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„Schein & Chock“: Der Dresdner Künstler Hubertus Giebe in der Städtischen Galerie

Personalausstellung „Schein & Chock“: Der Dresdner Künstler Hubertus Giebe in der Städtischen Galerie

„Schein und Chock“: Das passt zu Hubertus Giebes in die Tiefen der geschichtlichen Verstrickungen des 20. Jahrhunderts lotenden Kunst, die aber ebenso Akt, Porträt, Landschaft und Stillleben pflegt. Dem Dresdner Künstler widmet die Städtische Galerie Dresden jetzt eine große Personalausstellung.

Der Maler Hubertus Giebe vor seinem Porträt Dieter Hoffmanns (1994).
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Eine welthaltige, „eingreifende“ Kunst – Bilder von ihm hängen in Museen und Sammlungen in ganz Deutschland, ebenso in St. Petersburg oder San Francisco – ist für Hubertus Giebe (Jg. 1953) ebenso selbstverständlich wie das „Eingreifen“ mit Rede und Schrift, wenn es nötig scheint. Erinnert sei an sein Auftreten bei der Kundgebung am 19. November 1989 auf dem Dresdner Theaterplatz, an den Protest gegen die umstrittene Weimarer Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ (2000), an Publikationen wie den Essayband „Der geschliffene Elfenbeinturm“ (2010). Ebenso beteiligte er sich mit Vehemenz an der Initiative Dresdner Bürger für eine Städtische Galerie, mit deren Eröffnung 2005 nicht zuletzt an das Wirken Paul Ferdinand Schmidts, des wegen seines Engagements für die Moderne 1924 geschassten Direktors der Städtischen Sammlungen, angeknüpft werden sollte. Mittlerweile ist die Sammlung im Landhaus eine weithin anerkannte Einrichtung, auf deren Konto auch eine Vielzahl sehenswerter Personalausstellungen geht.

Auf dieser Liste fehlte allerdings bisher der Name Giebe. In Erinnerung ist derweil die unter dem „Dach“ Stadtmuseum 1998/99 realisierte Doppelschau mit dem Bildhauer Frank Maasdorf. Fast zwanzig Jahre später und nach großen Ausstellungen und Ehrungen in Oldenburg (2003), Düsseldorf (2006), Soest (2007) oder Kassel (2013) war eine repräsentative Personalschau – sie zeigt 28 Gemälde der Jahre 1972 bis 2014 sowie sechs plastische Arbeiten, die zwischen dem Ende der 1990er Jahre und 2015 entstanden – sozusagen „fällig“, wie Gisbert Porstmann, Direktor der Städtischen Galerie, gestern bei der Vorstellung der Schau „Schein und Chock“ einräumte.

Hubertus Giebe

Hubertus Giebe. Sommergarten, 2006. Besitz des Künstlers.

Quelle: Robert Vanis, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

„Schein und Chock“: Das passt zu Giebes in die Tiefen der geschichtlichen Verstrickungen des 20. Jahrhunderts lotenden Kunst, die aber ebenso Akt, Porträt, Landschaft und Stillleben pflegt. Gleichwohl ist das „Gewicht“ des Künstlers in hohem Maße von seinen Geschichtsbildern bestimmt, die nicht zuletzt von Literarischem wie Günter Grass’ „Blechtrommel“, den Schriften Walter Benjamins oder Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ zehren. Bilder wie „Die Schuld“ (1981), „Der Widerstand – für P. Weiss“ (1984) oder der übergroße „Anarchist“ (1989/90) gehören zweifellos zum Kern der Ausstellung. Giebe ist wirklich kein Maler des „schönen Scheins“, womit auf den Ausstellungstitel zurückzukommen wäre: Der verdankt sich einem Text Benjamins von 1939 zu Charles Baudelaire, in dem er im „Chock“ eine Vorbedingung modernen künstlerischen Schaffens sah. Natürlich malte Giebe auch ein Bild unter dem Titel „Schein & Chock (für Walter Benjamin)“. Es hängt im Ludwig-Museum des Russischen Museums St. Petersburg.

„Schein & Chock“ – diese auf das „hinter die Oberfläche Schauen“ gerichtete Fragestellung – treibt den Maler generell, auch bezüglich des eigenen „Ich“ und der Künstlerexistenz. Fast gespenstisch wirken die Atelierbilder mit Puppen, beängstigend, auch traurig, das Motiv des „Schaustellers“ (1992), dem ein Zwerg den kalten Wind der Zeit entgegen bläst. Besonders seit den 2000er Jahren zeigt sich bei solchen und anderen Bildern – der Katalog erweitert das Blickfeld über die Ausstellung hinaus –, dass sich Elemente des Bildkanons von Giebe zur wiederholt genutzten Metapher entwickeln. Das gilt für den Zwerg, der sich Grass’ Oskar Matzerath verdankt und mittlerweile ganz unterschiedliche Existenzweisen bis zu einer Art sächsischem „Michel“ annimmt – in der Ausstellung plastisch „mit Schatten“ präsent. Das gilt ebenso für Kreuze, Räder (vielleicht ursprünglich zum Schaustellerkarren gehörend), Mondformen, Fuß, Hand und anderes. Auch Schädel entwickeln ein Eigenleben, wobei die große Bronzeskulptur eines solchen (2005) in der Ausstellung, das unruhige Innere, das man von Giebes Bildern gleichen Themas kennt, ahnen lässt.

Hubertus Giebe

Hubertus Giebe. Die Schuld, 1981, Öl auf Leinwand. Städtische Galerie Dresden

Quelle: Gerhard Döring, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Dem „Dahinter“blicken entkommen auch Porträts und Selbstporträts nicht. Der Künstler ist kein Schönmaler – das gilt auch für seine Akte –, aber er schafft Menschenbilder, deren Protagonisten aufmerksam, oft auch voller Skepsis wie der junge Giebe auf seinem „Selbstbildnis mit Mohnblumen“ (1974) und manchmal auch mit Ironie, ja Sarkasmus, wie Christoph Tannert auf dem bekannten Doppelbildnis (1983) in die Welt blicken. Eindrücklich ist Hubertus Giebes Selbstbildnis von 2014, das Reife, Selbstbewusstsein und die Kämpfernatur ahnen lässt. Dass der sich nun auch große Landschaften „gönnt“, die den Blick des Betrachters soghaft anziehen, vervollständigt das Schaffensbild.

Das in der Schau im klugen Ausschnitt gezeigte, in mehr als 40 Jahren gereifte Werk zeugt von einer Persönlichkeit, die wohl immer danach strebt, das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Dabei versicherte sich der junge Giebe bedeutender „Wegbegleiter“. Er hatte – das zeigt die Schau mit einigen frühen Werken – „Dix im Blick“ und damit die für die Moderne in Dresden so bedeutenden 1920er/frühen 30er Jahre. Als er feststellen musste, dass das an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste eher nicht gefragt war, ging er nach Leipzig zu Bernhard Heisig, wo er expressiver wurde, sich zudem in Beckmanns Werk, aber auch das Kokoschkas vertiefte. Man kann es durchaus einen Verlust nennen, dass der Künstler seine 1979 begonnene Lehrtätigkeit an der Dresdner Kunsthochschule 1991 beendete.

Angemerkt sei abschließend: Gisbert Porstmann kann sich über die Schenkung dreier Giebe-Gemälde für die Sammlung freuen, ebenso auch – dies ist gestern etwas untergegangen – über vier Giebe-Werke aus der Sammlung des mit Dresden und seiner Galerie aufs Engste verbundenen Kunstpublizisten Dieter Hoffmann.

Bis 8. Januar 2017, Di – Do, Sa und So jeweils 10 bis 18, Fr bis 19 Uhr (ab 12 Uhr Eintritt frei), Katalog 24 Euro, Rahmenprogramm siehe Flyer und www.galerie-dresden.de

Von Lisa Werner-Art

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