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Schlüssel zu Türen, die es nicht gibt - Objekte von Marco Miersch

Schlüssel zu Türen, die es nicht gibt - Objekte von Marco Miersch

Wenn man den Flur der Galerie "Kunstraum Pillnitz" betritt, befindet sich an der linken Wand ein entkernter Flügelaltar, ein nur aus Brettern bestehender, wackeliger Schrank-Schrein, durch den der Wind der Zeit zu blasen scheint.

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Dieser aus Schotter und Ton gezogene Weltkreis ist Teil einer Installation im Kunstraum.

Quelle: Galerie

Als ob der Künstler damit unsere Zeit charakterisieren möchte, die sich von Glauben und Religion immer weiter entfernt hat und in der Friedrich Nietzsches Gottesverleugnungen wahr geworden sind.

An die Stelle Gottes, so denkt man, hat Marco Miersch (geb. 1974 in Nairobi/Kenia), in Dresden lebender Installationkünstler und Bildhauer, den Traum gesetzt, von dem er sich Anregungen und neue Kräfte verspricht. Seine fein präparierten Nachtgesichte sind Inhalt einer Ausstellung, die funktionale Dinge und eingeübte Räume ins Blickfeld rücken, sie verfremden und dabei eine neue Förmlichkeit erschaffen. Seine afrikanische Kindheit in einer anderen und fremden Welt war wohl dabei prägend. Aber auch seine Brotarbeit als Nachtzugschaffner mag dazu Einiges beisteuern.

Miersch entdeckt in den Nächten seiner Träume neue Ausdrucksformen und Ideen für seine Tagarbeit, die Achaisches und Tradition mit einer wertfreien Modernität verbindet und die dem Schlafbewusstsein abgelauscht wurde. Dass dabei manipuliert wird, versteht sich von selbst, wenn man eigene Traumarbeit leistet. Erlebnisse, Stimmungen und eine Narkotika freie Psychedelik schaffen die Grundlagen dafür, "dass das Leben das Experiment des Erkennenden sein dürfe", wie Nietzsche sagt: und dann noch klarer: dass "das Leben ein Mittel der Erkenntnis ist".

Was da entstand, wirkt zunächst verwirrend und fremd, wie die Träume der anderen. Im Zentrum des Raumes schwingt an Drahtseilen eine aus Ton von abgeformten Reifen und Eimern bestehende Konstruktion über einem aus Schotter und Tonabfällen gezogenen Weltkreis wie ein spiritistisches Pendel. Die Installation, in die ein mit orangefarbenen Händen drapiertes Tuch, ein grüner Vorhang (stammt aus einem Ateliergebäude) und der eingepackte Konzertflügel (ist hier stationär aufgestellt) integriert wurden, nannte Miersch "Masustrisches Pendel", ein geheimnisvolles Wort, das nach Zarathustra und Alchemie klingt. Die logische Deutung des Ganzen verbietet sich von selbst, herrscht doch hier die Irrationalität des Traumes, die, wenn überhaupt, nur dem Therapeuten zugänglich ist.

Gegenüber dem Pendel reihen sich Dinge, die ihre Traummetamorphose unbeschadet überstanden haben. Sie sind Protagonisten einer Installation, die noch in Arbeit ist, gewissermaßen im Zwischenzustand. Darunter ein schwarzer spitzhütiger Kopf ("Maske"), eine Metallkonstruktion ("Schlüssel"), eine Art tragbarer Schrein (Bundeslade), eine eingeschreinte Alraunen-Wurzel sowie eine auf einem hochfüßigen Gestell ruhende Amphore (alle Stücke, insofern Ton, wurden selbst gefertigt, aber auch aus Fundstücken zusammengesetzt).

An einer Wand sind fünf kleine Glaskästchen angebracht, in denen sich jeweils ein handgroßes, schwarzgefärbtes Objekt ("Salzteigornament") befindet. Hier treffen neben der afrikanischen (Fetisch) und der europäischen Kultur (Spinnrocken) auch eigene Form- und Farberfindungen aufeinander, die Miersch zu etwas Neuem umgeformt hat. Die radförmigen Konstrukte wirken, ähnlich nächtlichen Träumen, wie geheimnisvolle Schlüssel zu Türen, die es nicht gibt.

Zwei handgefertigte Siebdruckbücher illustrieren die Arbeit an den Installationen, dokumentieren und skizzieren geplante Vorhaben, sind aber auch als eigenständige künstlerische Leistungen aufzufassen. Nach einer Holzbildhauerlehre in Flensburg studierte Marco Miersch von 2003 bis 2009 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und war Meisterschüler bei Prof. Carl Emanuel Wolff und Prof. Martin Honert.

Bis 11. Dezember, Kunstraum Pillnitz, Wilhelm-Wolf-Straße 1b, Kontakt: 0351/21 06 69 56 und 2 65 44 35, Internet: www.kunstraum-pillnitz.de, geöffnet sonnabends 10-13 Uhr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.11.2011

Heinz Weißflog

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