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Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz nimmt die Ost-Prägung gen Westen mit

Interview zum Abschied Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz nimmt die Ost-Prägung gen Westen mit

Seit 2009 war er Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, demnächst geht er nach Düsseldorf. Wilfried Schulz resümiert im DNN-Interview vor allem auch die gesellschaftspolitische Variante seiner Arbeit an der Elbe.

Wilfried Schulz
 

Quelle: dpa

Dresden.  Seit 2009 hat Wilfried Schulz die Geschicke des Staatsschauspiels Dresden geleitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Auslastungstechnisch ist das Theater ganz vorn dabei unter den deutschen Bühnen, und die inhaltliche Außenwahrnehmung der Inszenierungen geht damit konform. Eine kleine Bilanz, die natürlich viel mit Gesellschaftspolitik zu tun hat, kurz vor seinem Weggang nach Düsseldorf.

 
 An der Wand Ihres Dresdner Büros hängen schon die Düsseldorfer Aufführungspläne. Eine Zeit zwischen zwei Häusern. Wie viel von Ihnen, Herr Schulz, ist denn noch in Dresden, wie viel schon in Düsseldorf?

 Wesentliche Teile von mir sind noch in Dresden, sowohl Kopf als auch Herz. Natürlich bereite ich Düsseldorf im Augenblick vor, bin aber die überwiegende Zeit immer noch hier. Das Agreement war: Wir machen Dresden mit voller Kraft bis zur letzten Minute, inklusive Abschiedsfest nach sieben Jahren. Das ist aufwändig, da muss man sich manchmal verdoppeln.

Sieben Jahre, Sie haben es angesprochen. Ich will aber nicht mit der fälligen Frage nach Ihrer Bilanz beginnen, sondern wissen: Was hätten Sie in Dresden gern noch gemacht? Haben Sie das Gefühl, etwas sei unerledigt geblieben?

(kurze Pause) Aus der Arbeit heraus entstehen bis zur letzten Minute neue Ideen, die man gern umgesetzt hätte. Seit einem Jahr machen wir das Montagscafé als Ort der Begegnung zwischen Dresdnern und Geflüchteten. Zu sagen, es läuft erfolgreich, wäre fast zynisch. Sagen wir so: Es wird wirklich gebraucht. Bis zuletzt habe ich mit Ministerien und gesellschaftlichen Institutionen Gespräche darüber geführt, wie es dauerhaft unterhalten werden kann. Darüber hinaus könnte in Dresden über ein interkulturelles Zentrum mitten in der Stadt nachgedacht werden, das fände ich ein großartiges Zeichen. Das Theater würde sich an so einem Zentrum beteiligen, das Know-how zur Verfügung stellen, die Erfahrung unseres Montagscafés. Wenn ich noch bliebe, würde ich sagen: Lasst uns daran arbeiten. Denn die gesellschaftspolitische Problematik, die damit verbunden ist, wird uns die nächsten zehn Jahre bewegen – mindestens. Der Oberbürgermeister Dirk Hilbert hat gesagt, er wolle, dass Dresden eine Modellstadt im Umgang mit Flüchtenden wird. Ein großes interkulturelles Zentrum, für das Stadt und Freistaat Geld in die Hand nehmen, um Fremde zu begrüßen und auch zu integrieren, wie es so anspruchsvoll und fordernd heißt, würde gut zu diesem Gedanken passen. Dresden sollte positive Signale setzen.

Außerdem hätte ich gern das Probebühnenzentrum eingeweiht, das sage ich auch weiterhin in jedem Interview (lacht). Das ist ein Versprechen, das offen bleibt. Gute Probenräume fehlen sowohl dem Theater als auch der Semperoper. Für das Zentrum gibt es viele tolle Pläne, es hat sich aber in irgendwelchen Immobilienstreits festgefressen. Es liegt also nicht an der Politik, es liegt nicht mal am Geld. Die Einladung zur Einweihung werde ich dann gerne annehmen und komme, woher auch immer.

Tja, und sonst hätte ich gern noch ein paar Regisseure nach Dresden geholt. Frank Castorf, der sich demnächst wieder etwas freier in der Landschaft bewegt, gehört dazu. Nicht, weil er die Avantgarde der Avantgarde ist, sondern ein wichtiger und aktueller Teil unserer Theatergeschichte und Gegenwart. Auch Herbert Fritsch hätte ich gern noch eingeladen, einen anderen alten Weggefährten. Diese beiden Pole – Castorf in seiner radikalen, immer gesellschaftsbezogenen und provozierenden Ästhetik und Fritsch mit seinem verspielten, manchmal eskapistischen Dadaismus – hätte ich gern noch zur Arbeit in Dresden oder für größere Gastspiele gewonnen. Aber das bleibt ja auch reizvoll für meine Nachfolger.

Die Gesellschaftspolitik haben Sie schon angesprochen. Sie spielt vor allem in Dresden mit dem Aufkommen von Pegida wieder eine größere Rolle. Es ist eine theoretische Frage, zugegeben. Aber: Müssten Sie jetzt nicht besser hierbleiben?

Ich habe das in der Tat überlegt. Die Entscheidung fiel wenige Monate vor dem ersten Auftauchen von Pegida. Im Herbst 2014 hatte ich Düsseldorf zugesagt, wenig später standen Pegida und dann auch die AfD vor der Tür. Die damit aufkommenden Themen haben uns ja schon die Jahre davor beschäftigt: Fremdheit, Fremdenfeindlichkeit, Populismus, Infragestellen demokratischer und zivilisatorischer Grundwerte. Neu war plötzlich die Massivität des Ganzen.

Man identifiziert sich ja mit der Stadt und ich gehe auch nicht leichten Herzens, muss ich sagen. Wir haben hier viel bewegt – und uns hat viel bewegt. Man fühlt sich in einer Verantwortung und will das Beste, nicht nur als Theaterdirektor, sondern auch als Einwohner und Bürger Dresdens. Einen Moment lang gab es jedenfalls das Gefühl: Vielleicht werde ich hier noch gebraucht. Obwohl da natürlich auch eine kleine Arroganz drinsteckt. Denn Interimschef Jürgen Reitzler und danach Joachim Klement werden sich ihrerseits ebenfalls  an diesen Themen abarbeiten. Das sieht man ja schon im Spielplan 2016/2017. Also muss ich nicht eitel sagen: Ich muss hier noch weitermachen und ohne mich geht’s nicht. Dresden braucht viele wache Bürger – und dazu gehören die im doppelten Sinn engagierten Künstler.

Es hat mich einfach gereizt, noch einmal so ein neues großes Projekt anzufangen. Unter schwierigsten Bedingungen. Denn in Düsseldorf geht im Moment nicht gerade die Post ab. Ich sitze im Gegenteil öfter hier und sage: Das Dresdner Publikum werden wir uns noch zurückwünschen, vielleicht auch die kritische Kritik.

Aber einen besseren Platz als Düsseldorf gibt es doch andererseits zurzeit kaum für einen Theatermacher. Sie dürften es ohne weiteres schaffen, das dortige Haus aus seiner desolaten Lage zu führen. Dann trägt man Sie auf Händen und baut Ihnen irgendwann zum Abschied vielleicht gar ein Denkmal...

Da sind die Mentalitäten unterschiedlich. Derzeit nerve ich die Politik in Nordrhein-Westfalen. Es ist ja auch mein Job, das zu tun. Ich hätte es mir nur ein bisschen leichter gewünscht. Es ist schwierig, einem Haus eine Identität zu geben, wenn man – aus bauplanerischen Gründen – kein Haus hat. Es ist konzeptionell und praktisch kompliziert. Das Theater in Düsseldorf ist derzeit in einem großen Durcheinander. Wir haben versucht, im Vorfeld die Verhältnisse zu ordnen. Nun sind wir aber mit den Konsequenzen von – ich hätte fast Baukatastrophen gesagt – nicht sehr gut koordinierten baulichen Vorhaben konfrontiert. Ich könnte Bücher schreiben über die Verhältnisse zwischen öffentlicher Hand und Investoren im städtischen Zusammenhang und über die Durchsetzung lobbyistischer Interessen. Doch jetzt bin ich engagiert und mache es. Mal sehen, wie wir die Dinge für die Kultur konstruktiv wenden können.

Worauf ich gespannt bin: Hier ist wilder Osten, dort ist wilder Westen. Ich habe im Leben immer versucht, mir die entferntesten Pole zu suchen, damit man nicht in den Gedankengang rutscht: Ich weiß ja, wie’s geht. Die Strukturen der Städte und Theater sind so unterschiedlich, auch die Spannungen in der Gesellschaft. Die gibt es in Düsseldorf ebenfalls, das ist nicht das Paradies. Die Frage von arm und reich ist dort ein großes Thema. Das klafft dort natürlich viel weiter auseinander als in Dresden. Was in Düsseldorf an Kapital in der Stadt ist oder an Firmen, das bestimmt natürlich auch die Strukturen mit. Und die Transformation der Demokratie äußert sich anders, ist aber spürbar.

Stichwort Ost-West. Welche prägende Ost-Erfahrung nehmen Sie mit?

Was hier sehr stark ausgeprägt ist – und ich will das erstmal positiv formulieren –: das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, nach Nähe, nach Wärme. Das merkt man selbst an den Entgrenzungen, die es gibt. Das sieht man auch, wenn wir „Graf Öderland“ inszenieren. Dann stehen 30 Leute mit einer Fackel auf der Bühne und sagen: Ich möchte dabei sein. Die Sehnsucht nach Kollektivität, nach Community, könnte man modern sagen, dem Gefühl, dass für alle dieselben Regeln gelten in diesem Kontext – all das ist hier sehr groß, finde ich. Und es ist ein großer Wert – der auch Ungeheuer gebiert. Doch er muss ja kein rückwärtsgewandter Wert sein oder bleiben, er könnte theoretisch auch eine Utopie kreieren.

In Düsseldorf, das noch viel mehr Westen ist als Hannover oder Hamburg, ist der Individualismus sehr viel stärker ausgeprägt, die Eigenverantwortung, dass jeder seine Kämpfe kämpft. Auch das hat Vor- und Nachteile. Dort wird haarigen Situationen weniger ausgewichen, es hat aber auch den Grad einer gewissen Gnadenlosigkeit. Das ist in der Mentalität der Leute zu beobachten. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Wir, die wir nach Düsseldorf gehen, werden dort wohl eher die Erklärer sein, warum die Dinge hier so sind und wonach sich die Leute hier sehnen. Wir werden uns sicher auch ärgern über Dresden, wenn wir ab und an in die Zeitung gucken. Aber man ärgert sich meist über das, was einem nahe gekommen ist und einem zugehört – nicht über das, was einem egal ist.

Es gibt ja auch eine Art personellen Austausch von Dresden und Düsseldorf. Sie gehen als Intendant an den Rhein, Marion Ackermann kommt als Museumschefin an die Elbe.

Wir kennen uns sehr gut und hatten uns schon sehr auf eine Zusammenarbeit in Düsseldorf gefreut, viele Pläne und Gedanken gewälzt. Frau Ackermann ist ein großartiger Gewinn für Dresden und die Staatlichen Kunstsammlungen, besonders weil sie von der modernen Kunst kommt und das auch offensiv lebt und vertritt. Wenn jeder am neuen Ort angekommen ist, werden wir vielleicht einmal spielerisch darüber nachdenken, ein gemeinsames Ost-West-Projekt zu machen. Ich nehme aus Dresden eine große Lust und ein Bedürfnis mit, darüber zu erzählen. Wäre ich vor zehn Jahren nach Düsseldorf gegangen, wäre ich nicht auf die Idee gekommen zu sagen, man muss auch Ost-Themen im Westen aufgreifen – so wie wir hier ja West-Themen mitreflektiert haben. Im Westen empfindet man das nicht als selbstverständlich.

Das spiegelt sich ja auch in Adjektiven wie ostdeutsch versus deutsch...

Und genau das wird einem klar. Wir werden jedenfalls diese Themen mitnehmen. Ich glaube auch, dass die Spannungen in der Gesellschaft in Deutschland mit einem noch nicht bewältigten 1989 zu tun haben. Und die Aufgabe, sich damit auseinanderzusetzen, die kann man natürlich nicht hierlassen. Sie muss überall erledigt werden.

Apropos Aufgabe: Ist mit Blick auf die Dresdner Montage Theater als Ort eines gesellschaftlichen Angebots mit seinem Versagen konfrontiert? Oder sind diese Menschen durchs Theater einfach nicht zu erreichen?

Das ist kompliziert. Wir haben in Dresden schon ein sehr breites Publikum. Ich habe auch Briefe zur „Öderland“-Inszenierung oder zu anderen Stücken bekommen, in denen sich als Pegida-Anhänger outende Zuschauer darüber schrieben, was sie im Theater als nicht fair wahrgenommen hatten. Es ist nicht so, dass bei uns im Theater ausschließlich ein links-liberales Bürgertum sitzt. Da kreuzen sich viele Gesellschaftsschichten, Altersstufen, politische Meinungen, und das ist sehr schön und konstruktiv. Der harte Pegida-Kern findet sich sicher nicht. Man schraubt ja auch niemandem den Kopf ab und setzt ihm einen neuen auf. Wir haben jedoch in viele Gesellschaftsbereiche hinein Leute erreicht, haben offen diskutiert, auch in vielen Publikumsgesprächen sehr kontrovers.

Das Dresdner Bürgertum ist schwerer zu bewegen als anderswo.

Viel schwerer! Doch das offene, liberale Bürgertum – das „links“ lass’ ich jetzt mal als eher historische Kategorie weg – äußert sich dann irgendwann doch, bekennt sich, ob nun zum Montagscafé oder über Spenden und natürlich über seinen Applaus. Ich glaube, das Bild von Dresden stellt sich jetzt differenzierter dar. Dresden ist nicht mehr in jeder Zeitung automatisch die Pegida-Stadt. Der aneignende und anmaßende Slogan der Pegida-Leute hat mich wahnsinnig geärgert: „Wir sind das Volk“ – nach dem Motto „Wir sind die Mehrheit und die anderen könnt ihr vergessen“. Dieser verkehrte, geschickt suggerierte Eindruck ist aber gedreht, glaube ich. Nicht nur durch uns, aber ein bisschen durch uns mit. C’est ça.

Pegida, AfD, Diskussionen über Kunst-, Satire-, Pressefreiheit: Manche malen den Untergang des Abendlandes schon in grellen Farben an die Wand. Wir haben über Dresden und Deutschland gesprochen. Wenn ich mich in Europa umschaue, wird mir aber ebenso schwummrig.

Die Soziologen gehen allgemein davon aus, dass in Europa, aber nicht nur da, etwa 30 Prozent der Bevölkerung für Rechtspopulismus anfällig sind. Und der Anteil steigt angesichts der Problematiken, die durch die Flüchtlingsbewegungen an den Tag treten. Da hat Dresden keine Sonderrolle. Die Sondersituation ist, wie ungeniert, bedenken- und gedankenfrei hier manches ausgesprochen wird und wie wenig dem widersprochen wird. Auch mir wird manchmal schwummrig – aber wo will man denn hin? Ins innere Exil, ins äußere? Gesellschaftliche Aufgaben wie das Werben für Empathie und das Aufmachen von Denkräumen bleiben bestehen. Egal, ob der Ort Dresden oder Düsseldorf heißt. Ich gehe übrigens davon aus, dass die Vernunft der Einzelnen und der Geschichte sich durchsetzt.

Von Torsten Klaus

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