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Schillers einzige Komödie "Der Parasit" als gelungener Streich im Dresdner Schauspielhaus

Schillers einzige Komödie "Der Parasit" als gelungener Streich im Dresdner Schauspielhaus

Er ist biegsam, er ist flexibel, er weiß zu gefallen. Er erreicht beinah seine Ziele: Gesandter sein (vorzugsweise in Italien), die Ministertochter Charlotte als Frau geschenkt bekommen, Nebenbuhler und Konkurrenten eliminieren.

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Auch krude Masken fallen irgendwann: Ahmad Mesgarha (Selicour, l.) und Torsten Ranft (La Roche).

Quelle: David Baltzer

Er ist gefürchtet. Er tanzt mit seinen Untergebenen - ein Tanz der Schlange vor dem Würgegriff. Am Ende legt er den Kopf auf den Schoß des Ministers, umklammert seine Beine und jammert - ein skrupelloser Bürokrat, der sich in ein Schoßhündchen verwandelt, nachdem sein Intrigengespinst aufgedeckt worden ist. Folgerichtig wird der "Parasit" aus dem Kreis der Ehrbaren und Gerechten davongejagt. In der Inszenierung von Schillers Lustspiel "Der Parasit" in der Regie von Stefan Bachmann (eine Kooperation mit dem Nationaltheater Mannheim und den 17. Internationalen Schillertagen) muss Ahmad Mesgarha, der diesen Parasiten Selicour spielt, am Ende splitterfasernackt durch den Zuschauerraum irren. Kaum an der rettenden Tür angelangt, wird er von den anderen wortlos, durch ausgestreckte Zeigefinger von der Bühne aus zum gegenüberliegenden Ausgang dirigiert. Ein kompromissloser Weg der Scham - betrogene Bürger bestrafen Karrieristen. Doch schon bekommt das süße Rachegefühl einen Dämpfer: "Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne", verkündet als Schlusswort Philipp Lux in der Rolle des Ministers Narbonne. Recht hat er.

Bühnenbildner Olaf Altmann hat dieser vermeintlichen Gerechtigkeit verdammt enge Grenzen zugestanden. Ein bühnenhoher, nicht sehr tiefer Raum ragt in der Mitte der Bühne hervor, darin steht nur eine schwarze Couch. Der Raum ist flankiert von schwarzen Wänden, die den gern im Dunkeln agierenden Herren Bürokraten Schutz bieten. Der Clou des Bühnenbilds: Der hohe Bühnenraum ist eine Drehkreuzkonstruktion - ein Beamtenkarussell dreht sich hier, das Protagonisten reinbringt und rausbringt, fast zerquetscht, durch enge Spalte zwingt oder sich zu leichter Musik (Sven Kaiser) einfach nur dreht und Einblick in die einzelnen Kämmerlein, privat oder dienstlich, gewährt.

Doch es ist nicht die kurze Zeit, die man auf einer glückseligen Insel der Gerechtigkeit verbringen darf, die einen gut gelaunt nach Hause spazieren lässt. Dem Inszenierungsteam um Bachmann und den Dresdner Schauspielern ist mit der einzigen Komödie Schillers, die lange Zeit mit spitzen Fingern angefasst und selten gespielt wurde, ein komödiantischer Streich gelungen. Aus dem Lustspiel-Stoff, der aus heutiger Sicht auf dünner, voraussehbarer Dramaturgie baut, entstand eine würdevolle Groteske bürokratischer Machenschaften und menschlicher Schwächen. Dabei hat Schiller selbst ein bisschen geschummelt. Herzog Carl August von Weimar hatte sich für sein Theater französische Komödien gewünscht. So übersetzte Schiller 1803 in kurzer Zeit die Komödie "Médiocre et rampant ou Le moyen de parvenir" von Louis-Benoît Picard (1769-1828), damals ein angesehener Lustspielautor. Schiller wandelte Picards Verse in Prosa um und fügte einiges hinzu. So entstand das Lustspiel "Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen" von Friedrich Schiller - bei der Uraufführung erwähnte man die Vorlage nur mit der Bemerkung "nach dem Französischen".

Ob nur ein bisschen Schiller oder etwas mehr in "Der Parasit" drin steckt, ist bei dieser Inszenierung unwichtig. Dass die Komödie Vergnügen bereitet, liegt an der künstlerischen Überhöhung, die jedoch wohl dosiert ist - hier weniger, dort sehr viel. So ist das zueinander strebende Liebespaar, die Ministertochter Charlotte (Ines Marie Westernströer) und der dichtende Karl (Matthias Luckey) zurückhaltend brav. Die jungen Leute wagen höchstens mal ein schüchternes Verbeugen, um sich im Kreis der Erwachsenen anzulächeln, unter strenger Beobachtung der matronenhaften Ministermutter Madame Belmont (Hannelore Koch) - in verblendeter Verzückung wünscht sie sich den geschmeidigen Selicour zum Gemahl für die Enkelin. Karls Vater, der um Ehrlichkeit und Fairness bemühte Firmin, wird von Lars Jung auch sehr dezent gespielt - ein naiver Idealist, der fast gezwungen werden muss, Gesandter zu werden. Dienstbeflissen auch, doch mit der weisen Lässigkeit eines hauseigenen Südstaaten-Dieners, übermittelt der weißhaarige, gebrechliche Kammerdiener Michel (Christian Clauß) seine Botschaften und muss tapfer Blessuren und Quetschungen ertragen. Dennoch vollführte Clauß zur Premiere beim Verbeugen einen sportlichen Luftspagat - die ganze Gebrechlichkeit, nur gespielt. Benjamin Höppner in der Rolle von Selicours Vetter stand ebenso quicklebendig zum Applaus da - vorher hatte ihn Selicour in einer schwarzen Couch verschwinden lassen, weil ihn der Vetter als skrupellos und hartherzig entlarven wollte. Eine gute Figur macht ebenso Philipp Lux als Minister Narbonne - trotz des unproportionierten Wohlstandsbäuchleins zur schlaksigen Figur. Er ist eine sanfte Karikatur der Macht, ist korrekt und lässt sich doch manipulieren, ein funktionierender Politiker - lediglich ein grunzendes Glucksen beim Lachen lässt ein bisschen Individualität zu.

Der verordneten schauspielerischen Zurückhaltung setzen zwei Figuren die Krone durch Überzeichnung auf. Torsten Ranft als von seinem Posten vertriebener La Roche tobt und agitiert zum Rachefeldzug, was zum Totlachen komisch ist. Dazu trägt er bis zur Pause einen dunkelrosa Anzug - womöglich hat die Kostümbildnerin Barbara Drosihn neben einem wütenden Ranft so lange Farbmuster hingehalten, bis sie den richtigen Farbton zu seinem wutrot angelaufenen Kopf gefunden hat. Passt perfekt! Dazu noch der Gegenspieler, der Titelheld, der "Parasit" Selicour, gespielt von Mesgarha - eine exzellente schauspielerische Leistung! Er verleiht dieser karrieregeilen Kreatur die Aura eines Blenders. Die Regie setzt bei den Begegnungen von La Roche und Selicour noch einen drauf - sie kommen von beiden Seiten auf die Bühne, dazu angedeutete Takte Cowboy-Film-Musik - "High Noon" auf Bürokratisch.

Nach dem Erfolg zu den 17. Internationalen Schillertagen in Mannheim ist Stefan Bachmanns Inszenierung von Schillers "Der Parasit" auch in Dresden gut angekommen, wie die heitere Stimmung und der heftige Beifall zur Dresdner Premiere zeigten.

nächste Aufführung: morgen, 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.07.2013

Bistra Klunker

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