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Sax Royal: Die erste Dresdner Lesebühne wird zehn

Sax Royal: Die erste Dresdner Lesebühne wird zehn

Es beginnt, wie immer zum Geburtstag von Sax Royal, mit einem Sekt. Jeder, der die Treppe zum Scheune-Saal hochsteigt, kann sich ein Glas nehmen. Früher gab es mal Bockwürste dazu, aber die wurden wegrationalisiert.

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Roman Israel, Stefan Seyfahrt, Max Rademann, Julius Fischer und Michael Bittner (v.l.).

Quelle: PR

Geblieben sind fünf Freunde, die längst noch ein anderes Leben haben neben den monatlichen Stippvisiten in Dresden. Und die weitermachen wollen, bis keiner mehr zu ihren Lesungen kommt.

Beim zehnten Geburtstag ist es allerdings sehr voll. Darauf haben sie eine ganze Weile hingearbeitet. Sie starten eine Etage tiefer in der kleinen Lounge, bringen ihren eigenen Bierkasten vom Netto mit. 2004 ist es einigermaßen abgefahren, dass sich Literaturinteressierte auf eine Bühne stellen und kurze, oft witzige Texte aus ihrem Alltag vorlesen. Nur in Berlin gibt es so was schon seit den späten Achtzigern. Fürs Verständnis auch wichtig: Eine Lesebühne ist kein Poetry Slam. Hier geht es um künstlerisches Nebeneinander eines festen Autorenteams, nicht darum, wer am besten beim Publikum ankommt. Angeblich sind Stefan Seyfarth, Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Julius Fischer mittlerweile eine "geschlossene Anstalt" (O-Ton Israel), in der alle harmonieren, obwohl sie höchst unterschiedlich sind. Oder gerade deshalb.

Da wäre der Fall Julius Fischer. Er liest gleich bei mehreren Lesebühnen, zieht mit einem gesungenen Comedy-Programm durchs Land, veröffentlicht mehrere Bücher und ist auch Fernsehenden bekannt. Er ist der Star der Dresdner Lesebühne, daran haben sich die anderen gewöhnt. "Das war am Anfang nicht leicht", räumt Roman Israel ein, der vielleicht Sperrigste unter den "weirden Onkels" (Fischer). Setzt Israel am Anfang auf bissige Lyrik, findet er mittlerweile Gefallen an der leiseren Prosa und veröffentlicht 2014 seinen ersten Roman. Er moderiert zwei Lesebühnen in Leipzig und sucht zu vereinen, was man als Hoch- und Subkultur gern trennt.

Im Prinzip ist eine Lesebühne überhaupt ein einziges Experiment. "Jeder Text, der neu entsteht, wird hier zum ersten Mal vorgelesen", sagt Michael Bittner, der die Auftritte von Sax Royal organisiert. Zum Jubiläum kommen viel mehr Gäste als erwartet. Und das, obwohl es jetzt einige Lesebühnen in der Stadt gibt, auch solche, die nur auf Comedy setzen. Das kann auch mal furchtbar trivial sein. Lesebühne ist zeitgenössisch, ist Schnellschuss. Bittner hingegen liegen die kurzen, satirischen Sachen. Der Germanist und Philosoph hat gerade für die britische Tageszeitung The Guardian einen kritischen Artikel geschrieben und dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera ein Interview zum Thema "Pegida" gegeben, weil er seit Wochen auf seinem Blog beobachtet und zuweilen spitzzüngig kommentiert, was in Dresden passiert. In seinem Werk verbinden sich Literatur und Gesellschaft am deutlichsten.

Bei den anderen ist die Realität eher so was wie ein Ideengeber. Max Rademann erzählt gern lustige Heimatgeschichten um das drollige Bergvolk des Erzgebirges, das ihn aufzieht und ihn dann nach Dresden entsendet, damit er dort von ihm berichten kann. Er ist hier vor allem als er selber unterwegs, spielt Orgel oder zeichnet Comics. 2014 hat er ein gezeichnetes Kinderbuch veröffentlicht, beim Verlag Sax Royal, der die Dresdner Lesebühne mitbegründete. Leif Greinus und Sebastian Wolter, zwei mutige Absolventen eines Leipziger Verlagsstudiums, begleiten seitdem die deutsche Bühnenleseszene und kümmern sich darum, dass das flüchtige Werk irgendwie konserviert wird.

Durchhalten zahlt sich aus. "Mittlerweile können vier von uns von der Kunst leben, das ist schon eher ungewöhnlich", sagt Bittner. Obwohl er nach Berlin verzogen ist, bleibt Dresden sein literarisches Zuhause, hier macht es ihm am meisten Spaß zu lesen, "auch wenn es woanders fünfmal mehr Geld gibt". Heimat eben. Vor ihm und seinem Team sitzen auch heute wieder einige, die das Format noch nicht kennen. Stefan Seyfarth, Vollzeit-Pädagoge und Familienvater, erklärt deshalb noch einmal, was sie machen. "Wir lesen Texte, singen Lieder, machen Pause, dann das Ganze nochmal, und am Ende geben wir ungefragt eine Zugabe. Mit diesem Konzept sind wir zehn Jahre gut gefahren." Keiner weiß, ob sich das ehemals progressive Format noch lange hält, Abnutzungserscheinungen gibt es schon.

Wenn kein Jubiläum ansteht, kommen deutlich weniger, lesen die Royalisten einzeln, wird es schon mal wirklich traurig. Die Alten können sich nicht auf die moderne Veranstaltungsform einlassen, die Jungen immer seltener etwas damit anfangen. "Fragt man Zwanzigjährige, wer Ahne ist, schaut man in ausdruckslose Augen", fasst Bittner die veränderte Situation zusammen. Dabei ist Ahne seit 1995 Teil der Berliner Lesebühne Reformbühne Heim & Welt, bei der auch Wladimir Kaminer las. Ahne ist quasi immer schon da mit seiner Punkprosa, und man hofft, er bleibt auch ewig.

Doch genau wie sich die Lesebühnen einst von Berlin aus verbreiteten und Literatur in schluckbaren Dosen in den Alltag vieler trugen, könnte es irgendwann wieder vorbei sein. Bittner sieht das gelassen. "Ich glaube, wir machen so lange weiter, wie wir Spaß an der Sache haben und Leute kommen."

nächste Lesebühne am Montag, 20 Uhr, Scheune

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.01.2015

Juliane Hanka

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