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Sartres "Die Fliegen" im Schauspielhaus Dresden

Sartres "Die Fliegen" im Schauspielhaus Dresden

Andreas Kriegenburgs erste Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden widmet sich dem ersten Stück von Jean Paul Sartre. Es ist eine Aufarbeitung der Orestie des Aischylos, entstanden im unmittelbaren Zusammenhang mit dem philosophischen Werk "Das Sein und das Nichts", uraufgeführt 1943 im besetzten Paris.

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Sonja Beißwenger als Elektra mit Widerspruchsgeist.

Quelle: Matthias Horn

"Die Fliegen" sind die über die Stadt Argos verhängte Plage, als Strafe für die verkommene Moral der Bürgschaft, die sich an der Ermordung ihre Königs Agamemnon geweidet hatte und sich nun unter dem Regime der Täter in verlogenen Reueritualen suhlt.

Die fetten Plagegeister umschwirren sogleich auch die beiden Fremdlinge, die da unversehens vor den hoch und schwarz ragenden Mauern der Stadt auftauchen und erst einmal die alten Weiber rocken, gebückte, schwarz verhüllte Wesen, unter deren Hauben grellweiße Masken aufleuchten, weiß wie die Wäsche unter den geblähten Reifröcken, unter den sich noch mancherlei verbirgt (Kostüme: Barbara Drosihn). Auf der kargen Bühne von Harald Thor entfaltet sich ein fast ungewohnt üppig mit Details und Requisite ausgeschmücktes Spektakel, über dem, mal als Konterfei thronend, mal in persona sich halb ironisch, halb autoritär einmischend, ein junger, schon etwas feister Gott Jupiter herrscht (Christian Erdmann). Fast gemütvoll, auf gepflegte Langeweile bedacht, möchte er die äußerlich harmlos, nur ein bisschen französisch salopp erscheinenden Fremdlinge gleich wieder wegkomplimentieren. Ihre Ankunft verspricht Ärger. Denn die beiden, die da ausgerechnet am 15. Jahrestag der Bluttat eintreffen, dem Tag, an dem alljährlich die Toten auferstehen, um ein Fest mit den vermeintlich noch Lebenden zu feiern, sind in Wahrheit Agamemnons Sohn Orest und dessen Lehrer. Keine Racheengel, eher aufgeklärte Humanisten, die zunächst nur vage ihrer Bestimmung zusteuern, wobei den Älteren (Torsten Ranft) die Sorge treibt, ob der Jüngere (Christian Clauß) die Füße auf den Boden der Realität bekommen wird. Sie mischen sich unter ein Volk aus Maskenträgern und ganz in Schwarz gekleideten Puppen (von denen sie sogar noch gedoubelt werden), begegnen endlich Orests Schwester Elektra, der Rachedürstenden. Von dem Herrscherpaar, das ohne Unrechtsbewusstsein, aber längst im Überdruss lebt und Macht wie unter Zwang ausübt, von Mutter und Stiefvater zur Schweinehirtin und Geschirrwäscherin erniedrigt, übt sie sich in kleinen Revolten. Sonja Beißwenger strahlt ungebrochenen Widerspruchsgeist aus, auch einen Hauch von Verruchtheit, der von ihren mörderischen Träumen herrührt und dem Zwiespalt, der ersichtlich so nah verwandten Klytämnestra (Nele Rosetz) zu begegnen, während Benjamin Höppner als Ägist schon ein ideales Feindbild abliefert.

Möglicherweise strapaziöse Rhetorik verpackt der Regisseur in einer Mischung aus Farce, Burleske und Klamotte, mixt Stilmittel aus Antike, Commedia dell'Arte, Klassik, Pop und analytisch kommentierendem "Zertrümmerungstheater", spart nicht mit Metaphern und Anspielungen. Mehr auf die Bürgerlichkeit im Allgemeinen als die Besatzungszeit im Besonderen, an die nur durch zwei Wächter oder Spitzel in Militärmänteln erinnert wird, die den Orest observieren sollen, sich dabei aber so grunddämlich anstellen, dass es seinerzeit vermutlich doch der Zensur aufgefallen wäre.

Solch mit betonter Lust überzogene Einlagen spaßig zu finden, ist Geschmacksache, doch auch ansonsten wollen sich Tragödie und philosophischer Exkurs nicht recht verbinden. Im Reigen aus rasch wechselnden, durchaus eindrücklichen Bildern und Stimmungen regieren Brüche, nicht harmonische oder logische Übergänge. Es regiert Theater pur, lukullisch bis zum Perversen, schillernd und einfallsreich, artifiziell bis hin zur Sprachäquilibristik. Der Inhalt oder die vermeintliche Botschaft aber wird doch bruchstückhaft verständlich. Als sei sie um den Kern beraubt, um die Grundvereinbarung, an der ein Hebel anzusetzen wäre. So virtuos und engagiert der Vortrag, produziert er doch vor allem Äußerlichkeiten und Schauwert. Forcierte Lautstärke allein kann nicht recht glaubhaft machen, dass oder wie große Gedanken aus Leidenschaft entspringen, zumal auch die verbale Verständlichkeit leidet. Zumindest mein Gefühl wird am ehesten durch musikalische Untermalungen angesprochen, die durchaus auch konterkarierend gemeint sein können (don't think twice, it's alright).

Die Thesen Sartres über Schuld und Reue, die naturgegebene Freiheit und die daraus folgende Verantwortlichkeit des Menschen, der nur die Unwissenheit entgegensteht (und der Götzendienst), degenerieren zu Plattitüden intellektueller Konversation. Der spielerische Umgang mit dem Makabren gaukelt eine Distanz vor, die aber wohl oder übel nur aus Halbwissen und Halbverstehen resultieren kann, das sich dann entsprechend feiert - sicher nicht zynisch, aber vielleicht bewusst herausgefordert als Realsatire?

Die eigentliche Tragödie jedenfalls gerät, kaum nachvollzieh-bar und nur rhetorisch behauptet, in den Hintergrund. Was ja vielleicht der wahren Tragödie des modernen Menschen in der westlichen Welt entspricht, der sich seiner realen Bedrohtheit immer mehr entfremdet und, statt ihr wirksam zu begegnen, in Scheingefechten und auf Nebenschauplätzen vertändelt. Einmal allerdings verbinden sich Figurenentwicklung und Erkenntnisgewinn auf recht deutliche Weise, nämlich in dem Moment, wo Orest vom Vollstrecker eines notwendigen Urteils zum Mörder wird, indem er die Qualen der Opfer zu genießen scheint. Danach folgt ein nicht nur technisch bedingter Bruch zum dritten Akt. Der zeigt das geflohene Geschwisterpaar in einem Tempel, der durch das grünliche Licht der Scheinwerferbatterien im Hintergrund eher an eine Leichenschauhalle erinnert, auf deren eisglattem Boden die Erinnyen in weißen Foliekitteln hin und her schlittern, ehe sie sich lüstern fraßgierig über ihre Opfer hermachen, nur vom Äußersten abgehalten von Jupiter. Dass dabei sehr viel kostbarer roter Saft verspritzt wird, illustriert vor allem, wie schmal mittlerweile der Grat zwischen unerträglichem Horror und Event geworden ist und wie schwierig der Umgang mit Ambivalenz. Ein Teil des Publikums findet die Szene offenbar total lustig, an der mit Stefko Hanushevsky, Robert Höller, Anna-Katharina Muck, Tom Quaas auch die bisher nicht genannten Darsteller beteiligt sind. Verdienter Schlussbeifall, aber wie er teils ins Frenetische wuchert ist für mich verstörender als die Aufführung selbst - zumal auf das Finale bezogen, mit dem Kriegenburg von der Vorlage abweicht.

Wie Sartre hat er wohl auch Marx gelesen, aber der Zeitgenosse jüngerer revolutionärer Erhebungen zieht aus der Geschichte einen anderen, fatal offenen Schluss. Sartre vergleicht Orest mit den Helden der Resistance, Kriegenburg hingegen glaubt nicht an magische Autorität und lässt ihn von der empörten Menge steinigen. Die reuige Elektra aber, die sich im Gefängnis ihrer Träume wohler fühlt als in einem verantwortlichen Leben, darf in den Schoß der Kirche zurückkehren.

inächste Aufführungen: heute, 27.2., 8. & 28.3.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.02.2013

Tomas Petzold

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