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Sándor Dórós Bilanz seiner Lehre in der Dresdner Künstleranatomie: ein Prachtband

Interview Sándor Dórós Bilanz seiner Lehre in der Dresdner Künstleranatomie: ein Prachtband

Der Dresdner Künstler Sándor Dóró zieht mit einem Standartwerk Bilanz über acht Jahre Lehrtätigkeit in der Künstleranatomie. Die DNN haben sich mit ihm unter anderem über das Verhältnis von Kunst und Handwerk unterhalten.

Didaktische Wandtafel, HfBK Dresden

Quelle: Sándor Dóró

Dresden. Wenn die Künstleranatomie an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste nicht als Stiefkind erscheint, sondern als besondere Attraktion, die auch viele auswärtige Studenten anzieht, dann ist das offenbar eher einer Verkettung von Zufällen zu verdanken als einer planvollen Wertschätzung. Denn die einst weitgerühmte Professur eines Gottfried Bammes ist seit 30 Jahren Geschichte, für das Fach gibt es heute nur die Stelle eines künstlerischen Mitarbeiters. Grundlegende Innovationen sind da kaum zu erwarten. Doch mit dem seit Ende der 70er Jahre in Dresden lebenden Ungarn Sándor Dóró fand sich nach dem Ausscheiden von Bammes‘ letztem Assistenten vor acht Jahren ein Bewerber, der nun den Extrakt achtjähriger Lehrtätigkeit im Eigenauftrag zu einem Buch werden ließ, das als gewichtiger Prachtband im Berner Haupt Verlag erschien und als originäres Standardwerk der Künstleranatomie international Furore machen sollte. Wie es mit dem Fach an der HfBK weitergeht, scheint jedoch offen, denn Dóró steht aufgrund seines Alters nur noch für wenige Semester zur Verfügung. Ein Gespräch mit dem Künstler, der sich als Zeichner, Maler und Performer einen Namen gemacht hat.


Wie ist es möglich, wenn man 23 Jahre freischaffend und mit ganz anderen Dingen beschäftigt war, dann plötzlich in kurzer Zeit so ein Werk hervorzubringen wie dieses umfassende Buch zur Künstleranatomie?

Ich wurde damals angerufen durch die Hochschule, dass mein Vorgänger Günter Schreiber in Rente gehe und ob ich für das Frühjahrssemester einspringen könnte. Ich habe Ja gesagt und mich dann, als die Stelle ausgeschrieben wurde, erfolgreich darum beworben.

Waren denn die nötigen Kenntnisse noch so frisch, um gleich daran anknüpfen zu können?

Nein, aber die Anatomie als solche war für mich noch gegenwärtig. Ich war ja fünf Jahre bei Gottfried Bammes Hilfsassistent und später Assistent, was heute Tutor heißt, und so habe ich gespürt, dass ich diese Arbeit problemlos machen kann. Nach den ersten zwei, drei Semestern häuften sich dann die Tafelzeichnungen. Was ich immer wieder abwischen musste, habe ich vorher fotografiert und hatte dann schon ein paar hundert Zeichnungen, und dachte dann, dass es eigentlich schade ist, wenn sie sich nur digital in meinem Archiv befinden. Ja, und dann habe ich es dem Schweizer Verlag angeboten und der hat freundlicherweise Interesse gezeigt. Eigentlich war es aber überhaupt nicht geplant, dass ich so ein Buch schreibe. Das Thema Hochschularbeit war eigentlich schon für mich erledigt, und es ist ja auch selten, dass jemand noch mit 58 eine solche Gelegenheit bekommt.

Welche Rolle spielt die Künstleranatomie in der Hochschulausbildung im Vergleich zu früher?

Sie hat hier in Dresden in 251 Jahren Hochschulgeschichte immer eine wichtige Rolle gespielt in der Grundausbildung. Ich denke, für Studenten, die freie Kunst studieren, ist die künstlerische Ausbildung das Wichtigste, es gibt aber auch noch andere Fachrichtungen wie die Theatermaler und -plastiker, die auf hohem Niveau ihr Handwerk beherrschen müssen. Einen Maskenbildner kann man sich ohne Detailkenntnisse über die mimische Muskulatur und den Schädelaufbau kaum vorstellen. Deswegen denke ich, das bleibt auch in Zukunft ein Teil der Grundausbildung.

Früher, auch zu Zeiten Ihres Studiums, war es doch noch so, dass die Künstleranatomie als unverzichtbare Grundvoraussetzung angesehen wurde. Das scheint doch heute völlig anders zu sein?

Natürlich kann man ein guter Künstler sein ohne Künstleranatomie, auch ohne Hochschulstudium. Wenn wir das so sehen, ist es gar nicht wichtig zu studieren – wenn man eben ein geborener Künstler ist. Für alle anderen ist die Hochschulausbildung eine Erleichterung, man bekommt einen schnelleren Überblick, trifft gleichgesinnte junge Kollegen… Auch das wäre ohne Künstleranatomie möglich, aber genauso auch ohne Kenntnis der Farblehre.

Verhält es sich Ihrer Ansicht nach bei den handwerklichen Grundlagen ähnlich?

Das Wichtigste sind erst einmal nicht die handwerklichen Grundlagen, sondern dass man eine Idee hat. Die Idee ist das Entscheidende für die Zukunft des Kunstwerks, und die Idee, die erst einmal nur im virtuellen Zustand da ist, noch nicht ausgegoren, ist dann in Form zu gießen und auszuschleifen. Wenn man zum Beispiel in einem Museum einen wunderbaren alten Schrank sieht, der von dem Tischler selbst entworfen wurde, dann war dieser Tischler ein Künstler. Aber wenn er nach einem vorgegebenen Plan gearbeitet hat, ist er eben ein Handwerker und derjenige, von dem der Entwurf stammt, der Künstler. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn man auch handwerklich gut vorbereitet ist. Bei einem Klavierspieler kann man schwer unterscheiden, wo das Handwerk aufhört und die Kunst beginnt.

Für die Musikausübung scheint ja exzellentes Handwerk geradezu unverzichtbar – ist das in der Malerei wirklich so viel anders?

Ja, das ist schon eine andere Geschichte. Aber zum Beispiel gibt es auch in der bildenden Kunst viele fünfjährige Wunderkinder, die aber alle bald wieder verschwinden. Es ist letztlich die Frage, ob man alle Stufen des Prozesses selbst durchmacht, von der Idee über die Virtualisierung und Ausformung bis zur Vollendung. Diese ist eigentlich Aufgabe des Handwerkers.

Also ein Plädoyer für die Trennung von Künstler und Handwerker?

Nicht unbedingt. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass jemand anderes meine Zeichnungen fertigt oder meine Bilder malt. Aber das Entscheidende daran ist eben die Idee, dass etwas auf die Welt kommt, was vorher so noch nicht da war.

Ein Studium soll ja wohl auch Impulse geben für die Entwicklung von Ideen. Welche Chancen sehen Sie da aktuell, genau das zu vermitteln, zumal bei der großen Zahl von Studenten?

Meine Arbeit unterscheidet sich grundlegend von der eines Klassenleiters. Eine Malklasse zu führen, ist etwas völlig anderes. Die Studenten, mit denen ich arbeite, sind nicht „meine“ Studenten. Sie sind verpflichtet oder auch nicht, das Fachgebiet zu absolvieren, um Noten zu bekommen. Sie kommen nur bei mir vorbei für jeweils eineinhalb Stunden in der Woche während der ersten vier Semester. Weiter beeinflusse ich sie nicht.

Etwas anderes ist es da schon beim Aktzeichnen?

Ja, ich habe das große Glück, dass ich parallel zur Anatomie das Aktzeichnen begleiten kann – da kann ich relativieren. Die Anatomie muss nicht, kann aber auch Kunst sein, wie man schon an den Blättern von Leonardo da Vinci sehen kann. Ich sehe auch meine Tafelzeichnungen als künstlerische Zeichnungen an. Das sind keine Kopien, sie sind nach Vorstellungen entstanden und trotz des didaktischen Inhalts sehe ich sie als Kunst.

In dem Sinne ist es aber wohl keine feste Vorgabe, sondern passt in das Bild von einer Hochschule als Schutzraum für künstlerische Entwicklungen, wo jeder seinen eigenen Weg finden muss?

Ich denke – dabei spreche ich nur vom freien künstlerischen Bereich –, dass es da so funktioniert. Es sind Studenten, die mehr wissen wollen, die mehr Freiheit haben wollen, die sich während des Grundstudiums umsehen, die Professoren kennenlernen und auswählen, bei wem sie studieren wollen. Dafür bietet die Hochschule die Voraussetzungen. Es gibt auch viele Erasmus-Studenten von anderen Hochschulen, die in der Anatomie und im Aktzeichnen bei mir vorbeikommen, die sind begeistert von dem Angebot. Viele wollen dann noch ein Semester bleiben, weil es bei uns eine hochrangige Ausbildung auf allen Ebenen gibt.

Das Gegenständliche spielt in jüngerer Zeit offenbar wieder eine größere Rolle, ich sehe es auch an Ihren freien Arbeiten. Spielt da die Attraktivität der Künstleranatomie mit hinein?

Die Studenten interessieren sich sehr für das figurative Arbeiten, nicht nur in der Malerei. Es gibt aber eine sehr gute Mischung bei uns, nicht nur Professoren, die gegenständlich arbeiten, sondern auch Medienkünstler und Vertreter der gegenstandslosen Kunst. Alle Ebenen sind vertreten, auch als Klassen. Die Künstleranatomie ist schon ein gewisser Zwang, um gegenständlich zu arbeiten. Bei Erklärungen kann ich nicht frei arbeiten von den Proportionen und Grundformen. Wenn ich den Kopf als eine Kartoffel zeichne oder als eine Rübe, kann ich darüber keine Informationen weitergeben. Es ist dann nicht erkennbar, dass es ein Behälter ist, in dem unser zentrales Nervensystem geschützt wird, in dem sich unsere Sinnesorgane befinden, alles, wie es sich im Lauf der Evolution ergeben hat. Und deshalb finde ich es besser, wenn das nicht ein Anatom macht, sondern ein Künstler, der schon Erfahrungen hat und auch bereit ist, bestimmte Stoffe zu lernen.

Das Besondere an Ihren Zeichnungen scheint mir, dass sie ein hohes Maß an Abstraktion bieten, eine Abstraktion, die sich aber nicht allein auf die Funktionalität der Körpermechanik bezieht...

Man kann beim Sezieren nicht alles sehen, nicht unmittelbar alle nötigen Einblicke bekommen. Auch die Fotografie hilft nicht viel weiter. Wenn man einen Menschen aufschneidet in der Leichenhalle, sieht man einen Wirrwarr. Aber die Zeichnung kann über- und unterordnen, kann betonen, kann weglassen, und dadurch ist sie zugleich eine neue Schöpfung Es gibt viele, die verwechseln die Mittel. Wenn wir nämlich zeichnen, bestimmen wir, Länge, Breite, Oben und Unten, Dunkelheit, Helligkeit. Wenn ich male, gebe ich ein Urteil ab, manche malen rote, manche blaue Bilder, das ist ein Urteil. Wenn ich jedoch beim Zeichnen urteile, aber nicht zum Beispiel die Länge, Eckigkeit, Weichheit, die Biegungen eines Unterarms bestimme, sondern nur als ein Ich urteile, dann führt das nirgendwohin. Man muss also wissen, was man macht, dass es sich hier nicht wie in der Malerei darum handelt, ein sehr souveränes Urteil darüber abzugeben, wie der menschliche Körper aussieht oder funktioniert. Das geht in der Künstleranatomie nicht, weil es sich um Tatsachen handelt, die man bestimmen muss. Ohne zeichnerische Erfahrung ist das sehr schwer.

Das Buch beinhaltet auch sehr ausführliche Lehrtexte. Wie weit waren die schon für Ihre Lehrveranstaltungen ausgearbeitet?

Es war für mich das Allerwichtigste, diese Texte auszuarbeiten, weil natürlich die Anwesenheit von Gottfried Bammes an der Hochschule noch sehr intensiv ist, er war ja auch mein Lehrer und so bestand die Gefahr, dass ich beim Ausarbeiten die Bammes‘schen Bücher in die Hand nehme – aber ich habe es nicht getan. Ich wollte mich nicht einmal annähernd an Bammes oder einen anderen Anatomielehrer anlehnen. Es gibt auch eine Menge Dinge, die man damals gar nicht besprochen hat, es gibt sehr viele Neuheiten und Vermittlungen durch die digitale Welt. Ich habe auch im Fernsehen viel Interessantes erfahren und aufgehoben. Ich habe mich hingesetzt und erst einmal ungarisch meine Kenntnisse formuliert. Die Übersetzung habe ich dann zusammen mit Henrik Weiland überarbeitet. Bei der Passage, wo ich die Schädelkonstruktionen von Karl Schmidt und Bammes vergleiche, hat mir mein Sohn geholfen. Auch die Lektoren vom Verlag haben eine unheimliche Arbeit geleistet und sehr viel zur Klärung des Textes beigetragen.

Sándor Dóró, Künstleranatomie: Menschliche Körper zeichnen, ca. 400 Seiten, Haupt Verlag Bern ISBN ISBN: 978-3-258-60128-1, 98 Euro

Von Tomas Petzold

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