat in der - eleganten - Parklandschaft fast alles gezeichnet, auch drinnen im Schloss den Audienzsessel Augusts des Starken, der als Zeichnung die Schuber-Rückseite des von Fritz Löffler verfassten Hassebraukschen "Dresdner Bilderbuchs" ziert und insgeheim die Besucher zu dieser Ausstellung einlädt. Dieter Hoffmann

Sonderausstellung im Schlossmuseum Pillnitz bis 31. Oktober, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Montag geschlossen

www.schlosspillnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2012

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